Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 9. (27.2.1878)
- Date
- 1878-02-27
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9582938--3491-9582944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 70 — — fragte ihn bei dieser Gelegenheit der Papst. „Heiliger Vater!" — lautete die Antwort — „ich bin Jude und darf kein Kreuz tragen!" „Du ein Jude, und rettetest drei kath. Priester?" rief Pius verwundert und ergriffen aus, „das ist mehr als edel!" „Ich habe nur meine Menschenpflicht gethan" — erwiderte der Jude. — Bei diesen Worten umarmte ihn der Papst und gab ihm sein Bild nebst einer goldenen Kette zum Andenken. Lissabon, 3. Februar. Aus Anlaß des Todes des Königs von Italien, Schwiegervaters unseres Königs, hat die hiesige israelitische Gemeinde der königlichen Familie eine Beileidsadresse überreicht. Eine Deputation wurde beauftragt, dem Könige dieselbe zu überreichen. Sie wurde in dem Palast von dem Ordonnanz Offizier und von dem Grafen Mafra aufs Freundlichste empfangen Die Herren unterhielten sich mit den Mitgliedern der Deputation über unsere bürgerliche und politische Stellung, und da wir zu erkennen gaben, daß wir nach den Gesetzen des Landes nicht im vollen Genuß der Bürgerrechte seien, und die Herren darüber entgegengesetzter Ansicht waren, so machte der Ordonnanz-Offizier dem Könige, welcher eben beim Frühstück war, hiervon Mittheilung. Der König ließ uns daruf sagen, daß er persönlich mit uns über diese Angelegenheit sprechen wolle. Die Deputation, welche nur die Adresse zu überreichen gedacht hatte, war hierauf kaum vorbereitet, sie trug indesien Sr. Maj. die Bitte vor, die israelitische Colonie in Bezug auf bürgerliche und politische Rechte den übrigen Portugiesen gleichstellen zu wollen; das portugiesische Volk sei wohlwollend und edelmüthig gegen die Israeliten, aber die Gesetze seien dies noch nicht. — Hierauf geruhte der König Folgendes zu antworten: „Die Verfasiungsurkunde gewährt allen portugiesischen Bürgern, ohne Unterschied des Glaubens, gleiche Rechte; und wenn Sie über die Auslegung der Charte einen Zweifel haben, so muß meine Versicherung, daß dies der Sinn derselben ist, Ihnen genügen; ich ermächtige Sie, das Nöthige zu thun, um diese Anwendung zu sichern." Se. Maj. reichte den Mitgliedern der Deputation die Hand zum Kusse. Die Art, wie sie empfangen wurde, hätte nicht huldvoller und wohlwollender sein können. (Univ. Jsr.) Rußland. Es sind in neuester Zeit wiederholt Gerüchte über bevorstehsnde Verbesserungen der Stellung der Juden in Rußland aufgetaucht, und — dementirt worden. Der „Globe" vom II. Febr. berichtet nun, daß Dank den Bemühungen hervorragender jüdischer Lieferanten, welche zum größten Theile die verantwortliche Versorgung der russischen Truppen in Bulgarien seit deren Uebergang über die Donau übernommen haben, der Czar veranlaßt worden ist, einige der Verordnungen, unter denen die Inden in Rußland zu leiden haben, aufzuheben. Unter anderem hat der Czar den hebräischen Kaufleuten fremder Nationalitäten, welche Rußland zu Handelszwecken besuchen, gestattet, Mitglied der ersten Kaufmannsgilde zu werden, durch welches Privilegium dieselben auf gleichen Fuß mit den Russischen Kaufleuten gestellt und wodurch ihnen gewisse Rechte eingeräumt worden, ohne welche es fast unmöglich ist, irgend welche Exportgeschäfte in russischen Städten zu betreiben. (Mehr wäre freilich mit einer Entjochung der armen inländischen Juden gedient.) Glaubwürdig genug ist dagegen die Nachricht des „Wien. Jsr.", daß die Juten im rumänischen Bessarabien in großer Angst schweben, weit sie bte Ueberlieferung dieses Landstriches an Rußland fürchten. Denn daß die Juden in Rumänien immer noch nicht so übel daran sind, wie in Rußland, geht ja aus dem Umstand hervor, daß so viele russische Juden nach Rumänien übergetreten sind und gerade diese letzteren haben natürlich bei dem bevorstehenden Tausche am meisten zu fürchten. Algier. Auch in Algerien sind mehrere Juden in die Munizipalräthe, Handelstribunale u. s. w. gewählt worden. In Constantine handelte es sich sogar um die Wahl eines Israeliten, Herrn Alphandery, zum Maire. Das Journal „Vigie alg&rienne“ und Charles Bigot im „XIX. Siöcle" traten sehr entschieden für diese Wahl ein und beschuldigten den General-Gouverneur (Chanzy) und das Ministerium, daß sie der Wahl eines Israeliten als solchen entgegenarbeiten. Inzwischen ist wirklich ein anderer zum Maire, Alphandery zum ersten Adjuncten ernannt worden. (Arch. Jsr.) Canea (Kreta), 20. Jan. Eine Correspondenz des „Arch. Jsr." bringt günstige Berichte über die Gesinnung, welche sowohl Türken wie Griechen gegen die Israeliten hegen. Es heißt daselbst: „Man bemerkt mit Vergnügen, daß die griechischen Bauern, welche ihre Töchter im Dienst bei Türken haben, sie sehr gern zu Juden bringen, weil sie sie dort für sicher Hallen. Während des Aufstandes von 1866 brachte man dagegen diese christlichen Mädchen ins Gebirge zur Sicherheit." Aus anderen Theilen der Insel lauten leider die Berichte über die Sicherheit der Israeliten weniger günstig. Feuilleton. Täusch ringen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit. Von Leo Herzberg-Fränkel. (Fortsetzung.) „Zum Erzählen war keine Zeit. Männer, die arbeiten wollen, dürfen nicht plaudern. In den Provinzen glimmt es, sagten sie kurz, bald wird es brennen. Leute haben wir und Geld." „Baron Marinski und Graf Kronowski waren heute hier", sagt Hedwig nach einer Pause; „sie haben sich nach Deiner Rückkunft erkundigt. Sie erzählten mir von den neuesten Fortschritten unserer gemeinschaftlichen Sache. Die Wälder beleben sich immer mehr, die Jugend folgt freudig dein Rufe und sammelt sich im Dunkel der Forste; Waffendepots sind errichtet, wo ein hohler Baum steht und ein sicheres Verließ vorhanden; auf jedem Edelhof sind Poststationen angelegt für Briefe und Boten; jede Provinz, jeder Kreis, jeder Bezirk, jede Stadt, jedes Dorf haben ihre Militärcommandanten, ihre politischen und ihre Polizeichefs, ihre Staatskassen für Ein- und Ausgaben und ihre Lieferanten. Für den Fall entstehender Lücken durch Tod, Absetzung, Verhaftung oder Abfall sind Reservemänner bestellt, die den Posten sogleich übernehmen, wie er vakant geworden, und hinter diesen vorgerückten Reservisten stehen abermals dienstbereit andere designirte Männer. So zieht sich ein weites, weites Netz über das ganze Land und wir hier," sagt Hedwig lächelnd, „halten die Schnüre." „Du strahlst vor Glück, liebe Hedwig!" erwidert der junge Mann, in das Feuer ihrer Augen blickend; „sei ehrlich, Geliebte; steigt nie an Deinem Horizonte eine Wolke auf — siehst Du nie einen Sturm kommen, der unfern großen Bau zusammenwirft und uns unter feine Trümmer begräbt?" „Niemals! Solche Besorgnisse wären Schwäche und würden nufere Thatkraft nur lähmen. Wir müssen zuversichtlich sein, wenn wir reussiren wollen, und reussiren müssen wir, wenn wir nicht elendiglich zu Grunde gehen wollen! Hinter uns, mein lieber Karl, sind die Brücken abgebrochen, es giebt niemals eine Umkehr für uns; wir müssen daher vorwärts; vorwärts, bis die Russen aus diesem Lande verjagt sind und in Polen—Polen herrschen!" „Ich bewundere wahrhaftig an Dir, der Frau, dem jungen Mädchen, diese eherne Energie, die selten dem Manne eigen ist. Ich, der ich leiste, was ich eben, was eben ein beherzter Mann leisten kann, theile Deine Zuversicht nicht; ich werde nie auch nur um eine Haarbreite zurückweichen, denn ich habe mich unserer Sache gewidmet, an die mich überdieß die Liebe zu Dir fesselt — aber bei aller Opferwilligkeit ist mir der Erfolg durchaus nicht gesichert, weil wir Elemente hineingezogen, die die gute Sache nicht fördern können, und was mir weh thut, ist, daß ich meinen alten Vater ebenfalls hineinzog, ohne daß er es auch nur ahnt." „Wie meinst Du es?" „Nun, indem wir in seinem Hause, in seiner Betstube eine geheime Presse anlegten."