Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 7. (13.2.1878)
- Date
- 1878-02-13
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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— 53 die Zahlungspflicht mit dem Austritt gänzlich auf. Wir wollen sehen, welchen Erfolg dieses Gesetz bei uns haben wird, wo der eigentliche Heerd der Wühlerei für religiöse Secessionsgelüste zu suchen ist. Drillens ermächtigte die Kammer unsere Regierung, in Alzey ein interconiessionelles Lehrer-Seminar zu errichten. Jüdische Zöglinge werden an demselben auch als Religionslehrer ausgebildet werden. Die Regierung bedarf solcher, um jüdische Lehrer, deren einige bereits auch angestellt worden sind, als Religionslebrer für die israelilischen Schüler der Volksschulen zu benutzen. Ob aber die israelilischen Gemeinden von solchen Religionslehrern Nutzen haben werden? Wir zweifeln. Denn der Regierung ist die Verwendung solcher Lehrer als Canioreu und Cultusbeamte Nebenzweck; ja oft tritt sie deri'eüen hindernd in den Weg. Selbst der an den Simullanichulen ertheille jüdische Religionsunterricht, wofür, wie bei den christlichen Schülern, vier Stunden wöchentlich angesetzt sind, kann den Gemeinden nicht genügen Für den hebrälichen Unterricht ist hierbei anderweitig zu sorgen. Wo in Ermangelung von eignen Lehrern die Negierung jüdische Cultusbeamte als Religionslehrer an ihren Volksschulen verwendet, zahlt sie auch nur für vier Stunden in der Woche nach dem Verhältnisse des Preises für andere Unterrichtsstunden. Diese Weise nützt den israelilischen Gemeinden nichts — weder für ihre pecuuiäreu noch religiösen Zwecke. So wird es wohl auch am Seminar gehalten werben. Die Zöglinge werden für Religionslehrer au Volks (Elementar-) Schulen ausgebildet werden, für ihre Ausbildung als Cultusbeamte, als welche sie ein reicheres religiöses Wissen haben müssen, wird die Regierung weder Sorge tragen können, noch wollen. Hierfür wird in anderer Weise Rath geschafft werden müffen. Ems, 28 Januar. (Or.-Corr.) Unter Bezugnahme auf die jüngne interessante Abhandlung des Herrn Martin Kornfeld (Nr 4) inöchie ich Ihnen einen Passus aus einer meiner zur Kuizeil gehaltenen Predigten „über den Judenhaß" in seinen verschiedenen Wandlungen seitens der Bekenner der Religionen gegenüber der Mutterreligrou des Judenthums mitthellen Ich schilderte dabei diese dreifache Wandlung als a) Religions-, b) Nationaliläis und c) Rasseukämpfe; und bemerkte hieraus, wie edel und erhaben noch der letzte unsrer Propheten (Maleachi 2, 10) gegen eine solche Inhumanität prolestirte, indem er sprach: a) „Haben wir nicht Alle einen Stamm-Vater?," was sich gegen den Rasieukampf wendet; b) „Hat uns nicht ein Gott geschaffen?," was sich gegen den Religionskaiupf richtet; o) „Wie dürsten wir treulos handeln, Einer (Volk) wider seinen Bruder (Valkl?" — das ist gegen den Nationalitätskamps gerichtet! Ist diese Deutung auch gerade nicht die einfache Erklärung dieser Bibelüelle, so ist sie doch wohl im Geiste des wahren Judenthums gehalten! vr. Hochstädler, Bezirks-Rabbiner Frankreich. Paris. (Bericht der All. Isr. Univ. für Jan.) Neue Mitglieder 90. Das Comitä von Aorianopel hat 248 neue Mitglieder aufgenommeu. — Die Beuchte über die Flucht von Israeliten aus Bulgarien u. s. w. mit ihrem unausbleiblichen Gefolge großen Elends, sind unterdeffen, wie aus den Journalen bekannt, leider schon überholt. Ein Telegramm voni 23. Januar sagt, daß die Einwanderung in Constanlinopel alle Grenzen überschreitet. Das C.-Coiml6 hat sofort eine Summe von 30,000 Fr. auf Rechnung der türkischen Sammlung nach Constanlinopel geschickt. Von anderer Seile schreibt man dem C.-Comttv, daß auf der ganzen Insel Canbia eine große Roth herrscht; die Türken und Israeliten, die in den Gebirgen umherirrlen, sind wegen der Freischärler, welche die Wege unsicher macheu. nach den Städten gekommen und befinden fich hier größtentbeils ohne Obdach, ohne Kleidung, ohne Brot, ohne irgend welche Hilfsmittel; Diebstähle und Morde sind an der Tagesordnung und deren Opfer oft die israelilischen Hausirer. Es folgen noch einige Berichte über Schulen. Es ist einleuchtend, daß die in Bulgarien und der angrenzenden bisherigen Türkei bestehenden blühenden Alliance-Schulen in Varna, Schumla, Rustschuk, auch in Aorianopel u. s. w., in ihrem Bestände auf's Aeußerste bedroht sind. Was soll aus ihnen werden unter der Herrschaft der Bulgaren und Ruffen! Es ist dringend nöthig, daß man sich von allen Seiten bei der bevorstehenden Conferenz der europäischen Mächte für diese Sch ule ll verwende! Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin, 8. Februar. (Or. Corr.) Da die Meldung ver-" schiedeuer Zeitungen, der Vorstand der hiesigen Gemeinde beabsichtige in der Lindenstraße Grundstücke zu erwerben, vorläufig nur als Gerücht zu betrachten ist, haben sich hochherzige, echt jüdische Männer aus dem Brüderverein „Ahawalh Reim" entschloffen noch in diesem Sommer eine eigene Synagoge speziell für die Louisenstadt zu erbauen. Wir hoffen in kurzer Zeit Näheres hierüber berichten zu können. Thorn. Wie die „Thorner Ztg." meldet, ist die Beschwerde der beiden jüdischen Geschworuen zu Strasburg (Westpr ), welche zu der Eröffnung des Schwurgerichts am 17. Sertember in Thorn nicht erschienen waren, weil auf diesen Tag das Versöhnungsfest fiel, und welche deshalb in je 20 Mark Strafe genommen waren, nunmehr auch vom Justizminister abschlägig beschieden worden. Aachen, 25. Jan. Der hiesige Rabbiner, Dr. H. Jaulus, ist von der königlichen Regierung zum Localschulinspector, (über die jüdische Schule?) ernannt worden. (A. Z. d I.) Hannover. Die „Jüd. Pr." berichtet folgende seltsame Geschlaue: Eut aus Galizien hier emgewanderler Manu faßte den Entschluß sich zu erhängen, und da er nur einen einzigen Knaben von sechs Jahren halte, so wollte er sich zuerst versichern, daß dieser für sein Seelenheil das Kadoischgebet verrichten werde. Zu diesem Zweck übte er mehrere Wachen mit dem Knaben das Kaddisch ein und als er überzeugt war, daß der Knabe dasselbe geläufig vorlragen könne, führte ec sein Vorhaben aus. R. Baden (Schweiz), im Febr. (Or.-Corr.) Der Kultur-Verein der Israeliten in der Schweiz hat vor Kurzem in einer hier nnier Vorsitz seines Präsidenten Or. Kisch (aus Zürich) abge» haltenen Vorstandssitzung beschlossen, aus Anlaß des Handelsvertrages, den die Schweiz mit Rumänien abzuichtteßeu im Begriffe steht, sich an den Bundes-Rath mit der Bitte zu wenden, darauf zu achten, daß in den Vertrag kerne Klausel ausgenommen werde, die im Stande wäre, die Juden der Schwe-z in ihren Rechten zu kränken. Bekanntlich hat Oesterreich eine solche Bemerkung im Vertrage nicht hinauseliimnirt. Die Schwyz selbst hat ihre jüdischen Bürger erst in Folge ähnlicher Reclamalion Hollands und Frankreichs im Interesse der dez. Israeliten, emancipirt. Der schweizer Jude muß es daher doppett als seine Pflicht anseheu, in ähnlichen Fällen auf seinem Posten zu sein. Rabbiner Kisch hat sich im Aufträge des Kuttur-Vereinan den Bundes-Rath in diesem Sinne gewendet und hat dieser Tage die Antwort erhalten, daß der beabsichtigte Vertrag mit dessen Abschluß der ewgenösstsche Gesanoie in Wien, Herr v Tschudy, beauftragt sei, iich nur um Zoll- und Handelssachen kümmern werde, daß daher eine Hinlansetzung der Israeliten durch denselben nicht möglich iei. Ich werde Ihnen beide Schriftstücke mutheilen Straßburg. Die Frage der Erbauung eines neuen Tempels Mt dato ihrer Lösung nahe und dürfte das Verlaffen