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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-02-20 · N° 8. (20.2.1878) · p. Seite 59

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 8. (20.2.1878)
Date
1878-02-20
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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— 59 — ein Sich-Bloßstellen und Sich-Uebersehenlaffen verhindert, andererseits erreichen wird, bedarf keiner Auseinandersetzung. So gewiß es bequemer 'ist, eine wohieingerichtete Wohnung zu beziehen als ein Haus erst bauen und wohnlich machen zu wüsten, so gewiß war die Stellung der Rabbiner vordem eine bequemere — falls er nur als Lamdan anerkannt war. Schädlich aber ist das heutige Verhältniß nicht; wir brauchen auch dies nicht zu erörtern. — Von dem, was der Verfaster des Artikels tadelt, und was er als wünschenswerth bezeichnet, ist Vieles sehr richtig. Wir glauben indessen, daß die betreffenden Umstände nach Local- und Personalverhältnisten sich so sehr verschieden gestalten, daß ein allgemeines Urtheil darüber schwer abzugeben ist. Man erwäge z. B. nur, wie in nicht großen Gemeinden oft ein Mann die ganze Gemeinde leitet oder beherrscht, wie dieser dann, je nachdem, niemand neben sich gelten lassen mag und den Rabbiner „nicht aufkommen läßt", oder auch umgekehrt ihn fördert und stützt — und daß in Großgemein' den das Ueberwiegen eines solchen Mitgliedes wieder von vornherein unmöglich ist und noch vieles Derartige. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Breslau, 12 Febr. (Or.Corr.) Man wird es nur billig und gerecht finden, daß zu Ehren des großen Todten, des verewigten Seminardirectors Dr. Zacharias Frankel alljährlich in hiesiger Seminarsynagoge eine Gedächtnißfeier veranstaltet wird. Gehört ja Fr. zu den Wenigen, denen ihr Wirken und Schaffen noch lange über das Grab hinaus ein Anrecht auf einen Gedenktag auch in weiteren Kreisen giebt, und heißt doch das Bild seines Lebens wiederaufsrischen, zugleich den Geist der Anstalt beleuchten, deren intellectueller Begründer er ist; so innig ist der Name Frankel mit den Principien des von ihm mehrere Decennien hindurch geleiteten Seminars verwebt. Das etwa war auch der Gedanke, mit dem gestern, den 11. d., vor einem kleinen, aber gewählten Auditorium der eben ordinirte Rabb. Dr. I. Theodor seine zu Ehren des vor nun 3 Jahren aus der Mitte seiner Hörer entrückten Meisters gehaltene Vortrag einleitete. In klar beleuchtender Weise, in edler, kerniger Sprache stellte der Vortragende des Heimgegangenen so bedeutsame praktische Wirksamkeit dar, wobei er am längsten bei deffen Stellung zu der Frage einer praktischen Reform im Judenthume verweilte. Es ist bekannt, wie in Fr.'s Tagen die Reformbewegung eine hochgehende war, bekannt auch, daß er der Zerstörungswuth einen festen, unübersteigbaren Damm entgegenzusetzen bemüht war; nicht daß er den Reformbestrebungen alle Berechtigung absprach, nur wollte er Versöhnung, Vermittlung zwischen Glauben und Zeit, er warnte, sich nicht von dem negirenden Geist der Zeit zu weit treiben zu laffeu, vor Allem aber bekämpfte er die bei den Reformbestrebuugen hervorgetretene Priucipienlostgkeit. Herr Dr. Th. wies nun an der Hand der im „Orient", Jahrg. 1845 und sonst veröffentlichten, leider noch nicht genügend verbreiteten Schriftstücke des Näheren nach, wie Frankel in bewunderungswürdiger Umsicht hauptsächlich zwei Principien als die nothwendige Grundlage rein gedeihlicher Weiterentwickelung des Judenlhums erkannte, um sie auch namhaft auf der bekannten Rabbinerversammlung zu Frankfurt zu vertreten, das eine: Anerkennung und Berücksichtigung des Positiven wie es im religiösen Bewußtsein und Thun des Volkes lebt, das andere: Befragung der Wiffenschaft des Judenlhums. Ter Vortrag berührte dann den Gang der Beralhungen jener Versammlung und den dadurch herbeigeführten Austritt Frankel's, aber nur so weit, um erkennen zu laffeu, daß eben dadurch in Fr. der Plan reifte, Alles zu thun, was in seinen Kräften stand, damit eine Anstalt ins Leben trete, wo der Pflege des historischen und positiven Judenthums eine Stätte bereitet würde. Daß diese Anstalt das hies. Seminar sei, brauchte Redner nur kurz noch anzudeuten. Wie die Feier mit Gebet und Gesang eröffnet ward, so schloß fie auch würdig damit ab. Breslau. (Or.-Corr.) Aus dem Jahresbericht des jüd.- theol. Seminars theile ich noch Einiges von allgemeinerem Interesse auszüglich mit: Die Anstalt zählt 31 Hörer; durch die kürzlich erfolgte Aufnahme eines Hörers von hier, wie eines anderen aus Süddeutschland hat auch das deutsche Element wieder eine kleine Verstärkung erhalten. — In den Reihen der edlen Spender, die durch Errichtung von Stipendien oder Gewährung von Beiträgen an den unter den Hörern so segensreich wirkenden Unterstützungs-Verein Liwjath-Chen auch in diesem Jahre ihr Wohlwollen und ihre Anerkennung der Anstalt bezeugten, bemerken wir mit besonderer Genugthuung ganze Synagogenverbände, ein Beweis, daß die Achtung der Gemeinden, nicht nur der Einzelnen, vor den geistigen Gütern, die in der Anstalt gepflegt und gehütet werden, in Zunahme begriffen ist. Möchte sich nur auch anderwärts mehr und mehr die Ueberzeugung Bahn brechen, daß die Gemeinden ihr eigenes moralisches und religiöses Wohl in dem Grade sichere und fördern, als sie die künftigen Träger des theolog. Lehramtes, die ja in ihrer Mitte wirken sollen, in den Stand setzen, frei und unbewegt von materiellen Sorgen sich ganz in den Dienst der Wissenschaft zu stellen. Glogau, 1. Februar. Der innerhalb der hiesigen isr. Gemeinde bestehende „Jugend-Verein" (Chinuch Neorim), welcher nach seinen Statuten die Armen mit Brod und Feuerung unterstützt, feierte gestern Abend seinen 70. Stiftungstag mit einem Souper im Schillersaale des Rathhauses. Der überaus wohlthätig wirkende Verein hatte das Glück, an seinem Ehrentage drei der Gründer des Vereins in seiner Mitte begrüßen zu können. Es sind dies die Herren Landsberg e r 86ii., Peisach und Alexander Samuel, welche auf mit Blumen reich geschmückten Stühlen Platz nahmen. Nachdem Herr Kaufmann Story im Namen des Vorstandes die zahlreich erschienenen Vereins-Mitglieder begrüßt hatte,hielt Herr Rabbiner Dr. Rippner in gebundener Rede die Weihrede*) und brachte hieraus den Toast auf Se. Majestät den deutschen Kaiser aus. Herr Landsberger jun. sprach im Namen der Gesammtgemeinde, gedachte in warmen Worten der Thätigkeit des Vereins, welcher den Hungrigen sättige und den Frierenden erwärme, wünschte, daß der „Jugend-Verein" stets der Jugendfrische sich erfreue und ließ schließlich den Verein hoch leben. Herr Peisach toastirte auf die ehrwürdigen Gründer des Vereins, Herr Zedner auf den Vorstand und Herr Landsberger 86n. dankte mit bewegter Stimme Namens der alten Gründer. Somit waren die officiellen Toaste erledigt, ihnen folgte eine Reihe der verschiedensten, mitunter recht interessanten Toaste. Ein von Herrn Opel verfaßtes Tischlied wirkte mit, die heitere und angenehme Stimmung zu erhöhen. Es war Mitternacht vorüber, als die Festgenossen den Saal verließen; das Jubelfest hatte alle Theilnehmer in hohem Grade befriedigt. Alzei, 10. Februar. (Or.-Corr.) Im benachbarten F lor« heim ist eine schreckliche Mordthat vorgekommen. Zwei christliche, angesehene Bürger, von denen der eine sogar beigeordneter Bürgermeister ist, überfielen am Spätabend einen von Alters her eingesessenen und geachteten jüdischen Mitbürger, tödteten die Haushälterin und suchten den Mann zu erwürgen. Beide waren die alleinigen Insassen des an offener Straße gelegenen Hauses. Eine zufällig vorübergehende Frau hörte den Hülferuf in dem dunklen und verriegelten Hause, machte Alarm in der Nachbarschaft und brachte so den Mann *) Wir bringen dieselbe im Feuilleton der nächsten Nr. (Red.)

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