Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 6. (5.2.1878)
- Date
- 1878-02-05
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 44 verdient namentlich in großen Städten, wo der Unterricht an öffentlichen Lehranstalten und den Religionsschulen nicht in einer Hand liegt, Nachahmung. Daß bei dieser Berathung die Schwierigkeiten, welche der Religionsschule bei der Entwertung eines Lehrplans entgegen treten, zur Sprache kamen, versteht sich von selbst. Die Leser Ihres Blattes werden wohl nächstens darüber ein Mehreres erfahren bei Gelegenheit der Besprechung des jüngst von Prediger Dr. Cohn aus Oels herausgegebenen wackeren Schrift: „Israelitische Religionsschulen neben höheren Lehranstalten", eines Büchleins, dessen Lectüre ich Ihren Lesern recht angelegentlich empfehle. Pasewalk, 20. Januar. (Or.-Corr.) Wie bekannt, behauptet die Centrumspartei, der sogenannte Culturkampf sei lediglich ein Kampf gegen die katholische Kirche und der Versuch, diese auszurotten, zu vernichten und zu vertilgen. Die Anderen behaupten dagegen, der Kampf gelte blos den Anmaßungen und Uebergriffen einer Religionspartei — gleichviel welcher — und vertheidige die der heutigen Cultur entsprechende gleiche Berechtigung und Gewissensfreiheit aller Staatsbürger. Wenn dies Letztere richtig ist, dann habe auch ich Ihnen voa einem ganz kleinen Culturkampf zu berichten, mag er sich immerhin zu dem großen wie ein Stum in einer Theetaffe verhalten. In hiesiger Gegend herrscht nämlich der engherzigste lutherische Consessionalismus, und die zu ihm sich bekennende Geistlichkeit nebst allem, was mit ihr an einem Strange zieht, giebt an Herrschsucht, pfäffischem Hochmuth und klein-pastorlichem Unfehlbarkeitsdünkel den höchsten Purpurträgern nichts nach. Seit einem halben Jahre ist an der hiesigen Schule ein neuer Rector, ein junger Mann von etwa 22 Jahren. Wider Willen, aber unvermeidlich, kommt man seiner Kinder wegen mit diesenr Manne in Conflikte. So wurde in der Schreibstunde an die Tafel geschrieben:. „Liebster Herr Jesus, wir sind hier." Da eine Schülerin dieses nicht nachschreiben wollte, so zupfte der Lehrer ste am Ohr und zwang sie zum Schreiben. Ebenso ist es schon bei Aufsätzen u. dgl. vorgekommen. In der Censur aber wurden die versäumten Religionsstunden gar als Schulveriäumnisse angerechnet. Der Vater hat sich nun bei dem Rektor schriftlich beschwert, und hat daran erinnert, daß nach einem Rescript des Cultusministers aus dem deutschen Lesebuche die confessionellen Stellen auszuscheiden seien, und daß die Schule zwar nur in geringer Zahl von jüdischen Schülern besucht werde, daß aber darum doch gegen Letztere kein Gewiffenszwang geübt werden dürfe. Die Schule könne doch nur insofern eine christliche genannt werden, daß sie nicht gehalten sei, einen jüdischen Religionslehrer anzustellen. Hierauf erfolgte folgende Antwort: „E. W. berichte ich hierdurch, auf Ihre Beschwerde vom . . ., daß ich dieselbe für völlig unberechtigt ansehen muß, da bis zur Stunde unsere Schule noch den Charakter einer christlichen Volksschule hat, und muß ich Ihnen anheim stellen, wenn Sie mit der Unterrichtsweffe meiner Lehrer nicht einverstanden sein können, Ihren Kindern anderweitigen Unterricht angedeihen zu taffen. Was die Schulversäumniffe anbetrifft, so ist dies ein Versehen und wird künftighin nicht wieder Vorkommen.)" Diese Angelegenheit hat selbst in nichljüd. Kreisen großen Unwtllen erregt. Frankfurt a. M., 25 Januar. (Or.-Corr.) Meine Mittheilung über den Lehmann'schen TrauungLritus kann ich trotz feiner heftigen Entgegnung im „Israelit" und der des Herrn G. zu Mainz in Nr. 4 der Wochenschrift nur aufrecht erhalten. Ein Abdruck dieser Mittheilung in einem Mainzer Localblatt würde daselbst sicher keine Entgegnung von seiner Seite Hervorrufen können. Wahrheitsgetreu hätten nur meine Worte „bei jeder Trauung" dementirt werden können; denn nur wenn die Brautleute den Rmgwechsel wünschen, was in Mainz oft der Fall ist, läßt dies Dr. Lehmann aus Paftoralklugheit ungehindert und ohne Einsprache geschehen. Seine Art und Weise, eine Wahrheit zu dementiren, ist also der offtziösen Regierungspreffe und den Jesuiten nachgeahmt. R. Aachen, 24. Januar. (Or.-Corr.) Ad vocem, „das Wechseln der Trauringe möchte ich daran erinnern, daß schon der (lebte im 14. Jahrh.) in seinem Gutachten Nr 5 diesen unter den Juden Mallorca's herrschenden Brauch erwähnt und beklagt. Man sieht: „es ist Alles schon dagewesen." Rabbiner Dr Jaulus. Oesterreich. Wien. Der „Wien. Jsr." macht auf ein Buch aufmerksam, welches den Titel führt: „Das graue Alterthum, in Schilderungen und Erzählungen für Jung und Alt von Lorenz Siegmund, Leipzig b. Ruhl." In diesem Buche werden Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Salomon mit allen erdenklichen Schmähungen überhäuft. Die Redaktion des genannten Blattes vermuthet, daß der Verfasser ein getaufter Jude ist. Sie fordert die israelitischen Blätter, sowie den Gemeindebund in Leipzig, wo das Buch erschienen, auf, gegen den Verfaffer gerichtliche Schritte zu thun — In jetziger Zeit wird gegen Gott, Religion und Bibel öffentlich so viel geredet nnd geschmäht, daß man von einem Anrufen der Gerichte kaum ein Resultat erwarten könnte. Allerdings ist hier in Stettin unlängst ein Redaeteur, welcher unter dem Titel: „Schnitzel aus der Bibel", allerlei Hohn und Unglimpf (zum Theil nach den „Freien Glocken") veröff ntlicht halte, zu Gefängnißstrafe verurtheilt worden. Es fragt sich also, ob jenes oder dieses schlimmerer Art ist. Außerdem aber sind jene Schätzungen gegen die Patriarchen u. s. w. in jener Schrift zu Jnvectiven gegen die Juden verarbeitet uns es kommt der Satz vor: „Wo die Juden erst sich festgesetzt haben, da werden alle Nichljuden in Roth und Elend gerathen." Derartiges ist allerdings zur Stellung eines Slrafrrages ganz geeignet. Jndeffen fragt sich doch, ob der Mann und seine Schreiberei solchen Ernst werth sind. Man schießt bekanntlich nach Sperlingen nicht mit Kanonen. Gerade in Leipzig haben sich die Juden seit etwa einem Menschenaltec „festgesetzt", ohne daß darum Noth und Elend über die Stadt gekommen. Man kann also Derartiges auch feiner Lächerlichkeit überlaffen. L. Krakau, 25. Januar. (Or.-Corr.) Seit dem Antritte des Herrn Rabbiner Dr. M. Duschak, welcher unermüdlich wirksam und thätig ist, wehet ein neuer Ge,st in den hiesigen Kreisen, die deutsche Gemeinde unterstützt ihn in allen seinen Bestrebungen für die Befestlgung des Kultus im Geiste des traditionellen Juoenthums, und seinen Unterricht, den er der Jugend aus der Religion erlheilt. Der Geist der Versöhnung zwischen der deutschen und polnischen Partei bricht sich auch immer mehr Bahn, denn man überzeugt sich von dem wohlthuenden Einfluß des neuen Rabbiners. Während früher nur alle Sabbath öffentlicher Morgengotlesdienst stattfand, ftndet jetzt regelmäßig ein solcher an jedem Tage statt. Herr Dr. D. trägt täglich für erwachsene Talmudkundige aus dem polnischen Lager den Talmud in gründlicher Werse (mit Vergleichung des Jerujchalmi) vor. Wie w,r hören, beabsichtigt derselbe seine Untersuchungen über die Behandlung der Mrschna im babylon. und jerusalem. Talmud zu veröffentlichen. Seine Kanzelreden werden nicht nur von der deutschen Gemeinde, sondern auch von vielen der polnischen Partei Angehörigen besucht und mit Aufmerksamkeit und Befriedigung gehört; auch die Vorträge über Maimonides und seine Werke erfreuen sich eines zaylretcheu Besuches von Seiten der Polen. Krakau, 27. Januar. (Or. - Corr.) In den hiesigen öffentlichen Mittel- und Mädchenschulen befinden sich circa 1000 isr. Schüler, sie gehören alle den gebildeteren Mitgliedern an, denn den Chassldim ist bas Studium der profanen Wissenschaften ein Dorn im Auge, obgleich ihre Kinder dem exclusiven Talmudstudium sich eben so wenig widmen. Nun diese Studenten sind ,-fyn ste haben keinen Religionslehrer und keine Religionslehre, denn der Chef der Chassidim ist nicht nur ein sondern auch ein Der Neligionslehrer müßte nach dem Gesetze aus dem Gemeinve-