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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-01-23 · N° 4. (23.1.1878) · p. Seite 31

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 4. (23.1.1878)
Date
1878-01-23
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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31 — Feuilleton. So rächt sich ein Jude. Charakterbild aus dem letzten deutsch-französischen Krieg Von E. R. Schellitzer. (Fortsetzung.) Die Ereignisse auf dem Kriegstheater drängten sich nun mit wunderbarer Schnelligkeit. Bazaine, von der Armee des Preußischen Kronprinzen hart bedrängt, suchte vergebens . mit Mac Mahon Fühlung zu bekommen, um mit diesem vereinigt den Feind niederzuwerfen und dessen Vormarsch nach Paris zu vereiteln. Aber die Deutschen hielten ihn und seine Truppen wie mit eisernen Armen umfangen, und um der Gefangenschaft zu entgehen, warf sich der französische Marschall mit seiner Armee nach Metz, um es später doch nur als Kriegsgefangener zu verlassen. Die Cernirung der alten berühmten Feste begann. Prinz Friedrich Karl übernahm das Kommando der Belagerungsarmee, und um die nach Paris vordringenden Truppenrorps so wenig als möglich zu schwächen, wurden zwei Landwehr-Divisionen. unter dem Befehle des General Kummer vor Metz zurückgelaffen, während alle entbehrlichen Linientruppen der kronprinzlichen Armee zugetheilt wurden. Auch das zwölfte Brandenburger Landwehr-Regiment blieb vor Metz. Dasselbe hatte aber so viele Leute verloren, daß Ersatzmannschaften aus der Heimath die gewaltigen Lücken in allen Compagnien ausfüllen mußten; auch viele Offiziere waren gefallen oder lagen verwundet in den Lazarethen, und diesem Mangel wurde dadurch abgeholfen, daß mehrere Reserveoffiziere diesem Landwehrregimente zugetheilt wurden. War es nun Zufall oder Bestimmung, auch Oberlieutenant Palm kam als Compagnieführer ins zwölfte Regiment und war so in die unmittelbare Nähe Oscar Levy's gebracht worden, den er seit jenem Abend auf Alt-Kloster nicht wieder gesehen hatte. Schon das erste Begegnen der beiden Offiziere bewies, daß Hauptmann Palm seiner früheren Gesinnung treu geblieben. Mit frostiger Kürze besprach er mit dem ihm untergeordneten Lieutenant die dienstlichen Angelegenheiten, ohne der Heimath oder ihrer früheren Bekanntschaft auch nur mit einem Worte zu gedenken, und beide Männer vermieden es, einander außerdienstlich zu begegnen. So vergingen einige Wochen. Immer enger wurde der Gürtel, der Metz umschlang; Position um Position wurde genommen, die Ausfälle der Belagerten zurückgeschlagen, und Ueberläufer, die bei den deutschen Vorposten sich meldeten, verkündeten die furchtbare Noth, die in der Stadt herrsche und die jeden ferneren Widerstand unmöglich mache. So war der Oktober herangekommen. Die Forts um Metz hatten ihr Feuer ganz eingestellt; still und ruhig war es überall, und hätten nicht die unzähligen Zelte und Hütten der Belagerungstruppen und diese selbst in ihren bunten Uniformen und die vielen Brandstätten und Ruinen in den umliegenden Dörfern nur zu deutlich dargethan, daß hier der Krieg mit allen seinen Schrecken wüthe, man würde, durch die friedliche Stille getäuscht, geglaubt haben, daß der Mensch hier harmlos und glücklich neben seinem Mitmenschen wohne. Die Heerführer der Deutschen ließen sich indeß durch diese Stille nicht täuschen. Alle Truppen waren consignirt mtit,Ien Posten; Cavallerie und Artillerie standen neben ihren Pferden, bereit, nach irgend einem bedrohten Punkte aufzubrechen. Und diese Vorsicht war durchaus nicht unnöthlg gewesen. Es war zwischen zwei und drei Uhr des Morgens. Ein lchter Nebel hatte die Stadt und ihre Umgebung eingehüllt. plötzlich donnerten die Kanonen des Forts St. Julien wieer und in dichten, jenggeschloffenen Colonnen drangen die r^ranzofen gegen die Erdwerke und Verhaue der Deutschen und der von ihnen besetzten Dörfer vor, um einert Durchbruch zu versuchen. Der erste Anprall der Franzosen blieb nicht ohne Erfolg. Die von den Deutschen besetzten Hügel bei Noiffeville wurden mit stürmender Hand genommen, alle Geschütze erobert, und fast schien es, als ob ein Theil der in Metz eingeschlossenen Armee hier durchbrechen wurde. Aber die braven preußischen Landwehrmänner gingen im Sturmschritt vor und warfen die Franzosen auf allen Punkten zurück. „Do kummt keen Franzmann dorch!" riefen die stämmigen Pommern und Brandenburger in ihrem eigenthümlichen Deutsch. Und sie hielten Wort. Kein Franzose entkam; aber Hunderte von ihnen lagen todt am Boden oder waren verwundet und gefangen. Doch die Höhen bei Noiffeville und die auf denselben befindlichen Batterieen mußten sofort wieder genommen werden und dazu wurde das zwölfte Brandenburger Landwehrregiment commandirt. „Vorwärts, Kameraden! — Wir müssen dort hinauf!" rief Oberst Uttenofen, mit seinem Degen auf die Hügel zeigend, seinen Leuten zu. Und obschon ein mörderisches Feuer sie empfing, drangen doch die braven Brandenburger immer weiter vor. Aber von dem furchtbaren Kartätschenfeuer des Feindes niedergeschmettert, lag bald ein großer Theil des Regiments todt oder verwundet dahingestreckt; auch der Oberst war gefallen. Die Zwölfer schwankten einen Augenblick; sie hielten. Da ergreift Hauptmann Palm die Regiments-Standarte, die dem von einer Kugel getroffenen Fahnenträger auö der Hand gefallen war; hoch flattert sie wieder an der Spitze der Sturmeolonne. „Mir nach, wer ein guter Preuße ist!" ruft Palm mit Donnerstimme. Und enger schließen sich die lückenhaften Reihen der Zwölfer und fort geht es gegen die Hügel. Jetzt stehen sie am Fuße derselben. Ein wohl ezieltes Kleingewehrfeuer empfängt sie; ganze Reihen stürzen nieder, um nie wieder aufzustehen. Aber über die Leiber der gefallenen Kameraden dringen Andere vor; sie klimmen hinauf. Palm und Levy find zuerst oben. Beide Männer sind verwundet; sie fühlen es nicht, sie stürzen sich auf den Feind. Etwa 50 Landwehrmänner sind dicht hinter ihnen. Ein furchtbarer Kampf entbrennt auf dem Hügel. Dis Franzosen werden neben den Geschützen niedergehauen; einen Theil derselben haben die Preußen wieder erobert. Da führt ein riesiger französischer Chaffeur einen mächtigen Hieb ^nach Palm, der getroffen niederftürzt. Der Franzose will einen zweiten Hieb nach dem am Boden Liegenden führen. Doch mit Blitzesschnelle wirst sich Levy, um den Hauptmann zu retten, auf den Riesen. Sie ringen mit einander, es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Plötzlich fühlt Levy einen brennenden Schmerz; der Chasseur hat ihm den Hirschfänger in die Brust gestoßen. In diesem Augenblicke hat der Rest der Zwölfer die Höhen erstiegen und ein wohlgezielter Kolbenschlag eines Landwehrmannes macht den riesigen Gegner Levy's auf ewig verstummen. Die verlornen Positionen und die Geschütze sind von den Deutschen wieder erobert. Die Franzosen ziehen sich in größter Unordnung zurück. Der Ausfall, es war der letzte vor der Capitulation, ist vollständig mißglückt Die Verwundeten wurden sofort nach den verschiedenen Lazarethen befördert und den sorgsamen Händen tüchtiger Aerzte übergeben. Aber auf den Höhen von Noiffeville, wo der entsetzliche Kampf stattgefunden, stand einige Stunden später Prmz Friedrich Karl mit seinem Stabe, und der persönliche Adjutant des Höchstcommandirenden notirte die Namen der Tapferen, in erster Reihe aber die der Offiziere Palm und Levy, die hier mit seltener Bravour und wahrem Heldenmuthe gekämpft hatten. (Fortsetzung folgt.)

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