Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 9. (27.2.1878)
- Date
- 1878-02-27
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 69 — Mathematik und Naturwissenschaft gelehrt, in Vorbereitung für die Universität. Im Hebrew Union College werden die hebr. und rabbinischen Fächer gelehrt, vorbereitend für die rabbinische Abtheilung, die im Jahre 1879 eröffnet werden wird, und zwar für Studenten der Universität. Jede dieser Abtheilungen wird aus vier Jahrgängen bestehen. Das College wurde October 1875 eröffnet, die dritte Vorbereituugsklaffe ist also jetzt die höchste. Es wurde in den verschiedenen Klassen vorgenommen hebr. und arain Gram., Geschichte bis 70 u. 6., Bibelübersetzungen aus Thora, erste Propheten und 12 kleinere Propheten, Mischna aus Movd und Nesikin, Michilta Anfang und vier Perakim aus Talmud Berachoth vollständig. Das Examen ist zur allgemeinen Zufriedenheit ausgefallen. Es erregt hier kein geringes Erstaunen, amerikanische Burschen im reinsten Englisch Mischnah und Talmud vortragen zu hören. — Herr Peixotto hat die Ernennung zum Generalconsul für St. Petersburg abgelehnl, und wird sich in San Francisco der juridischen Praxis befleißigen. (Nach neuerer Nachricht wäre P. zum Consul in Lyon ernannt.) St. Louis. Vor einigen Wochen erschien in der Tagespresse unserer Stadt die Anzeige, daß der hier sehr beliebte, begabte und gelehrte katholische Bischof am -16. Dezember in der Mercentüe Lrbraryhalle öffentlich über das Thema sprechen werde: „Woran Katholiken nicht glauben!" Der Bischof löste sein Versprechen in einer oratorisch meisterhaften Rede. Wie vorauszusehen war, vertheidigte er seine Religion gegen die Angriffe Andersgläubiger, halte es aber hauptsächlich darauf abgesehen, den Protestantismus jede Berechtigung abzusprechen. Das sollte nun Juden nichts angehen. In Amerika liegt jevoch die Sache anders. Die verschiedenen Geistlichen der Stadl wurden jetzt interviewed und der „Glob Democrate" brachte am folgenden Sonntag die Meinungen und Ausiprüche der verschiedenen Religionsvertreter der Stadt. Bald darauf erklärte Dr. Sonneschein, einer der hiesigen Rabbiner „Ich werde die Rede des Bischof's Sonntag den 30. December in Mercantile Library-Halle öffentlich einer Besprechung unterziehen, und werde mich bemühen, so unparteiisch als möglich zu sein. Dr. S. sprach also am genannten Tage an derselben Stelle an der vorher der Bischof geredet halte: Er wurde, wie das üblich ist, von dem Präsidenten der „Liberale Leclure Affociation" dem Publikum vorgestelll und derselbe bemerkte unter anderem Folgendes: „Daß die beiden streitenden Parteien das Judenthum als ihre gemeinsame Mutter anerkennen, wie es also an der Zeit sei, daß die Stimme der jüdischen Religion, die in diesen Streitfragen so lange stillgeschwiegen, nun endlich auch gehört werde." Fortfahrend bemerkt er: „Der Halbmond Mohamed's und der Stern Bethlehem's sie beide glänzen im schönsten Lichte, erborgt von Judah's Sonne. Und nun bildet her und schauet auf den „Sonnenschein"! — Dre Rede ist m dem „Globe Democrate und daraus im „Americ Jsr." vollständig abgedruckt. Wir gehen darauf nicht weiter ein. Wir können und wollen die Nachahmung oder Jmponirung solcher öffentlichen Conlroveriereden aller dings durchaus nicht befürworten; daß derartiges aber das Interesse an religiösen Dingen fördert, ist wohl nicht in Abrede zu stellen und den Kürzeren hat der Rabbiner bei der Sache gewiß nicht gezogen. Brasilien. Die brasilianische deutsche Ztg. berichtet Folgendes: „W»r erfreuten uns dieser Tage des Besuches einer hochintereffanten Persönlichkeit, welche taubstumm geboren, sich durch Jahrelanges Studinm und Willenskraft die englische und deutsche Sprache zu eigen genlacht hat. W»r sprechen von dem in allen Taubstunlmen-Congreffen bekannten Philantropen I. Loew aus Oesterreich, der im Jahre 1840 geboren, sich durch Fleiß und Thäligkeit zur Höhe eines Wiener Groß-Industriellen ausschwang. Den Ertrug seines Fleißes verwendete er größtenthe>ls zur Verbefferung der Lage seiner unglücklichen Leidensgefährten, welche philantropifchen Bestrebungen ihm die allgemeine Achtung und zuvorkommende Anerkennung seitens einiger Monarchen (Napoleon's III., Franz Joseph's I.) eintrug. Fünfundvierzig Orden und Medaillen sprechen für die Wahrheit unserer Behauptung. Bei dem Krach ließ Herr Loew seine Fabrik eingehen, ging nach den Ver. Staaten und von da nach Brasilien, in der — jetzt leitet: ziemlich aussichtslosen — Absicht, hier einen neuen Industriezweig einführen zu können. Der Kaiser empfing Herrn Loew in einer Privat-Audienz und unterhielt sich in englischer Sprache mit ihm auf das Wohlwollendste, sein Bedauern aussprechend, daß Herr Loew in Rio noch nicht reussirt habe." (Deb) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. An den Reichskanzler gelangte dieser Tage die bereits von uns erwähnte Petition, betreffend die beim Friedensschlüsse zu regelnde Stellung der Juden in Rumänien, resp. die bürgerliche und politische Gleichstellung derselben mit den dortigen Christen. Die Petition ging ursprünglich von dem Vorstande der hiesigen jüdischen Gemeinde aus und war von demselben den Vertretern der größten Gemeinden Deutschlands zum. Anschlüsse vorgelegt worden; fielst demnach auch von diesen unterzeichnet, und zwar von den Gemeinde-Vorständen zu Altona. Breslau, Braunschweig, Carlsruhe, Cassel, Cöln, Danzig, Dessau, Dresden, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Königsberg i./Pr., Magdeburg, Mainz, München, Münster, Oldenburg, Posen, Schwerin, Stettin, Stuttgart und Wiesbaden. Mit einem ähnlichen Gesuche m Betreff der Juden in der Türkei und den von ihr abhängigen Ländern hatten fick die Gemeindevorstünde in Berlin und Breslau im Jahre 1876 an den Fürsten Bismarck gewandt. Vom auswärtigen Amte war damals der Bescheid ergangen, daß auf Befehl des Kaisers die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel angewiesen sei, sich allen Bemühungen anzuschließen, welche eine Besserung der rechtlichen Stellung der verschiedenen im türkischen Reiche vertretenen Religionsgenossenschaften zum Zwecke haben. Auf diesen Bescheid stützen Die deutschen Gemeinden ihre neueste Petition. St. Pölten. Am 13. d. Mts. starb nach langwieriger Krankheit unser Rabbiner Dr. Samuel Marcus im Alter von 39 Jahren. Er war ein treuer Hirte und Lehrer seiner Gemeinde und trotz seiner angegriffenen Gesundheit schriftstellerisch lhätig; in weiteren Kreisen dürfte seine „Pädagogik des Talmuds" bekannt geworden sein. Er ruhe in Frieden! Baja (Ungarn). Hier starb von Allen tiefbetrauert unser Oderrabbiner Moses Nascher, Vater des Rabb. Dr. Nascher in Berlin. (Wir erhielten über die am 15. Februar stattgefundene höchst ehrvolle Bestattung eine ausführliche Corresp, die wir in nächster Nr. bringen werden. Red.) Paris. Der Grandrabbin Isidor ist zum Offizier der Ehren-Legion ernannt worden. (40 Dienstjahre, Rmer seit 1859) — Von anderen Ernennungen und Beförderungen, welche Israeliten zu Theil geworden sind, heben wir noch hervor: Herr Löwy, Astronom an der Pariser Sternwarte und Mitglied des Instituts, ebenfalls zum Offizier der Ehren- Legion. Derselbe war erst unlängst mit einer ebenso wichtigen wie ehrenvollen wissenschaftlichen Sendung betraut und ist einer von den Deutschen resp. Oesterreichern, die es in Gottlob vergangenen Zeiten im Vaterlande zu nichts bringen konnten. Italien. Aus dem Leben Pius IX. erzählt man: Ein reicher Mann in Kalifornien hatte durch Gelbopfer 3 Missionäre vom Tode gerettet. Pius übersandte dem edlen Retter als Zeichen der Anerkennung einen päpstlichen Orden. Nach einiger Zelt führte Jenen der Weg durch Rom; er wurde dem Papste vorgestellt, der ihm persönlich danken wollte. „Warum trägst Du den Orden nicht, den ich Dir übersandt?"