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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-01-16 · N° 3. (16.1.1878) · p. Seite 21

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 3. (16.1.1878)
Date
1878-01-16
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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Verlobung auf das blanke Gold gefallen, so daß wirs übersehen haben. Wir tragen es nun nach und sagen damit der künftigen Gräfin Roseberry - Lebewohl! Rumänien. Bukarest. Da die Rumänen nun eine unabhängige Nation mit Kriegslorbeeren geworden sind und für diese Umwandelung die Anerkennung Eurvpa's wünschen, denken sie mit Schrecken daran, daß man für diesen Liebesdienst von ihnen die Beseitigung der intoleranten Bestimmungen gegen die Juden verlangen wird. In dieser Besorgniß schreibt inan der „Pol. Corr." aus Bukarest, 1. Januar: „Die Judcnfrage wird in höheren politischen Sphären heute lebhafter denn je ventilirt. Die Anschauungen über diese Frage in diesen Kreisen läßt sich dahin präcisiren, daß man sich unmöglich der Ueberzeugung verschließen könne, daß bei einem künftigen Congresse, auf welchem die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens zur Sprache kommen wird, auch Artikel VI. der dermaligen Landesverfassung werde in's Auge gefaßt werden müssen. Dieser Artikel bestimmt bckanntlich, daß alle Ausländer „christlichen Glaubensbekenntnisses" bas rumänische Bürgerrecht erwerben können. Daß die Constituante im Jahre 1866, die diese Verfassung einbrachle, bei der obigen Bestimmung weder die Türken ilvch die Japanesen im Auge hatte, bedarf keiner näheren Ausführung. Was mit der so gearteten Fassung der betreffenden Verfassungsbestimmung beabsichtigt wurde,, ist evident. Wohl erkennt man jetzt aber, daß im Funbamentalgesetze eines „freien" unabhängigen Staates, ein solcher Anachronismus länger nicht bestehen könne. Hiermit ist die Judenfrage 60 ipso auf's Tapet gebracht. Die Rumänen machen jedoch aus dieser Frage durchaus keine Religionsfrage, wenngleich dieselbe ihnen aus socialen und ökonomischen Gründen dre größten Besorgnisse einflößt. Das für commercielle und industrielle Concurrenz noch ganz unvorbereitete rumänische Volk fürchtet sich vor einem Elemente, welches eben in Handel und Wandel außerordenflich gewandt, rührig und thatkräftig ist und überdies auch noch über ein^n großen Theil des klingenden Capitals in Europa verfügt. Man befürchtet, daß Rumänien, eben erst aus einer Vasallenfchaft losgekommen, in eine andere neue verfallen würde. Der am weitesten vorgeschrittene Theil des Landes, die Jntelligenz und wohl auch ein g oßer Theil der Bevölkerung würden gerne zustimmen, wenn ausnahmsweise denjenigen Juden, welche teil Generationen im Lande ansässig sind und sich um dasietbe Verdienste erworben haben, die politische Gleichberechtigung zuerkannt werde. Namentlich ist rnan in dieser Richtung den spanischen Juden überaus geneigt. Allein jeder Versuchs die Emancipirung als ein allgemein giltiges Princip aufzustellen, dürfte kaum auf einen sicheren Erfolg rechnen können. Zur Rechtfertigung dieser Perspective dient der Hinweis auf den socialen und volkswirthschaftlichen Zustand der Moldau, welcher zunächst als Argument für die Angst vor der Ueberfluthung durch das jüdische Element angerufen wird." Wenn auch im vor. Blatte von einer neuen Judenhetze die Rede gewesen ist, bei der es sich wohl nur um einen vereinzelten Exceß gehandelt haben wird (nähere Nachrichten fehlen uns bis jetzt, und läßt dies eben darauf schließen, daß die Sache nur unbedeutend gewesen ist), so kann man dagegen im Ganzen und Großen hoffen, daß der Krieg gute Folgen für die Stellung der Juden in Rumänien bringen wird, indem die Geld- und Blutopfer, welche dieselben gebracht haben, nicht übersehen werden und nicht ganz vergeblich bleiben können. Schon vor einigen Monaten brachte „Hamagid" eine Correspondenz aus Bukarest, welche von den guten Folgen des Krieges zu berichten wußie. Allerdings, hieß es da, haben viele Rumänen beim Ausbruche des Krieges gewaltige Drohungen gegen uns ausgestoßen. „Wenn die Russen kommen, dann massacriren wir euch Alle!" — Aber die Russen kamen, und der rumänische Pöbel sah, daß unter den Russen zahlreiche Juden dienten, welche durchaus gleich den Christen behandelt und geachtet werden. Sie sahen, daß alle Lieferanten der Russen Juden seien, sie waren genöthigt, den direkten und indirekten Requisitionen dieser Juden zu pariren, sie sahen, daß die vornehmeren unter diesen Juden von den Offizieren ganz respektvoll behandelt wurden, sie sahen Poljakoff, den Erbauer der Eisenbahnen, den jüdischen großen Herrn, mit dem Generale ganz vertraulich verkehren — kurz sie sahen, daß die Russen, welche dem rumänischen Pöbel insgesammt Götter vorstellen, die Juden keineswegs als Hunde behandelten, wie der Rumäne meinte und für recht hielt. Kurz durch die Russen, sagt der Correipondent des Hamagid, hat der Rumäne einen anderen Begriff von den Juden bekommen; und so ists auch ganz glaublich. Ganz ähnlich spricht sich nun eine offenbare gut unterrichtete Correspondenz des „Lemb. Jsr." aus Jassy aus. Sie lautet: Jassy. Seit einiger Zeit haben die hiesigen Journale aufgehört, ihre Spalten mit judenfeindlichen Expecloratiouen zu füllen, welche besonders beim Ausbruch des Krieges zu einer stehenden Rubrik derselben geworden. Selbst die abgefelmtesten Märchen, welche geflissenlich unter dem Volke verbreitet waren, scheuten sie sich nicht zu reproouciren. Unter einer, einen Zug russischer Truppen angaffenoen Gruppe hörte ich em rumänisches Weid erzählen, wie die rumänischen Juden den Türken, als ihren Verwandten, Geldsummen in Butterfässern schickten. Das Biederweib schloß mit der Bemerkung, daß, so man nur mit den Türken fertig geworden sein wird, dann werde die Reihe der Vertilgung an die Juden kommen. Eines Tages lief man schon auf den Bahnhof, um jene 40 Juden zu sehen, welche beim Sprengen der Eisenbahnschienen erwischt sein sollten, um der russischen Armee den Transport zu erschweren. Natürlich kehrte man unbefriedigt nach Hause, als sich diese nicht zeigten. Als ein anderes Mal türkische Gefangene im Jassyer Bahnhof rasteten, erlaubten sich einige Juden, den unglücklichen Gefangenen Broü und Taback zu schenken. Die rumänische Wache vertrieb aber die Mildlhätigen, damit sie ihren Vettern keine Akte der Barmherzigkeit erweisen. Hingegen verdient das Betragen der russischen Soldaten gegenüber den Juden, mit Ausnahme einiger Ausschreitungen seitens einiger Kosaken, lobeuswerthe Anerkennung. Zuin Theile mag dies dem Umstande zu verdanken sein, daß der Russe sich mit dem Rumänen nicht verständigen konnte, wodurch kein Gedankenaustausch möglich war; daher jene absurden Märchen von jüdischen Geldsendungen an die Türken, so wie von den angeblichen Gebeten in den Synagogen für das Waffenglück der Türken, unter den Ruffen keine Verbreitung finden konnten. Hingegen konnten die Russen sich mit einem großen Theil der hiesigen Juden, bei denen sie größtentheils ernquartirl waren, ziemlich gut verständigen, da ein großer Theil derselben theils russisch, theils eine andere slavische Sprache versteht. Durch ihr freundliches Entgegenkommen den eii»quarlirten Soldaten gegenüber, entstand zuweilen ein freundschaftliches Verhältnis derart, daß ich sehr oft die Soldaten häusliche Dienstleistungen verrichten sah. Beim Ausbruche des Krieges bildeten sich in Rumänien Gesell,chaflen zur Unterstützung verwundeter Krieger. In Jassy lhaten sich die christlichen Damen höherer Gesellschaft zusantmen, um eine Feldambulanz zu errichten, und erließen euren öffentuchen Aufruf zum Beitritte an alle rumänischen Frauen. In einer der Sitzungen des Damencomite's wurde die Frage aufgeworfen, ob auch jüdischen Damen der Beitritt gestattet sei. Die noblen Rumänen, welche auf ihren Excursionen zu Geldsammlungen die elnfließenden bedeutendeli jüdischen Summen nicht verschmähten, konnten sich nur sehr schwer dazu entschließen, jüdische Damen in ihre Milte aufzunehmen. Erst als nachdem durch die active Theilnahme oer runiäniichen Armee am Kriege die vermehrte Anzahl der Verwundeten größere Summen erforderlich machten, entschloß sich der Damenverein 4 jüdische Damen ins delegirenbe Comite

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