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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-02-20 · N° 8. (20.2.1878) · p. Seite 60

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 8. (20.2.1878)
Date
1878-02-20
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 — noch zeitige Hülfe; das Mädchen war bereits todt. Die Thäter entkamen in der Dunkelheit, wurden aber von dem inzwischen zur Besinnung gebrachten Hauseigenthümer kenntlich gemacht und gefänglich eingezogen. Das Volk war so erbittert über die ruchlose That, daß es fast Lynchjustiz an den Missethätern geübt hätte, von denen der eine ruhig im Wirthshause, der andere an seiner Arbeit saß, sich benehmend, als wenn nichts Auffälliges vorgefallen wäre. Beide leugnen auch bis jetzt die That. Daß ich davon in einem jüdischen Blatte erzähle, geschieht , weil christliche Blätter immer noch den Gegensatz von Jude und Christ hervorheben, uicht zum Vortheile der Juden, welche so ruchlose Mörder nicht unter sich zählen, von denen der eine sogar bestellter Wächter des Gesetzes ist, sondern die Sache so darstellend, als wenn der Jude als Wucherer und Halsabschneider die That des Halsabschneidens heraufbeschworen habe. Also dem Juden gegenüber gleichsam eine Rechtfertigung der bösen That! Der Jude ist aber in diesem Falle weder als Wucherer bekannt, noch war er den Verbrechern ein drängender Gläubiger. Es war vielmehr von denselben auf Raubmord abgesehen. Es zeugt von dem noch niederen Standpunkte unserer Tagespresse, daß sie in so verdrehter Weise die confessionellen Vorurtheile nährt und nicht besser die sociale Verbrüderung zu stärken sucht. Aber auch jüdische Blätter haben in ihren Berichten übersehen, wie deutlich bei diesem Vorfälle die gnädige Hand und waltende Fügung Gottes zu erkennen war. Verschiedene Umstände, durch Gottes und nicht durch Menschen Hand herbeigeführt, haben die Rettung bewirkt. Auch dies ist von jüdischer und christlicher Seite übersehen worden, wie weil es mit der allgemeinen Sittenverderbniß unserer Zeit gekommen ist, daß nicht streifende Banditen auf verlassenen Wegen, sondern angesessene und angesehene Bürger, ich wiederhole: der Bürgermeister des Orts, in einer bevölkerten Straße die That vollbracht haben. Dies giebt Christen und Juden zu denken. Der Rabbiner Dr. Rothschild verfehlte auch nicht, in seiner Grabrede das zahlreiche, aus allen Ständen und Confessionen zusammengesetzte Publikum zu solchen Gedanken anzuregen. „Pas Volk soll es hören und sich fürchten, damit das Böse aus seiner Rtitte getilgt werde." Es liegt hier ein bedeutungsvolles Stück Sittengeschichte vor, welches dem Gesetzgeber und Erzieher zu denken gibt. Aus dcr Provinz Hessen-Nassau, im Febr. (Or.-Corr.) Die Ungeheuern Schwierigkeiten, welche sich der Anstellung eines zweiten Rabbiners in Frankfurt a. M. entgegenstellen, sollen nach der Ansicht Ihres dortigen Correspondeuten von den Leitern der Trennenden direct verursacht sein. Wir sind jedoch berechtigt zu behaupten, daß der Schwerpunkt der Agitationen gegen eine Besetzung jener Stelle nicht in Frankfurt zu suchen sei, sondern in Berlin; daß nicht die Häupter als die eigentlichen Wegelagerer und Auflauerer, welche dem Bewerber den Weg absperren, anzusehen seien, sondern die jungen Zeloten sind es, die ganz nach der Weise der Schüler L.'s auf allen Schleichwegen kriechen, um den Restectanten auf jene Stelle von der Annahme derselben abzuschrecken. So war es gleich nach der Niederlage des großen Kämpfers für die Zerstückelung der jüdischen Gemeinden im Rache der Jünger des sich allein orthodox nennenden Seminars beschlossen, jedem Candidaten, der es wagen sollte, sich zu jener Stelle zu melden, die Pistole auf die Brust zu setzen und ihn zwar nicht mit einer Kugel, aber wenigstens moralisch todt zu machen. Es ist von mehreren Gelehrten bekannt, daß sie gern auf jene Stelle reflectiren wollten, es wnrde ihnen aber gedroht, gegen sie die böse Zunge loszulassen. Daß dieser Troß einen geheimen Befehl erhalten hat, so zu handeln, müssen wir sehr bezweifeln, und es bewährt sich auch hier bas bekannte Wort: „Die Anhänger des Papstes sind päpstlicher als der Papst." Wenn wir uns auch nicht verhehlen können, daß die Leiter den Austritt aus der Gemeinde im Principe anerkennen, so werden wir doch nicht fehl gehen, wenn wir in diesem Falle die Agitationen nur de» noch unerfahrenen, heißspornigen, ohne Ueberlegung handelnden jungen Kämpfern zuschreibeu —. Es ist tief zu beklagen, daß junge Leute ohne Kenntnisse, ohne Erfahrung und ohne sittlichen Ernst ihre Leidenschaft nicht zähmen wollen und so fanatisch sich in Anderer Angelegenheit einmischen, wodurch sie ihre große Chuzpa bekunden, da sie selbst einen wie den Rabbiner von Würzburg, nicht respectiren. Sie bestätigen das allzu wahre Wort unserer Weisen .TTflD anw pa (das Bauen der Jungen ist ein Einreißen), gehen darauf aus zu vollführen die Verkündigung des Propheten (Amos 6. 11): „Denn stehe, der Ewige gebeut und schlägt das große Haus in Trümmer und das kleine Haus in Splitter", indem sie dahin arbeiten, die Gemeinden in viele Lager zu theilen. Man könnte vielleicht ihren uns ungerecht scheinenden Handlungen eine gute Aosicht zuschreiben, daß sie nämlich denken, je mehr Gemeinden, desto mehr Rabbiner sind erforderlich, dadurch werden die Rabbinerseminarien einen großen Zufluß von Schülern erhalten und die Thora mehr Verbreitung finden.*) Aber wir sind schon zu oft von ihnen getäuscht worden, als daß wir ihnen noch Zutrauen schenken sollten; im Gegentheil, wir haben bei ihnen Egoismus, Eigensinn und Anmaßung entdeckt, und so begehen wir kein Unrecht, wenn wir auch in diesem Falle nur solche Motive als vorwaltend vermuthen. — Mögen die Häupter der wilden Schaar ein XPPpE auf das Treiben ihrer Jünger haben, dieselben zur Mäßigung ermahnen und sie belehren, daß „nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer der Ewige erschien, sondern in einem leisen, sanften Säuseln." —u— Aus Bayern, 8. Febrnar. (Or.-Corr.) In der gestrigen Sitzung hat die Kammer der Abgeordneten unter der erst seit wenigen Jahren in unserem Budget vorkommenden Rubrik „Israelitischer Cultus" zur Aufbesserung des Einkommens gering dotirter Rabbinatsstellen ohne Debatte 14000 M. bewilligt, und beschlossen: „Es sei an Se. Majestät die Bitte zu richten, anzuordnen, daß die den Geistlichen und Schullehrern aus Staatsfonds bewillgten Gehaltsaufbesserungen durch die bei kirchlichen Pfründen, Rabbinaten, dann Schul- und Kirchendienerstellen vom 1. Jan. 1878 an neu anfalleuden Bezüge aus Stiftungen oder sonstigen Zuwendungen Dritter keine Abminderung erleiden." Wer hätte bei uns in Bayern vor zehn Jahren gehofft, die Rabbinate je in solcher Gesellschaft zu finden! (Aus dem uns zugesendeten Kammerberichte ersehen wir, daß die Angabe des Herrn Correspondeuten von der ohne Debatte erfolgten Annahme sich auf die Bewilllgung der erwähnten 14000 Mark zur Aufbesserung von Rabbinatsgehältern bezieht. Der andere Antrag war von dem Finanzausschuß gestellt und hat allerdings zu einer Art von Culturkampf-Debatte geführt; aber von, über oder gar gegen Ausdehnung der fraglichen Bestimmung auf die jüdischen Cultusbeamten ist keine Silbe geredet worden, die Gleichstellung der letzteren mit den katholischen und protestantischen Gefftlichen, Lehrern u. s. w. steht den gesetzgebenden Faktoren in Bayern schon gar nicht mehr in Frage. Darin liegt der Schwerpunkt der Angelegenheit; materiell dürfte also der Anuag die Juden vorerst kaum berühren. Preußen ist nachgerade der einzige civilisirte Staat auf dem europäischen Continent, in dem der jüdische Cultus m den alten Provinzen nicht einen Pfennig staatlicher Subvention empfängt! Red.) Oesterreich-Ungarn. —r— Prag, 11. Febr. (Or.-Corr.) Im vorigen Monate hielten die meisten in unserer Gemeinde bestehenden Vereine ihre Plenarversammlungen, und aus den von den Vorständen erstatteteu Berlchteu war zu ersehen, daß die *) Uns scheint der Grund viel näher zu liegen, die betr. Bochrim speculiren darauf, durch., Gründung" von Separatgemeinden sich Stellen zu verschaffen. „Trennung" ist für sie eine L e b e n s.frage. (Red.)

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