Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 2. (9.1.1878)
- Date
- 1878-01-09
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 11 gegen'eitige Unterstützung einen Unterschied zwischen Juden uiid Juden, zwischen Orthodoxen und Reformern, auskommen lassen werde, weder in Hinsicht auf bie Gebenden noch auf die Empfangenden. Was „Mainz" betrifft, so haben sie allerdings den Anckel des „Israelit" mitgetheilt, in welchem gewisse Paragraphen, welche die Unterstützung eines JKPlfc verbieten, als vollgültig bezeichnet werden. Was aber Ihre Anspielung und Hinweisung auf „Berlin" bedeuten soll, das weiß man hier, in sofern man sich für Gemetndeangelegenheilen und Verhandlungen interessirt, oder wo man es sonst in hiesigen Blättern gelesen hat; Sie scheinen aber nicht daran gedacht zu haben, daß die „Jsr. Wochenschr." nicht darüber berichtet hat.*) Es wird daher gut sein, wenn Sie noch nachträglich von den Verhandlungen, die Sie jedenfalls im Auge hatten, Kenntniß geben. Es hat also in einer der Versammlungen, welche aus Anlaß der Neuwahl der Repräsentanten rc. gegen Ende vorigen Jahres hier stattfanden, der Stadtverordnete M a mrolh die Aufhebung der jüdischen Schulen, Kranken- und Waisenhäuser, der speciellen jüdischen Armenpflege und Wohlthätigkeilsmstitute überhaupt verlangt Es that dies mit Berufung auf den in diesem Zusammenhang wahrhaft sinnlosen Gemeinplatz, daß wir „keinen Staat im Staate bilden" wollten; als ob es hier sich um etwas anderes handelte als um eine Religionsgesell schuft unter Religionsgesells ch a s l e n! Es mag nun auch hervorgehoben werden, daß diese radicalen Aeußerungen keinen Anklang in der Versammlung fanden, wenn auch die Aufhebung der jüdischen Confessions schulen noch zwei Fürsprecher fand. Diesem Vorschläge trat insbesondere der Rector Horwitz entgegen; den gefammten Radicalismus aber bekämpfte in besonders glänzender Weise der Sauitälsrath Dr. Reumann. Ich kann nicht umhin, aus seinen prächtigen und schlagenden Bemerkungen wenigstens zwei hervorzuheben, die Sie auch jetzt noch, also sehr verspätet, zur Kenntniß Ihrer Leser bringen mögen. Einmal hob er scharf hervor, daß diejenigen, welche sich liberal nennen, vor allen Dingen gerecht gegen Alle sein müssen, daher dürften sie die confessionellen Bedürfnisse And-rer mcht gering achten, möchten diese ihnen selber auch noch so thöricht erscheinen. Zweitens sagte er, er theile die Juden überhaupt nicht m liberale, conservative rc., sondern nur in zwei Classen, in glückliche und unglückliche. Glücklich nennt ec nämlich diejenigen, welche sich ihres Judenthums mit Befriedigung, ja mit Stolz bewußt seien, unglücklich diejenigen, welche es als eine lästige Bürde mit sich herum tragen. Da nun diese Gegenreden der Herren Neumann, Horwitz und anderer mit allgemeinem Beifall ausgenommen wurden, obwohl die Versammlung zum allergrößteil Theil aus Theologen bestand, so kann man wohl sagen, daß der Mamroth'- sche Radicalismus noch keine Aussicht auf Erfolg hat, oder daß mau noch nicht so bald (wie Sie es ausdrücken) einen Juden verhungern lassen wird, weil er nur koscher essen will. Ueber den Ausgang der Wahlen haben Sie berichtet. Er stand im Voraus fest. Diejenigen, welche entschlossen sind, der hier einmal am Ruder befindlichen Partei energisch entgegenzutreten, befinden sich zu sehr in der Minderheit, und zwar das kann nicht in Abrede gestellt werden — nicht nur der Kopfzahl nach, sondern auch in Beziehung auf Geltung und Anerkennung, socialer Stellung u. s. w. Demnach ist vorläufig alles beim Alten geblieben und die Bewegung zur Ruhe gekommen. Ob aber damit Alles zu Stillstand gebracht ist, das ist eine andere Frage. (Schluß folgt.). r. Memel, Ende December. (Die abgebrannte Stadt W l l k o m i r.) Alle diejenigen, welche zur Linderung der Roth jener so schwer heimgesuchlen Stadt eine Gabe beigesteuert haben, haben auch eilt Recht zu fragen und zu erfahren, was mit dem Gelde geschehen ist. Es darf nicht aufsallen, daß wir die gesamnielten Gelder so lange zurückbehallen haben; um eine gerechte Vertheilung zu sichern, waren ) Der Herr Corresp. hat Recht, (Red.) Schwierigkeiten zu überwinden, von welchen Niemand sich einen Begriff machen kann, der mit den Russischen Verhältnissen nicht vertraut ist. Das nachfolgende Begleitschreiben, womit wir das Geld nach Kowno befördert haben, giebt davon vielleicht i n, mehr jedoch noch zwischen seinen Zeilen einen leisen Begriff. Nach den sorgfältigsten Erhebungen auch an Ort und Stelle selbst, glaubten wir dem Schreiben die folgende Fassung geben zu müffen: Memel, 14. December 1877. Herr Rabbiner I. E. Spector, Ehrwürden Kowno. Hochgeehrter Herr! Das Unterzeichnete Hilfscomits für bie Abgebrannten zu Wilkomir in Memel hat in gemeinsamer Sitzung beschlossen, an Sie die Summe von Rbl. 12.500 (zwölftausend fünfhundert Rubel) zu senden und bitten Sie, eine recht baldige und gerechte Vertheilung an die Verunglückten mit Rücksichtsnahme auf nachfolgende Bedingungen bewirken zu wollen. Die Vertheilung der unsererseits eingesandten und eventuell noch einzusendenden Gelder erfolgt durch Sie und nachfolgende Herren aus Kowno: Herren I. Chrzonstowski, Rabb. R. Schnittkink', M. Bramsohn, I. B. Wolff, I. Lewy, D. Rittenberg, I. M. Zernie, A. Wafferdamm, Chaskel Jaff6. Eine jede Befchlußfaffung in den gemeinsamen Sitzungen, zu welchen jedesmal die Genannten einzuladen sind, erfolgt mit Stimmenmehrheit. Ist einer oder der andere am Erscheinen verhindert, so können auch schon sechs der genannten Herren gültige Beschlüsse fassen. Bei Aufstellung der Vertheilungsllsten und Unlerstützungsquoten find die vier nachgena,uuen Herren aus Wilkomir zuzuziehen: Herr Aron Klatzko, Abel Brande, A. S. Sarchi und I. Schapir, welche in etwaigen gemeinsamen Sitzungen zu diesen Zwecken berechtigt sind. Wenn einer oder der andere dieser Herren fehlt, so genügen auch schon drei derselben. Sollten Sie, Herr Rabbiner, nicht immer in der Lage sein, den Sitzungen anzuwohnen, so steht es Ihnen frei, sich auch durch einen andern vertreten zu lassen. Obwohl wir das Geld meist nur von und für unsere Glaubensgenoffen gesammelt haben, so glauben wir dennoch, den Gesetzen der wahren Humanität gemäß, keinen Unterschied der Confession gelten laffen zu dürfen. Und haben die Ueber - zeugung, auch in Ihrem Sinne und im Sinne der Spender zu handeln, wenn wir Ihnen anheimgeben, auch die nichtjüdischen Abgebrannten an den Unterstützungen Theil nehmen zu lassen. Wir wollen hier noch ausdrücklich bemerken, daß keiner der Verunglückten, um an der Vertheilung zu participiren, nöthig hat, sich durch amtliche Bescheinigungen, welcher Art sie auch sein mögen, zu legitimiren. Ueber Art und Grad seiner Bedürftigkeit und Theilnahmeberechtigung entscheiden die genannten Herren aus Kowno und Wilkomir, wobei jedoch zu berücksichtigen sein wird, ob und mit welchem Betrage der Unterstützungs-Empfänger schon früher bei öffentlichen Vertheilungen bedacht worden ist. Ew. Ehrwürden erhalten ferner Rbl. 4500, welche lediglich zum Wiederaufbau des Gotteshauses bestimmt sind. Ueber diese Summe haben nur Sie in Gemeinschaft mit dem Rabbiner Herrn Moses Schapiro aus Wilkomir zu disponiren und mögen Sie gef. bei der Verwendung auch zwei bis drei von den obengenannten Herren aus Wilkomir hinzuziehen. Ueber die Verwendung der genannten Summe haben Sie lediglich dem hiesigen Comit6 Rechnung zu legen, aber sich keiner andern Controle zu unterziehen. Wir halten streng darauf, daß vorstehende Bedingungen erfüllt werden. In etwaigen zweifelhaften Fällen bitten wir Sie, telegraphisch oder brieflich unsere Entscheidung einzuholen. Falls Sie jedoch sich ganz und gar außer Stande sehen sollten, diesen unfern Vorschriften und Vertheilungsnormen nachznkommen, so machen wir es Ihnen zur Pflicht, uns die bereits übersandte Summe von Rbl. 17,000 unverweigerlich zurückzusenden. Wir schicken Ihnen gleichzeitig ein Unterstützungsgesuch eines Christen aus Wilkomir, über welches zu befinden Ihnen überlassen bleibt. Nach Abzug der 17,000 Rubel bleibt noch ein Rest in unfern Händen, und hoffen wir, nach Schluß der Sammlungen noch weitere 2—3000 Rubel übermitteln zu können. Mit dem nochmaligen Ersu-