Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 8. (20.2.1878)
- Date
- 1878-02-20
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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62 „daß diejenigen Frauen unter uns, welche nährten, einigen in den Balkanpässen verlassen aufgefundenen bulgarischen Kindern die Brust reichen sollen." Die Offiziere boten unseren unglücklichen Brüdern mancherlei Trost, indem sie ihnen versprachen, sie zu schützen, und indem sie sich mit Verwünschungen über die Vulgaren aussprachen, daß sie sich nicht gescheut haben, harmlose Menschen, die aus eigenem Antriebe ihre Unterwerfung erklärt hatten, so zu foltern; „sie gingen in ihrer Aufmerksamkeit so weit, daß sie zu unserem Gebrauch 4 Kühe herbeiführen ließen." Während dieser Vorgänge verbreitete sich der Lärm, daß das türkische Heer sich Schipka nähere. Die Bulgaren zeigten sich nun sehr besorgt darüber, daß ihre Heldenthaten den Türken bei deren Rückkehr gemeldet werden, daß die Juden denselben erzählen könnten, welche Grausamkeiten sie von ihnen zu ertragen gehabt. Andererseits bemühte sich einer von den russischen Offizieren, der im Geheimen einem unserer Brüder zu wissen gethan hatte, daß er selbst Jude sei, mit allen Kräften, sie zu retten, und kam darauf, sie nach Tirnova auf dem Wege von Gabrova zu dirigiren mit einer Escorte von bulgarischen Soldaten und einem Schreiben von seiner Hand an die dortigen Behörden, in welchem er erklärte, daß der Zug von Israeliten nicht ein Gefangenenzug sei, sondern aus friedlichen Bürgern bestehe, welche frei und von selbst ihre Unterwerfung erklärt haben. „Leider aber begingen die, die Escorte bildenden Soldaten in Gemeinschaft mit anderen Bulgaren von abscheulicher Gesinnung die schrecklichsten Excesse gegen uns. Sie ließen uns sehr langsam marschiren, so daß wir erst in der Nacht vor Gabrova ankamen, und hier hatte ihre Frechheit keine Grenzen mehr. Die nächtlichen Scenen von Schipka wiederholten sich, und unsere unglücklichen Töchter wurden auf freiem Felde Angesichts der ganzen Caravans noch einmal von jenen Unmenschen geschändet." (Schluß f.) Vermischte uuD neueste Nachrichten. Stettin. Das nennte Verzeichniß der beim Hause der Abgeordneten eingegangenen Petitionen zählt unsere Petition, als vom Abgeordneten Schmidt, Stettin überreicht, auf. Jnhali: beantragt die etwaigen Exemptionen der christlichen Geistlichen rc. auch den jüdischen Religionsdienern zuzugestehen. Gleich darauf folgt eine Petition von Meyer, Buchhalter der jüdischen Gemeinde Berlin, beantragt zu erwirken, daß er als mittelbarer Staatsbeamter anerkannt werde und er damit in den Genuß der denselben in Bezug auf die Gemeindeabgaben zustehenden Privilegin gelange. Ferner ist daselbst eine Petition verzeichnet von Leon und Genossen, jüdische Hausbesitzer in Schlochau, vom Abgeordneten Drescher überreicht, beantragen, ein Gesetz zu erlassen, nach welchem sie von Beiträgen zu christlichen Cultuszwecken entbunden werden. Berlin. Bei Gelegenheit des Verkaufs des Hauses Leipzigerstraße 16 an die kaiserliche Reichs-Post-Verwaltung haben die früheren Besitzer desselben, Herr Buchhändler A. Hofmann und Kommerzienrath W. Hertz der Stiftung „Mädchenheim", die Summe von 5000 Mark überwiesen. Diese Stiftung ist i. I. 1874 von F. R e i ch e n h e i m (früher in Magdeburg) begrüildet, und hat den Zweck, unvermögenden, in Berlin wohnhaften verwaisten Mädchen von 14 bis 15 Jahren aus gebildeten Ständen ohne Unterschied des relig. Bekenntnisses ausreichende Unterstützung zur Erlangung eines Erwerbszweiges zu gewähren. Die Zahl der Venesiziantinnen belief sich im vor. Jahre auf 17 (8 jüd. und 9 christl.). Berlin. Dem Schreiben eines Berliner Pfarrers an die Red. der „Voss. Zeit." entnehmen wir die Erklärung desselben, „daß er sich von den Weihnachts-Sammlungen zurückgehalten habe, weil in dem Cornils, welches diese Sammlungen veranstaltete, jüdische Männer sich befänden. Er hielt es für unvereinbar mit dem ausgesprochen christlichen Wesen des Weihnachtsfestes, weil es die Geburt des Sohnes Gottes feiere. daß dazu als Comitemitglieder Juden mitwirkten. Eine solche Wahl anzunehmen, sei von Seiten der Juden unpassend, von Seiten derer, welche Juden wählten, ein Zeugniß, daß sie die christliche Bedeutung des Festes nicht würdlgten." Bonn. Bei der letzten Ordensvertheilung erhielt Bert» hold Auerbach den Kronenorden 3. Klasse, I)r. Philippson, Redacteur der „A. Z. d. I.", den vierter Klasse. Wien. Das „Vaterland" brachte letzthin eine Reihe von Artikeln unter dem Titel: „Die Juden und die jüdischen Renegaten geschildert von Lord Beaconsfield." Der in diesen Artikeln ausgekramte Haß und Unsinn ist nicht erwähnen-- werth, im letzten Artikel war jedoch auch Moses als ein abtrünniger ägyptischer Priester bezeichnet. Das gehörte freilich nicht in ein klerikales Blatt, und so wurden denn in demselben diese Worte alsbald aufs Schärfste desavouirt. Wir haben hier also ein Seitenstück zu dem süddeutschen evangelisch pietistischen Blatte, von der im Leitartikel unserer Nr. 5 die Rede ist. Lomnitz (Böhmen). Hier starb Abraham Re ich ne r, 101 Jahr alt; bis drei Tage vor seinem Tode war er ganz rüstig. In K s ch a n o w (Galizien) starb jüngst eine jüd. Frau im Alter von 110 Jahren, die bis zur letzten Stunde rüstig war. (W. Jsr) Jassy. „Arch. Jsr." wird geschrieben: Nach 12 Jahren voll von Anfeindungen, Demüthigungen und barbarischen Verfolgungen, haben wir endlich die Freude, unsere Negierung eine sehr liberale Kundgebung für die Israeliten bethätigen zu sehen. Am Neujahrstage des ersten Jahres der Unabhängigkeit Rumäniens wurde an zwei Chefs der ältesten und achtbarsten Bankhäuser unseres Landes der Orden des rumänischen Sternes verliehen. Es sind dies Herr I. Ch. Daniel, Chef des Hauses Michel Daniel und Sohn in Jassy nnd Herr Ein. Hillel-Manoach, Chef des gleichnamigen Hauses in Bukarest. In anderen Zeiten und Verhältnifien. wäre dies nur eine persönliche Auszeichnung, hier gilt es eine allen rumänischen Juden gegebene Genugthuung. Man schreibt dies dem Minister Cog olniceano zu, von dem mau glaubt, daß er allein über Parteigeist und Vorurtheil erhaben ist. Amsterdam, 8. Februar. Zwischen der Schweiz und und den Niederlanden ist neuerdings ein Handels- und Niederlassungsoertrag abgeschlossen worden. Schon vor etwa 15 Jahren ward ein solcher von den beiderseitigen Regierungen ausgearbeitel, allein die zweite Kammer der Generalstaaten verwarf denselben wegen der drückenden Ausnahmestellung, in welcher die Gesetzgebung einzelner schweizer Cantone die Israeliten hielt. Nachdem nun inzwischen diese Ausnahmestellung beseitigt worden, stand dem Abschluß des Vertrages nichts entgegen. Belfast, 5. Febr. Herr Rabbiner Dr. Chotzn er ist auch in diesem Jahre von der hiesigen literarischen Gesellschaft eingeladen worden, einen Vortrag in ihrem Local zu halten. Zugleich mit dieser Einladung wurde demselben mitgetheilt, daß die liter. Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hat. Philadelphia. Der Senator Horatio Gates Jones schreibt dem „Jew. Rec": „Ich habe das Vergnügen, Sie zu benachrichtigen, daß meine Bill zu Gunsten der Religionsfreiheit und zum Schutze Aller derjenigen, welche den siebenten Tag als den Sabbath halten, durch das Comitee für die Constitutionsreform (dessen Mitglied ich bin) gegangen ist und heute im Senat eingebrachl wird. Die Bill wird sicher auf bittere Apposition stoßen be; cu nj uigen, welche mit heiligem Schreck auf Jeden blicken, e^r m der Sabbathfrage von ihnen abweicht. Ich werde »b.r furchtlos meine Schuldigkeit thun und das Resultat dem überlassen, derlder „Herr des Sabbath" ist. Sydney (Australien). Wie der „Wiener Jsr." einer Privatdepesche entnimmt, ist hier ein Jude (der Großhändler Kohn) zum Finanzminister ernannt worden.