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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-01-02 · N° 1. (2.1.1878) · p. Seite 4

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 1. (2.1.1878)
Date
1878-01-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 *n meiner stillen Betrachtung inne und durchfliege ihren Inhalt. In der wissenschaftlichen Beilage des Blattes findet sich ein Artikel von M. Carriere über den jüngst verstorbenen Theod. Creizenach. Ein Artikel von Carriere ist ohnedies beachtenswerth und erst gar über einen Mann, der der Sohn eines jüdischen Lehrers war und sich später so sehr heroorgethan*), das war für mich besonders beachtenswerth. Freilich wußte ich, daß der Mann nicht bis zu seinem Eide der Religion seiner Väter treu geblieben ist, sondern mit seiner Familie zum Christenthum übergetreten war, aber das macht ja auf uns heute keinen besonderen Eindruck mehr, denn wie das jüdische Sprichwort sagt: „Die Mücke wird den Hammer - schlag gewöhnt." Auch andere bedeutende Männer, die jüdischen Eltern ihr Dasein verdankten, haben solche schwache Momente gehabt und sind vom Strudel mit fortgerissen worden. Betrübend ist es aber zu sehen, wie seitens christlicher Gelehrten daraus Capital geschlagen wird. Dies ist mir wieder aufgestoßen in dem Nekrolog Carriere's auf Creizenach, worin dessen Uebertritt zum Christenthum folgendermaßen begründet wird: „Creizenach war Jude geblieben, so lange um die Emancipation gekämpft ward, noch Druck und Beschänkung zu lei- < den und zu tragen war, dann, als die Schra iken gefallen, trat er mit seiner Familie zum Christenthum über, das ihm die höhere Fortbildung der religiösen Idee und das hellvolle Culturelement war." ' So, da haben wir's! Klar und deutlich ist das zwar, aber tief verletzend für jedes jüdisch denkende' und fühlende Herz. Die Juden haben Druck und Elend gehabt, das giebt man zu, denn man kann sich Thatsachen nicht verschließen. Noch heut ist ja der frühere Druck auf manchem jüdischen Gestchte ausgeprägt, und Gesichtszüge geben ja bester den Innern Vorgang im Menschen wieder als refleUirende Gedanken. Carriere glaubt, Creizenach sei deshalb zum Christenthum übergetreten, weil dieses die religiöse Idee weiter fortgebildet habe. Gegen solch) Ansichten, die eigentlich nicht neu sind, sondern schon zum Ueberdruß in Büchern und lheotog. Zeitschriften entwickelt wurden, muß aber immer seitens der jüd. Journalistik Front gemacht werden. Wir nehmen es einem christlichen Theologen nicht übel, wenn er eine solche Ansicht hat, denn er kann beim besten Willen sich nicht dazu bekennen, daß das Judenthum die religiöse Idee überhaupt auf die Welt gebracht, sie fort und fort weiter entwickelt, und sie vielleicht nach langer, langer Zeit zur endlichen Verwirklichung bringen wird. Würde ein christlicher Theologe das glauben, so wäre es um die ganze christliche Theologie geschehen, und alle christlichen Theologen müßten fortan Judenthum predigen. Aber von einem Manne, von dem man annehmen sollte, daß er sich den Blick für religiöse Dinge freigehallen hat, der sich immer so viel darauf zu gute thut, daß er unbefangen urtheilt, von einem Vertreter moderner Kunst und Literatur, wie es M. Carriere ist, ver« langt man, daß er mit Aussprüchen über Religion bedächtiger umgeht. Groß ist allerdings der Schaden nicht, den er mit seiner Ansicht vom Judenthum anrichtel, denn die Christen glauben eS ohnedies, und die Juden glauben es ihm dennoch nicht, aber verletzend ist es immerhin. Wir haben darum die Pflicht, das jüdische Lesepublikum zu beruhigen, wenn es auf Sätze stößt, die mit einem Schlage unser ganzes geistiges Leben und Streben todt machen wollen. Früher gab es Scheiterhaufen, aber das ist heut zu brutal, und man hat eine andere Taktik erfunden, nämlich das Judenthum als nicht mehr existirend sich zu denken. Es war einmal, aber es ist nicht mehr. — Die Phrase von dem höheren Culturelement, das allein i m Christenthum liegen soll, muß endlich einmal aufhören! Das Judenthum verkennt durchaus den Einfluß nicht, den das Christenthum auf seine Bekenner gehaot. Von denkenden Männern unseres Glaubens wird immer anerkannt, daß das Christenthum im höchsten Grade heilsam gewirkt hat. Nur *) Siehe unsere Bemerkung am Schluffe dieser Correspondenz. (Red.) verlangen wir auch, daß man dem Jndenthume Gerechtigkeit widerfahren lasse und ihm nicht so mir nichts dir nichts den Hals umdrehe. Ein Culturelement liegt im Judenthum ganz ebenso wie im Christenthum. Freilich ist es anders geartet, freilich unterscheidet es sich wesentlich von jenem. Der christlich-germanische Geist ändert sich je nach Zeit und Umständen. Man unterscheidet z. B. eine Zeit des Mittelalters, eine Zeit der Renaissance, eine neuere und neueste Zeit. In allen diesen Perioden richtete sich die Cultur nach dem Stande des Christenthums oder nach der religiösen Idee, die in ihm jeweilig ihren Ausdruck fand. Alles ist davon beeinflußt Die Baukunst, die Dichtkunst, die Geschichtschreibung, die Philosophie und, wenn man will, auch die Jurisprudenz und die Medizin. Ganz anders verhält sich die Sache mit dem Culturelement, das im Judenihum oder in seiner religiösen Idee liegt. Hier giebt es keine verschiedenen Zeitculturen, denn die religiöse Idee blieb sich immer gleich, es war immer die Idee von einem Gott, der die Welt regiert, ihr Gesetze vorgeschrieben, damit die Ordnung nicht gestört werde. Dazu, dachte man sich, habe er den Sabbath und die Feiertage eingesetzt, damit der Mensch durch sie an Gott erinnert werde, und so wie diese Festestage und Fefteszeiten periodisch wiederkehrten, so dachte man, kommt und geht auch Alles in der Welt. Freilich bekam Alles eine höhere Weihe, vieles wurde poetisch erklärt und ein Heiligenschein umgab alle, im Grunde ganz natürlichen Gesetze, denn auf eine andere Weise ließ es sich im Volke nicht erhalten. Die religiöse Idee von dem einig-einzigen Gotte nahm darum auch niemals eine andere Gestalt an, sondern sie wurde fort und fort immer in derselben Weise werter entwickelt. Das Culturelement bildete zunächit die Bibel und sie war anregend und befruchtend für alle späteren Leistungell. Alles, was später entstand, sei es auf denl Gebiete der Baukunst (wie der salamonische und der zweite Tempel), der Dichtkunst, der Philosophie, Rechtspflege oder Geschichtsschreibung muß auf die religiöse Idee zurückgeführt werden, die in den 5 Büchern MosiS ihren Ausdruck gefunden hat. Dort ist die religiöse Idee ausgesprochen, von da ist sie in die Menschenherzen gedrungen und hat ihren Weg in die Jahrhunderle bis auf unsere Zeit angetreten. Wir Juden können auch heute noch keine andere religiöse Idee, als wie sie durch die ganze Bibel sich hindurch zieht. Wenn Herr Carriere meint, daß diese ewige Idee kein Culturelement für die Juden gewesen, so irrt er sehr gewaltig. Ihr ganzes Leben war ein Culturleben. Sie sünden Genuß an Allem, was den Geist schärft und anregt, sie ergötzten sich und richteten sich auf an olchlerijcheu Schönheiten (wie an den Psalmen u. s. w.), versuchten sich dann selbst in Versen und Hymnen auf Gott und nahmen immer Antheil an den Bestrebungen ihrer Zeit; nur suchten sie oie Künste und Wiffenschaften in den Rahmen ihrer religiösen Joee zu bringen und sie von ihr durchdringen zu lassen, »veil sie sich die religiöse Idee, die sie ganz beherrscht, nicht wollten auf künstliche Weise ihren Händen entwinden lassen. Doch es sei genug! obwohl ich noch gar Manches auf dem Herzen habe, was ich Herrn Carriere entgegenhalten könnte, zum Beweise, daß die re igiöse Idee im Judenthume ein Culturelement un eminentesten Sinne des Wortes war. M. Rawicz. Anmerk, der Red. Der Aufsatz von Carriere ist uns nicht zu Gesicht gekommen, wir wlssen nicht, welche Bedeutung er Theos. Creizenach beilegt; groß uiid bleibend ist sie auf keinen Fall, und darum kann von einer Besprechung in einem jüdischen Blatte gewiß keine Rede sein. Es ist auch unserm Herrn Correspondenlen um eine solche nicht zu thun. Wir fügen nur ein paar Worte über Theodor Creizenach als Sohn seines Vaters hinzu. Er Halle mit öieiem körperlich große Aehnlichkeit, besaß von ihm Gesicht und Statur, aber nicht „des Lebens ernste Führung;" geistig stellten beide wirklich Gegensätze dar. Der Vater ein scharfer Denker, ein Mathematiker, der Sohn ein poetisch begabter Schöngeist; der Vater streng, tiefernst, durch und

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