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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-01-30 · N° 5. (30.1.1878) · p. Seite 39

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 5. (30.1.1878)
Date
1878-01-30
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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-- 39 — Feuilleton. So rächt sich ein Jude. Charakterbild aus dem letzten deutsch-französischen Krieg. Von E. 3t. Schellitzer. (Fortsetzung.) Hauptmann Palm war schwer verwundet worden. Bedenklich schüttelte der Stabsarzt den Kopf, als er am zweiten Tage an das Bett des noch immer Bewußtlosen trat. Aber die kräftige Constitution des Verwundeten und die tresfliche Pflege machten dem Tod sein Opfer streitig, und schon nach zehn Tagen durste man es wagen, ihn mit einem Krankenzuge nach Trier ws Hauptlazareth zu befördern, wohin man die Schwerverwundeten sobald als thunlich zu bringen pflegte. „Ist Oscar Levy todt?" war die erste Frage Palms, als sein Bewußtsein zurückgekehrt war und die Scenen des letzten fürchterlichen Kampfes wieder frisch in seine Erinnenurg traten. „Gott Lob! — nein," erwidert die Diakonissin, die am Bette des Hauptmanns saß; „er lebt, liegt aber ebenfalls verwundet ini Lazareth." „Dank, tausend Dank für diese Nachricht!" murmelte der Kranke mit schwacher Stimme; „ich muß ihn im Leben noch Wiedersehen, er darf nicht sterben." „Bitte, lieber Doktor," rief Palm dem Stabsarzte zu, als er sich schon auf dem Krankenzuge zur Reise nach Trier befand, „grüßen Sie niir herzlich den Levy vom zwölften Landwehrregiment und geben Sw ihm diesen Ring; er ist ein Andenken meiner verstorbenen Mutter. Levy soll ihn tragen und seinen Freund und Waffenbruder Palm nicht vergeffen." Oscar Levy erholte sich wunderbar schnell. Als Metz capitulirt hatte, war er schon so weit hergestellt, daß er das Bett verlassen konnte und im Lehnstuhle am Fenster sitzend, die enlwaffneten französischen Regimenter sich ansehen konnte, die, von Landwehrmännern escortirt, die unfreiwillige Reise nach Deutschland antraten, wo sie in verschiedenen Festungen internirt wurden. „Es kommt Besuch!" rief am nächsten Tage die dienstthuende Diakoniffin in den Krankensaal hinein, in dem auch Oscar Levy sich befand, und Alles blickte neugierig nach der Thür, die jetzt weit geöffnet wurde. In der bekannten rothen Husaren-Uniform trat Prinz Friedrich Karl, von einem Adjutanten begleitet, herein. Levy wollte sich erheben. „Bleiben Sie ruhig sitzen, Hauptmann. Ich wollte ^hnen nur die Mittheilung machen, daß Sie an Stelle des in die Heimath dirigirten Baron Palm zum Compagnieführer ernannt worden sind. — Haben Sie sonst einen Wunsch, lieber Hauplmann?" „Rur den einen, königliche Hoheit, recht bald wieder, mit »leinen Kameraden vereinigt, den Franzosen gegenüberstehen zu können." Da blickte der Prinz so ganz eigenthümlich in das bleiche Gesicht des Verwundeten; ein Zug von Rührung flog über sein strenges Antlitz. „Sie sind ein Berliner, höre ich," „Zu Befehl, königliche Hoheit." „Ja, ja, wir Berliner Kinder sind eben keine Franzosreunde, (historisch,)" setzte der Prinz mit feinem Lächeln hinzu. „Nun, wenn der Stabsarzt es erlauben wird, dann, lieber -Hauptmann, mögen Sie sich wieder marschbereit machen. — Adieu, Kameraden!" Der Prmz legte grüßend die Hand an seine Feldmütze und verließ den Krankensaal. Während Hauptmann Palm mit einem steifen Arme aus dem Lazareth als Invalide in die Heimath entlassen wurde, traf Oscar Levy schon Mute November vollständig hergestellt bei seinem Negimente wieder ein, das, nochmals durch Ersatzmannschaften ausgefüllt, im December den Truppen vor Paris einverleibt wurde. Der ebenso gefahrvolle als beschwerliche Vorpostendienst .Zab dem Hauptmann Levy und seinem Regiment wiederholt Gelegenheit, ihre Bravour und Zuverlässigkeit zu beweisen, und fast bei jeder Action von Bedeutung konnte man sicher das Brandenburger Landwehrregimeut antreffen. Im Januar, fast unmittelbar vor der Capitulation von Paris, wurde Levy zu seinem Regimeutscommandeur beschieden. * „Hauptmann Levy," redete dieser ihn an, „soeben trifft vom Hauptquartier die Ordre für Sie ein, am nächsten Sonntag Vormittag um 11 Uhr im Schloßhose von Versailles zu erscheinen. Nach Ihrer Rückkehr theilen Sie mir wohl gefälligst mit, was es da gegeben hat." Der nächste Sonntag traf Oscar Levy zu rechter Zeit im Schloßhofe von Versailles, der bald von Offizieren und Soldaten aller Waffengattungen angefüllt wurde. Mit dem Glockenschlage Zwölf erschien König Wilhelm in Begleitung seines Sohnes, des Kronprinzen, des Grafen Biömarck, der Generäle Roon und Moltke und einer glänzenden Suite auf der großen Freitreppe des Schlosses Ludwigs des Vierzehnten. Es war ächtes Hohenzollern-Wetter an diesem Tage; hell und klar beschien die Sonne das militärische Schauspiel, das soeben sich abspielte. Der König grüßte freundlich die Truppen, die ihn mit unzähligen Jubelrufen empfingen. Hierauf trat der Kronprinz vor die Front derselben. „Soldaten!" sprach er mit lauter, weitlönender Stimme, „Seine Majestät der König haben mir den höchst angenehmen Auftrag ertheilt, den Tapfersten der tapfern Armee vor Paris, die hier versammelt sind, als ein Zeichen der Allerhöchsten Zufriedenheit den 1813 von unserm erhabenen Vorfahr, dem Könige Friedrich Wilhelm dem Dritten, gestifteten und von meinem königlichen Vater wieder neu ins Leben gerufenen Orden des eisernen Kreuzes zu ertheilen. Möge dieses Kreuz Euch nach Jahren noch an diese Zeit erinnern und Euch an die glorreichen Siege mahnen, welche Deutschlands Söhne auf Frankreichs Boden erfochten haben!" Ein Adjutant verlas dann aus einer Liste die Namen der Offiziere und Mannschaften, die einzeln vortcaten und aus den Händen des Kronprinzen die Kreuze in Empfang nahmen. „Hauptmann Oscar Levy vom zwö ften Landwehrregiment!" rief jetzt der Adjutant. Levy trat vor. „Für die seltene Bravour, die Sie bet Erstürmung der Höhen bei Noiffeville bewiesen, empfangen Sie das Kreuz zweiter Klasse!" las der Kronprinz aus der Liste, die der Feldgensdarm ihm vorhielt, während ein Unteroffizier der Garde du Corps dem Hauptmann die Decoration an die linke Brust heftete. Es dunkelte fast, als der letzte Manu sein Kreuz in Empfang genommen. Beifällig blickte das Auge des greisen Monarchen auf die tapfere Schaar im Schloßhofe, die jetzl unter Hurrahrusen nach ihren verschiedenen Standquartieren «drückten. Schon die nächsten Tage brachten m schneller Reihenfolge Ereignisse von weittragender Bedeutung. Hunger und Nolh und die tödtlichen Geschoffe der Belagerer halten den Widerstand der Pariser gebrochen. Karls des Großen Reich wurde auf's Neue aufgerichtet; Deutschland, zu einem großen Ganzen vereinigt, besaß einen Kaiser wieder. Wohl hatten die Deutschen ihre Siege theuer genug bezahlt und die französischen Milliarden, die nach Berlin flössen, konnten die Tausende von Menschenleben nicht ersetzen, die auf den Schlachtfeldern in Frankreich zu Grunoe gegangen; jene Milliarden konnten die Thränen nicht trocknen, die den geliebten Todten nachgeweint wurden, die für das Vaterland gestorben waren. Und doch schlugen die deutsche» Herzen höher, als der Kampf siegreich beendet war und die deutschen Krieger in die Heimath zurückkehrten. Berlin, die neue Kaiserstadt, prangte im schönsten Festtagsschmucke: Ehrenpforten waren überall errichtet worden und unzählige Flaggen wehten von den Thürmen und und Häusern der Stadt. Die preußischen Garden und andere Regimenter, aus Frankreich kommeiid, hielten heute ihren Einzug. Kopf an Kopf standen die Bewohner Berlins in den Straßen, durch die die Truppen ziehen sollten. (Schluß folgt.)

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