Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 3. (16.1.1878)
- Date
- 1878-01-16
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 20 den Wiederabdruck jenes Arjikels in der „Jsr. Wochenschrift", zumal da die „Schles. Pr." und die „Krotosch. Zeit.", welche ihn ebenfalls reproducirt hatte, doch ohne Zweifel in dortiger Gegend viel allgemeiner verbreitet sind, als unser Blatt? Warum wünscht Hr. Götz jetzt den Verfasser jenes Artikels kennen zu lernen, um gegen ihn vorzugehen, da er doch alsbald gegen die „Schief. Presse" und deren Correspondenten hätte einschreiten sollen? Wenn Hr. G., wie er behauptet, von der Redaktion der „Schl. Pr." den Namen ihres Corresp. erfahren haben will (?!) warum stellt er dann an uns nochmals das Ansinnen (welches wir natürlich nicht erfüllen werden), zumal da es sich, die „Jsr. Woch." betreffend, ja wesentlich nur um den Einsender eines Zeitungsblattes handelt, der sich in der That uns gegenüber nicht einmal genannt zu haben brauchte? Daß wir nach Allen dem noch nicht in der Lage find, den Bericht in Nr. 51 unsererseits für unwahr zu erklären, wie Hr. Götz wünscht, werden unsere Leser wohl richtig finden. Oesterreich. Wien, 7. Januar. Heute wurde hier der penfionirte Hofrath vr. Carl Ritter v. Weil beerdigt. Er hatte im vor. Jahre sein 50jähriges Doctor-Jubiläum gefeiert, und fast ebensolange hatte er sich der Publicistik gewidmet. Eine Reihe von Jahren redigirte er die „Württemberg'sche Zeit.", sodann (1848) die „Constitutionelle Ztg." in Berlin. Im Jahre 1851 trat er als Sectionsrath in den österr. Staatsdienst, in das Ministerium des Aeußern. (Später rückte er zum Miuisterialrath vor.) Als er mit dem Kaiserl. Decrete sich dem damaligen Minister von Schwarzenberg vorstellte und das Gesammtministerium sich zu seiner feierlichen Vereidigung vor dem Crucifix versammelt hatte, sagte Weil gemüthlich: „Hören Sie, meine hohen Herren, das wird nichts nützen, der da (auf das Ccuciftx zeigend) kennt mich nicht und ich ihn nicht; ich bin nämlich, wissen Sie, Jude! „Das machte großes Aufsehen, die Herren beriechen hin her, wie denn ein Jude zu solchem Amte kommen könnte; aber Alles mar vergebens, W. hatte das kaiserl. Patent in der Tasche. Man einigte sich dahin, daß man von der Vereidigung Abstand nahm, man traute ihm auf's Wort. So war W. der erste jüd. Staatsbeamte in Oesterreich und wurde später zum Hofrath ernannt und als solcher vor einigen Jahren pensionirt. Er hatte viel Familienleid im Leben erfahren. Im Jahre 1848 wurde ihm ein Bruder von den Aufständischen in Rastatt erschossen. Seine einzige Tochter, an Mosenthal verheiralhet, starb auch frühzeitig, im vor. Jahre stand er gebeugt am Sarge seines Schwiegersohns. W. starb in seinem 72. Lebensjahre. Gelegentlich feines 70jährigen Geburtstages schrieb er: „Das Bewußtsein, von meiner Jugend auf bis zum ©reifenalter der heil. Sache der Glaubensgenoffen mit meinen besten Kräften treu gedient, den vielfachen verlockenden Versuchen zum Abfall vom Glauben der Väter stets wiederstanden zu haben, wird mir in der Todesstunde Trost und Stärke gewähren." In der „N. F. P." schließt der Redacteur Herr M. Etienne seinen Herrn W. gewidmeten Nachruf mit folgenden Worten: „Weil war ein braver, tüchtiger Schwabe, als er nach Oesterreich kam, und er ist es auch bis zu seiner letzten Stunde geblieben. Den großen Grundsätzen der bürgerlichen Freiheit war er, der Jude, aus tiesinnerster Ueberzeugung, ergeben. Aus dem Studium der Geschichte der Völker und des Rechts hatte er unerschütterliche Grundsätze sich angeeignet, und er hielt an seinem Wissen so fest, wie an dem Glauben seiner Väter. War er auch kein Fortschrittsmann im heutigen Sinne, so war seine conservative Gesinnung doch veredelt durch Talent und Bildung und nicht selten verklärt durch den feinen Humor seiner württembergischen Heimath und die seinem Stamme eigenthümliche Geistesschärfe. Das Schicksal des Judenthums lag ihm stets am Herzen, und, im Dienste desselben war seine Feder unermüdlich. Er war im Vorstand der Israelitischen Allianz von ihrer Gründung an, und eine der letzten Arbeiten Weil's, die wir veröffentlichten, war ein Artikel gegen die Verfolgung der Juden in Rumänien Der Segen seiner Glaubensgenossen folgt ihm in das Grab. Frankreich. Paris. Der Regierungswechsel hat, wie schon erwähnt worden, mehrere Israeliten zu hohen Aemtern gebracht oder in solche widereingesetzt. Es sind namentlich folgende: Hendl 6, Advocat, früherer Präfect, zum Präfeclen der 8g.ov6-6t-bi0ir6; Le6n Cohn, Adookat, früherer Chef des besonderen Secretariats des Conseil-Präsidenten Jules Simon, zum Präfecten des Loire-et-Cher. (Diese beiden sind Sohn und Schwiegersohn des sel. Albert Cohn.) M. G. Pinecle, Advokat, zum Präfecten der Hautes-Pyren6es und Schnerb, Publicist, zum Präfecten von Corsika, Henri Aron zum Chefredacteur der offtciellen Blätter. Der Redacteur des „Univ. Jsr." sagt in seiner witzigen Weise: wenn also der Messias plötzlich käme, so würde er inmitten der französischen Juden die «öthigen Elemente finden, um die Staatsämter zu besetzen." Aber diesmal will uns Hrn. Bloch's Witz nicht gefallen. Die Voraussetzung trifft schwerlich zu, weil es mehr als fraglich ist, ob die Herren Präfecten ihre Stühle verlassen würden, um dem Messias zu folgen und zu dienen! Es dürfte der Redacteur der „Arch. Jsr." diesmal mehr zur Wahrheit gesprochen haben. Er wendet sich gegen die klerikalen und legitimistischen Blätter, welche statistische Berechnungen über die Zahl der Protestanten und Juden anstellen, die Minister, Präfecten rc. geworden sind. „Ist es, sagt „Arch. Jsr.", nicht schon bezeichnend genug, daß die Berechnungen auseinandergehen, und man nicht recht weiß, ob 3, 4 oder 5 Protestamen im Ministerium sind? Ebenso verhält es sich in Betreff der Juden. Daraus folgt klar, daß die fraglichen Prot stauten und Juden nicht sehr warme Anhänger ihres Bekenntnisses sind, sie lassen dasselbe nicht allzusehr in den Vordergrund treten, sie lassen es jedenfalls auf ihr Privatleben beschränkt sein, man weiß und sieht in der Oeffentlichkeit davon nichts. Das trifft bei den Israeliten so sehr zu, daß wir selbst von dem Einen oder dem Andern, der eine öffentliche Rolle spielt, nicht wissen, ob er Israelit ist oder nicht. Kann nun ernstlich davon die Rede sein, daß solche Männer ihr staatliches Amt im Interesse ihrer Confession benutzen würden?!" Großbritannien. London. Die in Nr. 50 v. I. als bevorstehend angezeigte Verlobung einer v. Rothschild wird nun als vollzogen gemeldet. Die „E. Corr." berichtet darüber unter dem 6. Januar wie folgt: „Das alte Vorurtheil gegen Mischehen zwischen Löhnen der englischen Aristokratie und Töchtern jüdischen Glaubensbekenntnisses scheint mehr und mehr zu weichen Vor einigen Jahren vermählte sich der ehrenwerthe Eliot Aorke, Bruder des Earl of Hardwicke, mit der Tochter des Barons Anton v. Rothschild; heute wird die Verlobung des Earl Roseberry, eines jungen schottischen Pairs, der sich bereits mehrfach im Parlament ausgezeichnet hat, mit Fräulein Hannah, Tochter des verstorbenen Barons Meyer v. Rothschild, angekündlgt." — Aus den jüd.-engl. Blättern ersehen wir, daß gerade acht Tage vorher der Denkstein aus der Grabstätte der Eltern der Braut gesetzt worden ist, wobei Rev. Green „die religiöse Feier leitete." Die Mutter ist im März, der Baron war ein Jahr vorher gestorben; sie haben nur die eine Tochter hinterlassen, der Zweig des Stammes ist also sammt seinem Judenthum begraben. Rev. Greeil ist um die Ausgabe wohl nicht zu beneiden gewesen, aber — das Monument ist gewiß sehr schön. Auch hat Fräulein Hannah vor Kurzem 1000 Pf. Sterl. für die Israel Freischule zum Andenken an ihre Mutter gespendet. Alle Blätter haben das pflichtschuldigst mitgetheilt, für uns war der Schatten der herannaheuden