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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-01-23 · N° 4. (23.1.1878) · p. Seite 29

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 4. (23.1.1878)
Date
1878-01-23
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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— 29 — der General Gnrko den Russen und Bulgaren, die türkischen und jüdischen Häuser zu plündern. Die Eigenthümer, die man vorsichtshalber früher entwaffnet hatte, glaubten stch hierüber beim Generalstab beschweren zu können, der ihnen jedoch antwortete, daß das Kriegsrecht stets ^die Plünderung einer eroberten Stadt auf wenigstens 24 Stunden gestatte. Die Bulgaren setzten daher ihre traurigen Plünderungs-, Mord- und Diebstahlswerke noch während mehrerer Tage fort. Am 9. Ab (20. Juli) bemächtigten sich 3 Bulgaren unter Anführung eines vierten, der ein Russe zu sein schien, des Hanfes von Aaron Caneti, und da letzterer sich aus Furcht vor Gewaltthätigkeiten versteckt hatte, suchten sie ihn, fanden jedoch nur seine Associes, Jsaac und Juda Assa, die gefänglich eingezogen, aufgefordert wurden, anzugeben, wo Aaron Caneti fein Geld hingelegt habe. Diese Unglücklichen, die unmöglich Widerstand leisten konnten, glaubten gut zu thun, wenn sie einen Theil des Geldes auslieferten, aber die Plünderer erklärten sich hiermit nicht zufrieden; vom Zorn aufgebraucht, hielten sie nicht länger an sich und tödteten Juda Affa mit einem Dolchstich; Jsaac Assa hatte entfliehen können. Als die Juden dies erfuhren, erhoben sie sofort Klage beim russischen Commandanten, der Wachen in die Straßen legen ließ, um die Plünderung auszuhalten und sich aller Marodeure zu bemächtigen. Aber trotz dieser mehr zum Schein ergriffenen Maßregeln setzten die Bulgaren ihr Werk fort und blieben 8 Tage, vom 10. bis 18. Ab, Herren der Stadt. Am 19. Ab kam die Nachricht, daß die Türken in Zagara eingerückt seien. Sofort zogen sich die Russen, die in Kazanlik sich nicht stark genug fühlten, nach Schipka und ließen die türkischen und jüdischen Familien im Streit mit den Bulgaren zurück, welche die Anwesenheit der Fremden doch noch ein wenig im Zaume gehalten hatte. Seitdem hatten die Cxceffe keine Grenzen mehr. Eine Proclamation der bulgarischen Regierung that zu wissen, daß jeder Türke oder Jude, der aus seinem Hause zu gehen versuchen sollte, auf der Stelle getödtet werden würde. Einige Türken wagten, diesem Verbote zu trotzen und fanden sofort im Tode das Ende ihrer Leiden. Der Befehl der bulgarischen Regierung hatte keinen anderen Zweck, als die Plünderung der Magazine zu erleichtern und sodann das Eindringen in die nur von den isolirten Eigenthümern vertheidigten Häuser zu gestatten. Die Juden fügten sich anfänglich in die Vorschriften der bulgarischen Behörde; aber da sie bald sahen, daß die Plünderung ihrer Häuser trotzdem fortdauerte, verließen sie die Letzteren und begaben sich in Masse nach der Synagoge, um zu verabreden, was Angesichts solcher Vorgänge zu thun sei. Dieses Verlaßen der jüdischen Häuser fand am 24. Ab (4. Aug) statt. Am Samstag den 25. Ad (4. Aug.) drangen die Bulgaren in den Hof der Synagoge und stießen Todesdrohungen gegen unsere unglücklichen Brüder aus, die ihren Befehlen getrotzt hatten; ihr Anführer war eia gewisser Simio, ein christlicher Diener, der in der Synagoge und in fast allen jüdischen Häusern von Kazanlik am Sabbath Feuer anmachie; dieser Elende, der bis jetzt Geld von den Juden bekommen hatte, war der Erste, nicht blos sie zu m'rrathen, sondern auch sie zu denunciren. Einige Juden, und darunter der Oberrabbiner, konnten entfliegen und sich in den Speichern und Kellern ihrer Häuser verstecken; aber die im Hofe einhertaufender Bulgaren bemächtigten sich derer, die nicht hatten entfliehen können, und trafen auf Angabe Simio's der Reihe nach eine Auswahl, welche aus folgende Männer fiel: Samuel Caneti, Jacob Levy, Moses Cataoa, Bohor Joseph und Levy, die sie nach dem anderen Ende der Stadt führten. Unterwegs wurden unsere armen Glaubensgenossen fortwährend mißhandelt, vre Bulgaren suchten ihnen hierdurch Geld zu erpressen, da sie aber sahen, daß sie keins hatten, so tödteten sie, um sich zu rachen, einen Hund und zwangen die Juden, das Blut desselben zu trinken. Des Krieges müde, ließen sie dieselben sodann frei und behielten nur Samuel Caneti als Geißel zurück, damit bei der Familie desselben Schritte gethan würden, ihn durch ein Lösegeld zu befreien. Die isarelitischen Frauen legten aus vollständigem Mangel an Geld alle ihre Schmucksucheu ab, und unter den Juden wurde eine Collecte gemacht; die Bulgaren erhrelten das Lösegeld, ließen aber dennoch ihren Gefangenen nicht los. In der Nacht von Samstag auf Sonntag suchten die Bulgaren durch allerlei Provocationen neuen Conflict mit den Juden herbeizusühren. Unter Anderem schickten sie einen kleinen Jungen ab, der, während die Juden in den Winkeln ihrer Häuser sich versteckt hielten, Pistolenschüsse gegen die Jnsaffen absenerte; sie hofften, daß die Juden den kleinen Taugenichts, der sie belästigte, züchtigen und ihnen Gelegenheit geben würden, Repressalien gegen sie zu ergreifen; aber nichts dergleichen geschah; die Juden, besser unterrichtet, schenkten diesem jungen Banditen etwas Geld und hatten bald von ihm Ruhe. (Fortsetzung folgt.) Nordamerika. Newyork. Herr Peixotto erklärt in einem an den Herausgeber des „American JSraelite" gerichteten Briefe, daß er den ihm übertragenen Posten eines amerikanischen General- Consuls in St. Petersburg nicht annehmen könne. Er sagt darin: „Schon als der Präsident^ mich am 16. v. M. (November) zu diesem Posten ernannte, nahm ich ihn unter Protest an; da die außerordentliche Session vorüber gegangen ist, .... so bin ich nicht weiter darauf zurückgekommen .... Ich weiß, daß viele meiner Freunde von diesem anscheinenden Fehlschlagen meiner Wiederernennung überrascht sein weröen. Der Fehler ist ganz auf meiner Seite, und private Gründe, welche öffentlich bekannt zu geben ich mich verpflichtet fühle, sind die Ursache. Die Besoldung jenes Postens beträgt nur 2000 Dollar jährlich, und es giebt keine Nedeneinkünfle. In einer so theuren Hauptstadt in einer offiziellen Stellung als Generalconsul der Vereinigten Staaten zu leben, kostet nicht weniger als 5000—8000 Dollar jährlich. Ich habe nicht ein solches Einkommen aufzuwenden und weiß keinen gesetzmäßigen Weg, um einen Ausgleich zwischen der amtlichen Besoldung und dem erforderlichen Aufwande herzustellen. Dies ist nach reiflicher Ueberlegung der Grund meiner Ablehnung. Ich kann nicht umhin, mich an Rumänien zu erinnern und an alle die Prüfungen, die ich dort zu bestehen hatte. Dieses Land hat eine jüdische Bevölkerung von 250,000 Seelen. Rußland hat eine von beinahe zwei Millionen- In beiden Ländern sind die Juden grausam unterdrückt und der allgemeinen Menschenrechte beraubt. Ich könnte nicht in St. Petersburg amtlich bestallt und dabei gegen die Lage eines so grausam und unnatürlich behandelten Volkes gleichgültig sein. Ich würde nicht umhin können (wenn auch innerhalb geeigneter offizieller Grenzen), zur Verdefferuug ihrer Lage beizutragen. Dies könnte ich nur, wenn ich das Ohr des Kaisers und des hohen Adels im Lande erreichen könnte. Zu diesem Behufe müßte ich bei Hof Zutritt haben und mich unter die erste Gesellschaft des Landes mischen können, und dazu würde ein Vermögen gehören, größer als das, welches ich besitze, und mehr Mittel als dstjenigen, über welche ich zu disponiren hoffen kann. Niemand gilt in Rußland etwas, wenn er nicht reich ist und ein elegantes Haus ausmachen kann. Als einfacher Consul würbe ich verloren sein, als ein Consul, der mit der großen Gesellichaft der Hauptstadt verkehren kann, würde ich viel vermögen. Ich fand dies auch in Rumänien am Hofe des Fürsten Karl und habe für die Sache des Rechtes und der Huinanilät den sauren Erwerb von zwanzig Jahren aufgewendet, ungerechnet der Beiträge, welche mir für die Förderung meiner Mission gesendet wurden. Es würde nutzlos fein, den Kamps zu erneuern, zumal in dem Hauptquartier der die Juden heut betreffenden Verfolgungen (denn das ist Petersburg), ohne große und genügende Hülfsquellen, und da ich solche nicht habe, weiß ich sie nicht zu schaffen, Sympathie allein genügt nicht. Andrerseits ist das amerikanische Volk einer solchen Mission, wie die meinige selbst wider meinen Willen werden müßte, nicht günstig. Sie sympathisiren mit Rußland in sei-

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