Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 4. (23.1.1878)
- Date
- 1878-01-23
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9582893--3442-9582895- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 26 — wohl an zunehmen, daß die Nüchternheit der Juden ihren Grund im Speisegesetz findet, während man in neuerer Zeit die Bemerkung gemacht hat, daß der Alkoholconsum als wirksames Medicament gegen die Schädlichkeit der unreinen Thiere zur Geltung kommt. Es sind trotz der Betheiligung am Genüße trichinösen Schweinefleisches diejenigen verschont geblie" ben, die vor- und nachher einen angemesienen Trunk gethan rc' Es ist eigenthümlich, daß die Naturforscher diese Jsolirung der Juden in ihrer Ernährung gänzlich unberücksichtigt lassen, während die jetzige materialistische Richtung ihr Hauptaugenmerk gerade auf die Ernährung richtet. Im Gegensätze zu Rurmeister äußert sich Alex. ».Humboldt hierüber*): So lange man nur bei den Extremen in der Variation der Farbe und der Gestaltung verweilte und sich der Lebhaftigkeit der ersten sinnlichen Eindrücke hingab, könnte man allerdings geneigt werden, die Racen nicht als bloße Abarten, sondern als ursprünglich verschiedene Menschenstämme zu betrachten. Die Festigkeit gewisser Typen, mitten unter der feindlichsten Einwirkung äußerer, besonders climatischer Potenzen, schien eine solche Annahme zu begünstigen, so kurz auch die Zeiträume sind, aus denen historische Kunde zu uns gelangt ist. Kräftiger aber sprechen auch meiner Ansicht nach für dit'e Einheit des Menschengeschlechtes die vielen Mittelstufen der Hautfarbe und des Schädelbaues, welche die raschen Fortschritte der Länderkenntniß uns in neueren Zeiten dargeboten haben, die Analogie der Abartung in anderen wilden und zahmen Thierklassen, die sicheren Erfahrungen, welche über die Grenzen fruchtbarer Massenerzeugung habe^ gesammelt werden können. Der größte Theil der Contrafte, die man ehemals hatte zu finden geglaubt, ist durch die fleißige Arbeit Tiedemanns (über das Hirn der Neger und der Europäer), durch die anatomischen Untersuchungen Brolik's und Weber's (über die Gestalt des Beckens) hinweggeräumt. Wenn man die dunkelfarbigen afrikanischen Nationen, über die Pichards gründliches Werk so viel Licht verbreitet hat, in ihrer Allgemeinheit umf aßt und sie dazu noch mit den südindischen n. westaustralischen Archipels mit den Papuas und Alfourons vergleicht, so sieht man deutlich, daß schwarze Hautfarbe, wolliges Haar und negerartige Gesichtszüge keineswegs immer miteinander verbunden sind." Sowohl der Darwinismus als die Racentheorien (welche verschiedene menschliche Urformen annimmt) divergiren wesentlich mit der biblischen Cosmogonie, doch steht letztere Theorie in ihren Consequenzen in weit bedenklicherem Contrast zur Bibel als der Darwinismus. Zur förmlichen Ironie wird jedoch die Forschung der Racentheorie, wenn sie k la Blllroth zum Schluffe gelangt, daß einzelne Menschenracen ebenso wenig mit anderen sich verschmelzen laßen, wie etwa die Eule mit dem Kanarienvogel und dabei der jüdischen Typus als dem germanischen untergeordnet betrachtet werden müßte. Als Entgegnung wollen wir die geistreichen Worte von Gerhard von Amyntor citiren**): Vergeffen wir aber nicht, daß das Judenthum schon eine Cultur mit höchster, sinnigster Kunstpflege besaß, als unsere *) Kosmos I. S. 379. **) Randglossen zum Buche des Lebens von Gerhard von Amyntor Elberfeld 1376. S. 233. röthlich gelockten Vorfahren noch auf der Bärenhaut um ihre Weiber würfelten, und daß der volle Kranz des Wiffens und der wahren Bildung unserer Tage durch reichste Blüthen aus dem Judenthum untermischt ist" rc. Wie bereits bemerkt, kennt die Bibel keine Menschenrace als Abstammung von verschiedenen Urmenschen, sondern nur Varianten eines Menschentypus, indem sie jede Abweichung im Menschengeschlecht für Modification einer Urform hält, welche im Laufe der Zeit entstanden sind (durch Degenerirung und Regenerirung), welche Annahmen Humboldt durch obiges Citat bestätigt. Hierdurch umfaßt der Mosaismus das ganze Menschengeschlecht mit gleicher Liebe, indem er dasselbe durch Regenerirung für fähig hält, zur höchsten menschlichen Vollkommenheit zu gelangen und ihm auch die glückliche Zukunft prophezeit, „daß einst der Tag kommen wird, an dem Alle nur die eine Urkraft" anerkennen und sich in einem sittlichen Princip vereinigen werden. Berichte und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, 3. Januar. (Or.-Corr. Schluß von Nr. 2) Es läßt sich nicht verkennen, daß die Wahlen eine gewiffe Gährung in der Gemeinde hervorgerufen und zurückgelassen haben. Man halte nicht entgegen,, die Betheiligung sei doch schließlich eine schwache gewesen und das zeige, daß die Bewegung nicht tief gegangen sei und darum alsbald verlaufen werde. Die Wahlen sind zum erstenmal unter der Herrschaft des Austrittsgesetzes vor sich gegangen, und das ist jedenfalls ein neues Moment. Daran knüpft sich gleich das weitere, daß die Frage des Austritts ventilirt woroen ist und weiter ventilirt wird. Das Schlimmste aber ist, meines Erachtens, der Punkt, daß die herrschende Partei sich auf die Thatsache stützt, ja darauf pocht, daß bis jetzt keine Austritte erfolgt sind. Während in sehr vielen Gemeinden, großen und kleinen, ein Emlenken, Paktiren, Aussöhnen registrirt werden kann und von allen Wohldenkenden als eine gute Wirkung des neuen Gesetzes anerkannt wird, sehen wir hier nach wie vor ein schroffes Auftreten und Geltendmachen der Autorität Warum ist aber hier keine Separation mit Austritt aus der Stammgemeinde eingetreten? Die Elemente sind schon vorhanden; und was an anderen Orten die Gemeinden zusammenhält, Anhänglichkeit an den angestammten Gemeindes Verband — das ist hier, wo die große Mehrzahl aus Eingewanderten besteht, nicht vorhanden. Dagegen fehlt den ohne Zweifel vorhandenen Austritts-Elementen, Gelüsten und Strebungen der Kristalliiationspunkl, und das will eigentlich sagen, daß solcher hier zu viele vorhanden sind. Sie werden sich jedenfalls selbst daran erinnern, daß Sie vor mehreren Jahren schon (1873 Nr. 43) darüber geschrieben haben, daß die Adass Jisroel des Dr. Hildesheimer hier darum nicht zur Geltung kommen könne, weil es hier gar manche Rabbiner und Exrabbiner, Prediger, Privatgelehrte, Synagogen, Betlokale u. s. w., u. s. w. gäbe, welche mehr oder weniger auch orthodox sind, zum Theil noch orthodoxer als Dr. H., zum Theil als große Lamdonim gelten, die alle nicht daran denken, sich dem Rabbiner der „Adass“ unterzuordnen, sich unter seine Flügel uno Leitung zu stellen. Diese einzelnen Theile und Splitter, wie die Gemeinde des Dr. Nascher u. s. w., denken nicht an Austritt, können nicht daran denken; dasselbe gilt von der Gemeinde des Dr. Cohn. Diese, die obendrein vielfach aus Alt Berlinern besteht, denkt nicht an Austritt, wenn auch sicherlich viele ihrer Mitglieder der herrschenden Partei im Vorstande sehr abgeneigt sind; und Dr. Cohn denkt gewiß nicht daran, den Dr. Hildesheimer als sei-