Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 9. (27.2.1878)
- Date
- 1878-02-27
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Hedwig lachte. „Im Hause eines Nuffophilen, einer Leuchte des conservativen orthodoxen Judenthums, legt der entartete, auf Abwege gerathene, in dem Netze einer christlichen Jungfrau zappelnde Sohn eine revolutionäre Presse an!" „Und dieser Gedanke, Hedwig, läßt mir auch keine Ruhe. Stünde ich allein, ich würde mit jedem Gedanken meiner Seele, mit jedem Tropfen meines Blutes Eurer Sache gehören/ wie ich mit allen Gefühlen meines Herzens Dir gehöre. Aber meinen greisen Vater, einen Mann, der auf ein untadelhaftes Lebeil zurückblickt, möglicherweise in die Citadelle bringen, diese Furcht i|t, ich gesteh s, größer, als mein Patriotismus!" „Aber sei kein Kind, Mann," sagte die junge Dame, „wer wird auch so beäug listende Gedanken haben! Wird^ es je unserer Polizei einfallen, in jenen krummen dunklen Gassen, wo Dein Vaterhaus steht, in jenem Gotteshause, wo Dein Vater mit seiner Gemeinde sich alltäglich zum Gebete versammelt, eine unserer revolutionären Maschinen zu suchen, mit denen wir den Moskowitismus in die Luft sprengen wollen?" „Die Polizei hat tausend Augen und wir eben so viele Verräther." erwiderte Karl, „uild dieß beängstigt nüch so oft und so sehr; über meine Person konnte ich verfügen, aber ich hätte nicht meinen Vater meuchlerischer Weise hineinziehen sollen." „In der großen Sache müssen Individuen aufgehen und über Leichen führt der Weg zum Siege. Was zählen wir, was unser Besitzthum, unsere Angehörigen, was das Leben von Tausenden, was all'die unzähligen Opfer, die wir bringen, wenn durch sie die Regeneration des Vaterlandes, die Wiederherstellung Polens erkauft würde? Wir Individuen fallen wie die Steine in's Wasser; es zischt auf — es bilden sich einige Ringe nnd bald ist die Spur verwischt. Die Wunde des Vaterlandes aber klafft ewig und schreit ewig um Rache. Nichts ist so thener, so groß und so heilig, das nicht wohlfeil genug wäre, um das Vaterland zu rächen und zu erwecken!" „So nahe mir das Vaterland geht — der Vater geht mir näher, nächst Dir am nächsten, Hedwig. Wärest Du nicht der Preis, nie würde ich d'rein gewilligt haben, unter den arglosen Schritten meines Vaters eine Mine anzulegen, die jeden Augenblick explodiren kann. Meine Liebe aber ist stärker als ich, und wenn meine Vernunft über mein Herz eine Kruste zu legen sucht, da fällt ein Strahl Deines Auges nieder und was zu Eis werden wollte, das wird zu Feuer." Und der junge Mann schlang seine beiden Arme um den Nacken der reizenden Dame, die jetzt in der Thal mit einem Blicke auf ihm weilt, der trägeres Blut in Wallung und einen kühleren Verstand aus seiner Ruhe bringen könnte. „Siehst Du", fuhr er fort, „wenn Du nur sagtest, hier gähnt die Hölle, spring in ihren Schlund — da steht ein Tyrann hin'er einem zehnfachen Wall von Bajonetten, greif ihn an — ich würde gehorchen, und wenn Du mir nur ein Lächeln und eine Thräne versprächest. Würde die Allgewalt, die Du über Individuen hast, sich auf Völker ausdehnen, meine Hedwig, Du würdest eine Welt beherrschen! Daher dieß glühende Verlangen, diese verzehrende Ungeduld, das Willensstärke königliche Weib mein zu nennen, mein für immer!" „Bis Polen frei geworden, lieber Karl. Bis dahin unermüdlich an's Werk. Gehe jetzt zu Pater Franz und beauftrage ihn, Namens der Nationalregierung, übermorgen Sonntag abermals eine Predigt zu halten, wie er sie vor vierzehn Tagen gehalten; nur könnte er mehr Zunder noch hineingeben, mehr Donner und Blitz." „Ich kenne den Pater Franz nicht." „Er kennt Dich und weiß, daß Du Mitglied der Regierung bist. Adieu Karl. Morgen bin ich nur in sehr dringenden Füllen zu sprechen; ich erwarte Dich übermorgen." „In einem solchen Zeitraum ungeduldiger banger Erwartung hat eine Ewigkeit sammt Familie Platz, Adieu. Sage dem Kriegsminister, daß unsere Kaffe sich wieder gefüllt habe und er seine Einkäufe wieder aufnehmen könne. Wir besprechen es übermorgen, ob wir einen Theil unseres Baarvorrathes nach Brüssel übermachen. Vor Allem Waffen! Lebe wohl, meine Geliebte; auf Wiedersehen!" Sie steht mitten im Salon; ein spöttisches Lächeln um den Mund, das stolze Haupt aufgeworfen und die Arme gekreuzt, als sich die Thüre hinter Karl schließt. „Blöder Thor!" sagt sie, „Du wähnst mich schwach genug, dir zu erliegen und während du an nieinem Gängelbaude zappelst, vermißt du dich, der Herr deiner Gebieterin ztt werden. Du bist eitel genug, zu glauben, daß die Tochter einer polnischen Patrizrerfamilie ihr Herz an einen Juden verloren hätte, der dafür nichts bieten kann, als höchstens sein Leben. So wohlfeil vergeben wir uns nicht und über unser Herz wacht die Vernunft. Warte, Herr Holdheim, bis das blutige Drama zu Ende, welches wir spielen und mit dem Vorhang fallen auch die Schuppen von deinen geblendeten Augen und du wirst froh sein, wenn man dir für deine vermeintlichen großen Dienste gestattet, einen Laden im unbefugten Bezirke zu eröffnen." (Forts, folgt.) Festgedicht zum 7vsten Stiftungsfest des Vereins ijunin Glogau.^) So sind denn siebzig Jahre heut versiossen. Seitdem in schöner, lichtverklärter Stunde An diesem Orte Judas junge Sprossen Vereinten sich zum froinmen Liebesbunde; Ein Strom des Heils hat sich aus ihm ergossen Zu lindern hier der Armen Noth und Wunde; Bewährt hat sich, was uns der Sänger kündet: Von Kindesmund wird Herrliches gegründet. Es war die Zeit, wo stolzer Feinde Drohen Wo dunkle Wetter dieses Land umfingen; Es zitterten die Fürsten selbst, die hohen, Geschweige denn die Schwachen und die G'ringen; Ja dieser Stadt schien ganz das Glück entflohen Gekesselt lag sie in der Feinde Schlingen,*) **) Da suchte Trost für alle Schmach der Feinde In milder That die jüdische Gemeinde. Es waren dumpfe, dunkle Chederstuben, Aus denen dieser Lichtgedanke sprühte; Nicht schmückte Goldesglanz die jungen Buben Aus deren Seelen diese Stiftung blühte; Nur weil sie nach dem gold'nen Horte gruben, Der tief uns ruht im innersten Gemüthe, So durften sie das hohe Glück genießen, Sah'n edle Saat au> edlem Samen sprießen. Die meisten ach! sie sind zu Staub geworden, Die sich dereinst zum guten Werk verbündet; Es mischt sich zu den jubelnden Akkorden Der Seufzer, der den bangen Schmerz verkündet; Jndeß der Schmerz darf nicht die Freud' uns morden. Denn dauernd lebt, was liebend sie gegründet; Laßt uns den Geist zu ibnen aufwärts lenken, Den treuen Todten weiht ein treu Gedenken! Dem Bunde Heil! drei greise Bundesglieder Sind lebensfreudig heut in unsrer Mitte; Sie sangen dem Verein die Wiegenlieder, Sie schützten ihn, daß er nicht Schaden litte; Sie sind sein Stolz, sein Schmuck! und immer wieder Erhebt aus unsren Seelen sich die Bitte: Erhalt' o Gott! noch lang die wack'ren Greise Auf daß ihr Beispiel Deinen Weg uns weise. Verschieden sind im Denken und Empfinden Die Männer, die zu diesem Buna gehören! Wer könnte auch ourch eine Formel binden Die Geister, die sich gegen Zwang empören! Das Werk der Liebe soll uns einig finden, Hier gilt's, daß wir zu einer <>ahne schwören. Mög' dieser Bund sich fort und fort erneuen, Noch späte Enkel seines Blüh'ns sich freuen! *) Siehe vor. Nr. unter „Glogau." **) Glogau war, wie bekannt, von Franzosen besetzt.