Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 8. (20.2.1878)
- Date
- 1878-02-20
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 — Feuilleton. Täusch nn gen. Eine Erzählung aus der letzten polnischen Revolutionszeit.*) Von Leo Herzberg-Frankel- Es ist in Warschau. Im Frühling 1861. Mittag. In den Straßen tummelt sich eine zahlreiche, doch schweigende Menge und die Strahlen der Aprilsonne fallen aus die düstere Massen. Man könnte glauben, das Farbenreich da unten wäre ausgestorben und habe nichts zurückgelaffen, als die Farbe des Grabes. Wie ein Mlßton in die Harmonie der Trauer, fallt das helle Licht des Himmels auf die trübe Stadt, in deren Straßen man nichts sieht, als Männer und Frauen in schwarzen Gewändern, schwarzen Flören, mit schwarzen Ketten als Symbol der Knechtschaft, schwarzen Kreuzen als Symbol des Leidens und schwarzen Gürteln mit den Miniaturbildern von Helden, die für das Vaterland litten, kämpften und starben. Kein Ton der Freude, kein Lächeln, keine helle Farbe stört das düsi're Einerlei einer allgemeinen Trauer. Die Belustigungsorte alle sind geschlossen; die Kirchen stehen offen und sind voll von Betenden. Hie und da zieht ein feierlicher Zug durch die Gassen, man trägt eine Leiche hinaus. Die ihr folgen, sind keine frommen Beter und was sie singen, ist kein Ave Maria, es sind Freiheitslieder, mit denen sie den Todten zur letzten Ruhe begleiten. Zuweilen zieht mit schweren gleichmäßigen Schrillen, von giftigen Blicken empfangen und gefolgt, eine Militärpatrouille vorbei. Die ihr begegnen, weichen scheu zurück und murmeln leise irgend eine Verwünschung. Geistliche in langen Röcken, Mönche in ihren Kutten huschen oft und zahlreich durch die Menge, hurtiger und geschäftiger als je, denn sie halten, diese Männer des Friedens, den Faden des Aufstandes in ihren heiligen Händen. Zuweilen streuet ein Mann aus dem Haufen beschricbene oder bedruckte Blätter in die Menge und verschwindet, als wäre er selbst Einer dieser leichten Sendlmge, die der Wind nach allen Selten weht, und die Leute auf der Straße stecken rasch, ohne zu lesen und ohne sich umzusehen, die ihnen zugewehten Blätter ,n die Tasche. Sie e»lhallen die Ordonanzen der geheimen Clubbs. Solche Ordres fliegen auch Morgens in die Fenster, wenn sie zur Lüftung der Wohnung geöffnet werden, linden die Betenden auf den Steinplatten der Kuchen, wenn sie niederkilleei,, eryaUeu die Käufer als Düten, wellil sie m einer Zuckerbäckerei oder in einem Spezereiwaarenladen etwas holen. Gehermnißvoll wie ihr Ursprung üt ihr Erscheinen, Niemand kennt die Leute die sie geschaffen und herbeigelrugen, aber marr gehorcht mit bewundernswerlher Disziplin, wie eure Armee ihrem Feldherr,,, denn das weiß Jedermann, daß die polnische Emigration zu Paris in Warschau kommandirl! In einer der volkreichiten Straßen steht ein großes weites Haus, ivelches nach drei Selten Front niacht und eben so viele Eingänge hat Im zweiten Stocke wohnt eine junge Dame, die Tochter eilies Eililgrauteu, der nach Frankreich geflüchtet, die,eloe daheun laffeud, als politischen Hochwächter und Agenten, denn er wußte wohl, vag Niemand geeigneter sei, Köpfe und Herzen zu verfuhren, die Pyau.asie uud das Blut zu erhitzen, junge Männer zur Bravour hinzureißen und die Sicherherlsorgaue zu täuicheil, als cmvornehiile, junge und relzeiide Dame, Die für Die Regeneration ihres unglücklichen ^Vaterlands schwärmt und klug genug ist, ihren Ku.lus liii Stillen zu begehen. Zn der Thal wußte Fräulem Hedwig um sich eme auserlesene Schaar beherzter, der Sache des Vaterlands aufrichtig ergevener Männer zu sammeln, die im Salon der Dame ihre» Rathsaal halteit, ohne sich oft zu sehen, indem sie, um nicht ore Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen, nur höchst selten zu einer persönlichen ) besonderer Erlaubnlß der Verlagshandlung und des Verf.'s aus dessen sehr lMeressamen Geschichten: „Polnische Juden." (Aed.) Berathung zusammen traten und gewöhnlich durch Vermittelung der jungen Dame ihre Ansichten, ihre Rathschläge und Berichte austauschten, Befehle gaben und empfingen. Es war hier der Centralpunkt der Bewegung, weiche, aus dem Auslande kommend, durch Warschau und Polen ging; hieher wurden die Parole, die Pioclamationen, die Oräreg de bataille geleitet, von wo sie die Souschefs des Aufstandes abholten; hier entledigten sich die Commis royageurs der Revolution, die aus Frankreich geschickten Enliffäre, ihrer Aufträge und gaben ihre Beglaubigungsschreiben und Packele ab; hier flössen, aus tausend Röhren geleitet, alle Gelder zusame men, die das Land freiwillig oder gepreßt an die Kriegskuffder Jnsurrection abgab und hier waren die Behälter, in denen die wichtigsten Papiere wohlverwahrt ruhten. So groß war die Vorsicht, so gediegen die Organisation, so fein die Fäden, daß die an allen Ecken und Enden wachende Polizei keine Ahnung hatte, daß hier in diesem zahlreich bewohnten und lebhaft frequentirlen Hause, in dem reizenden Mädchenkopfe, der oft lächelnd aus dem zweiten Stock auf das Leben da unten in der Straße blickte, das Geheimniß verborgen liege, nach welchem hunderttausend Augen Tag und Nacht spähten, nach welchem eine ganze Armee von Poltzinen ausglng und für dessen Auffindung der rufflsche Staatsschatz sich erschöpfen wollte! Sie lehnt, die reizende Jungfrau, auf dem Sopha, die Augen an der Thüre, eine französische Zeitung in der Hand zerknitternd, ungeduldig mit dem Fuße auf den Teppich stampfend und die klare Stirne krausend. Offenbar erwartet sie Jemand, der nicht kommen will. Wer wohl freiwillig eine im Frühling des Lebens blühende und glühende Frau warten ließe? Wer wohl kommen könnte und nicht käme, wo er mit so vieler Ungeduld erwartet wird? Endlich kommt er, behend wie ein Verfolgter auf der Flucht, rasch, ohne Gruß und die Schwelle überschreitend, sagt er kurz: „Die Röhre, Hedwig!" Das Mädchen ritt in ein Seitenzimmer, in welchem sie auf einen hinter einem Btlde verborgenen Knopf druckt, und im Gemache, wo der Ankömmling wartet, springt rasch ein Deckel oberhalb des Kamins zur Seite, eine Röhre entblößend, in die der Fremde ein verborgen gehaltenes Packet ichiebl, wodann sich die Klappe wieder schließt und das Fräulein wieder in's Zimmer tritt, langsamer, ruhiger denn früher. Beide sitzen sie nun auf dem Sopha, das Glück in Aug' und Miene. „Erzähle," sagt Hedwig, ihre Hand auf seinen Arm legend. „Wir trugen gestern den Sarg hinaus, feierlich und zahlreich gefolgt. Die Geistlichen beteten, das Volk sang. Die Polizei und das Militär gaben uns das Geleite. Der Sarg wurde versenkt und Alles kehrte in aufgelösten Gruppen in die Stadt zurück. Ich blieb allein. Hinter einem Monumente versteckt, wartete ich, den Revolver iu der Hand." „Allein?" „Allem. Der Küster hielt vor dem Thore Wache. Endlich kam die Nacht mit ihren schwarzen Schalten. Kem Mond uud kern Stern drang aus den ftnsiern Wolken. Die Dunkelheit war tief, wie das Schweigen. Ich wartete lauge, Endlich kamen sie — nein sie kamen nicht, sie enlitiegen leise, wie die Schatten den Gräbern und ich hörte hart vor mir bas verabredete Zeichen, dem ich sogleich antwortete, und drei Männer standen vor nlir. Wir wechselten wenige rasche Worte, und acht Hände griffen hurtig nach den Spaten und enblößlen das frisch geschaufelte Grab, sprengten den versenkten Sarg und leerten ihn. Ein jeder der Abgesandten beichwerte sich mit seinem Pack gedruckter Proklamationen uud Steuerbogeu, und rasch stoben sie dann hinaus aus dem Friedhofe, ihre Pferde zu besteigen, nachdem sie mir die eiugeflossenen Gelder und ihre Rapporte zurückgelassen." „Was erzählten sie aus den Provinzen?" (Forts, folgt.) i \