Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 5. (30.1.1878)
- Date
- 1878-01-30
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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in Neih und Glied treten, um sie sie sodann über die Klinge springen zu lassen. Diese abscheuliche Frevelthat hätte sicher stattgefunden, wenn nicht plötzlich 2 russische Reiter angekommen wären, die einen Beseht des Generals überbrachten, die Juden sofort zurückzubringen. Die Kosaken ergriffen bald die Flucht, und unsere Glaubensgenoffen mußten nackt und baarfuß unter den gräßlichsten Leiden zu Fuß den weiten Weg zu ihren Familien zurückmachen, die inzwischen nach Schipka gebracht morden waren. Der ruffische General (in dieser Erzählung sind alle russischen Offiziere als Generale bezeichnet, offenbar ein Jrrthum oder eine Uebertreibung in Folge der Aufregung der Zuschauer) gab Befehl, daß die Juden nach dem Hofe einer Kirche gebracht werden sollen; hier konnten sie sich, mit einem Vorrath von Brot und Wasser auf einige Tage versehen, hinlegen. „Es waren bereits 72 Stunden vergangen, seitdem wir nach Schipka gekommen, sagt einer der Flüchtlinge, als wir die Enkeltochter des Oberrabbiners ankommen sahen, die von den Bulgaren entehrt und in einem erbarmungswürdigen Krankheilszustande fortgeschickt worden war, und in dieser traurigen Lage waren die Angehörigen noch glücklich, sie wiederzusehen. Dreizehn Tage lang und eben so viele Nächte campirten wir auf diesem Hofe. Während der Dunkelheit schlichen sich bulgarische Soldaten in unser Lager, durchstreiften mit Todesdrohungen im Munde unsere Reihen und suchten sich beim schwachen Schein der bewegten Lichte diejenigen unserer jungen Mädchen aus, die ihnen gefielen und die sie gewaltsam nach Hause schleppten, ohne auf ihre Thränen oder ihre Seufzer'Rücksicht zu nehmen; bei Tagesanbruch schickten sie dieselben ihren Eltern entehrt und beschimpft zurück. Diese Excesse dauerten so lange, bis jene Unglücklichen in eine der entsetzlichsten Krankheiten verfielen." (Forts, folgt.) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Die „Voff. Zeit." berichtet: Hr. Dr. Nascher eröffnete am 14. d. M. den von seiner Gemeinde zu wohlthätigen Zwecken veranstalteten Cyclus wissenschaftlicher Vorlesungen in Arnim's Saal mit einem Vortrage über Spinoza's religiöse Gedankenwelt. In der Einleitung schilderte der Redner die Epoche, in welcher der Weise gelebt, der, obschon ein Sohn seiner Zeit, vom Geiste der Reformation getragen, gerade von seiner natürlichen Mutter, der Zeit, verkannt und verstoßen war. Erst deutsche Dichter und Denker haben den Philosophen aus dem Grabe der Vergessenheit geweckt, deffen methaphisisch-ethische und theologisch-politische Grundideen in gemeinverständlicher Weise der Redner vocführle. Derselbe wies sowohl im Hinblick auf die Culturerrungenschasten unserer Tage, als auch auf die sittlichen Ziele der Menschheit nach, daß der Ausspruch Baco von Verulam's: „Oberflächliches Studium der Philosophie entfernt von Gott, gründliches führt zu Gott" ganz besonders auf Spinoza zutrifft, dessen Weisheit und Wahrheit nächst der kartesianischen Weltanschauung den religionswiffenschaftlichen Studien entstammen, aus welchen der Denker hervorgegangen; weshalb feine Gedankenwelt eine religiöse genannt werden darf. — Der sehr ansehnliche Zuhörer.reis folgte deni Vorträge mit Aufmerksamkeit und spendete zum Schluß lebhaften Beifall. Die übrigen Vorträge werden folgende Thema behandeln: Akosta, ein Märtyrer der Gewissensfreiheit; Lessing's Verhältncß zu Mendelsohn; die 5000jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde-Organisation; der Einfluß der deutschen Philosophie auf die Volksbildung. Bruchsal, 9. Jan. Im außerordentlichen Etat des Staasbudgets pro 1878—79 erscheint zum ersten Mal ein Posten zur Aufbesserung gering besoldeter Rabbiner. Es sollen von den Rabbinern, deren festes Diensteinkommen weniger als 8000 Mark, beträgt, die eine Hälfte auf 2000 Mark, die andere auf 1600 Mark jährlich aufgebessert werden. Hierzu sind etwa 9200 M. jährlich erforderlich; die Aufbesserung soll jedoch für die ganze Dauer des Pfarrdotationsgesetzes, somit auch rückwirkend für die Jahre 1876 und 1877 gemährt werden, so daß weitere 9600 M. nöthig sind, im Ganzen mithin in dem vorliegenden Budget 28000 M. zur Anforderung gelangen. (Kr. Z.) Schwetz, 17. Jan. Zum Besten des israelitischen Frauen- Vereins hielt am 9. Jan., als dem Todestage von Moses Mendelssohn nach jüdischer Zeitrechnung, der hies. Rabbiner Dr. Dankowicz einen längeren Vortrag über diesen bekannten Popularphilosophen, in welchem er ein vollständiges Bild von M.'s Leben und Schriften entwarf. Der Vortrag währte fast 2 Stunden und wurde von den Zuhörern mit i großer Aufmerksamkeit und sichtlicher Befriedigung vernommen.! Wien. Der Sohn des Buchhändlers Salomon Netter Hierselbst wurde in Rußland als Spion verhaftet. Ein Bauernbursche sagte nämlich, er Halle Herrn Netter für einen Spion, weil er nicht russisch spreche, und weil er einmal in Constantinopel gewesen sei. Der Bedauernswerthe, ein Mann von Bildung und jüdischem Wiffen, wurde auf diese Aussage hin verhaftet und befindet sich auf dem Wege nach Sibirien. Obgleich nian bei ihm keine anderen Papiere fand, als seine Handelscorrespondenz, wird er dennoch im Wolensker Gouvernement in strengem Gewahrsam gehalten. Die israelitische Allianz zu Wim hat sich zu Gunsten des Herrn Netter viele Mühe gegeben, und es steht zu hoffen, daß man ihn dieser Tage entlassen werde. (Wien. Jsr.) Lemberg. Am vorigen Sonnabend (r62D) als dem 15. Schewat, wurde der 70. Geburtstag des Herrn Dr. med. Moritz Rappaport aufs Festlichste begangen und zwar sowohl in der Wohnung des Jubilars, wie im Tempel, wo Herr Prediger Löwenstein, die vielfachen Verdienste Rapp apor t's in beredten Worten hervorhob. Seine Biographie und Charakteristik veröffentlicht Herr Löwenstein im „Lemb. Israelit"; wir werden Einiges daraus imttheilen. St.-Gallen, Mitte Januar. Daß für unsere Glaubensgenossen dem Avancement in der Eidgenössischen Armee eine Engherzigkeit wie in einem gewissen großen Staate (siehe unter „Berlin") nicht im Wege steht, haben wir erst dieser Tage erfahren. Ein hiesiger junger Mann, Herr Oberlieutenant Wilhelm Reichenbach, ist zum Hauptmann befördert worden. Noch vor 15 Jahren hatte hier jeder Jude zur Betreibung eines Geschäfts ein „Hebräer"-Patent vierteljährlich gegen hohe Summen zu lösen. Paris. Baron Gustav v. Rothschild hat zum Andenken an fern jüngst verstorbenes Söhnchen 12000 Frank R en ten zu einer Stiftung für Reconvalescenten ausgesetzt. — Einer der hier ansässigen Chefs des ruff. Hauses Günzburg ist gestorben. Türkei. Es ist leider vorauszusehen, daß bei dem Vordringen der Russen und Rumänen, wozu sich nun auch das serbische Gesindel gesellt, wieder große Leiden über die Israeliten kommen werden. So ist der „Jsr. Allianz." zu Wien folgender Bericht zugekommen: In Lom Palanka wohnten etwa vierzig jüdische Familien in guten Verhältnissen. Als die Beschießung des Ortes begann, flüchteten einige von diesen nach Widdin, die Zurückgebliebenen hatten ein trauriges Schicksal. Die Ruffen und Bulgaren plündertern die Häuser der Türken und Juden. Viele Häuser wurden zerstört, darunter auch die Synagoge, die Thora's zerriffen, hundertvierunddreißig Israeliten sind nackt und bloß in Hrajowa angekommen und bitten die israelitische Allianz um Hülfe. Petersburg. Nach der amtlichen Liste befinden sich unter den im Kriege Gefallenen: 2875 Israeliten; von diesen waren nahezu 1900 verheirathet.