Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-01-02 · N° 1. (2.1.1878) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 1. (2.1.1878)
Date
1878-01-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583355-9582866--3416-9582869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 3 — sein sollte, so liegt in ihr, nachdem auch die Regierung dem Anträge zugestimmt hat, doch unzweifelhaft, wenngleich durch dieselbe der Rabbiner immmer noch nicht als Geistlicher anerkannt wird, eine Anerkennung des Judenthums, wie sie diesem in Preußen von so hoher Stelle aus bisher noch niemals zu Theil geworden ist. Man vergesse übrigens nicht, daß wir es nur Windthorst und Reichensperger zu verdanken haben, daß das officielle Centrum noch nie judenfeindlich rn der Kammer aufgetreten ist. Aus Sachse», im December. (Or.-Corr.) . Der s. Korrespondent aus Bauern (Rr. 47 d. Z.) wirft die Frage auf, ob die Redaction der „Jüd. Presse" sich die Gunst der Hirschschen Partei erwerben wolle. Wir sind im Stande, ihm dies zu bejahen, da wir aus sicherer Quelle wissen, daß die sehr geringe Zahl der H.'schen Anhänger mit Energie gegen das „orthodoxe" Seminar zu agitiren anfing, indem sie es mit dem Breslauer Seminar parallelisirten, oder noch schlimmer (?) als dieses darstellen wollte. Es ist von den Hirschianern den früheren Leitern der „Jüd. Presse," sehr stark verargt worden, daß sie nicht offen als Gegnerin des Breslauer Seminars auflrete und es bekämpfe, wie es der gute! ehrliche! „Israelit"; thut. Ein Mitarbeiter jenes Blattes hat einmal sogar gewagt, nachdem die Anhänger des großen unfehlbaren Commentators, besten über alles Lob erhabene Pentateuch-Uebersetzung glorisicirt hatten, Angriffe gegen dieselbe zu richten, was damals einen sehr betrübenden Eindruck auf t die kleine Schaar machte. Und als von einen Dozenten des orthodoxen Seminars eine Kritik über das Entstehen des Buches Hiob erschien, da wurde in jenem engen Kreise über diese Anstalt der Stab gebrochen, die Zweifel über die echte Frömmigkeit derselben gelöst, indem man Beweise in Händen hatte, daß die Anstalt sich dem Abfall nähert, da sie sich auch auf Kritik einläßt. Ist es nun zu verwundern, daß die Redaction der „Jüd. Presse" Buße thut, um sich die Gunst der Hochheiligen zu erwerben? Aber wir können ihr die Versicherung geben, daß ihr alle Kunstgriffe nichts nützen werden und so lange sie im Schimpfen auf die Breslauer Schule hinter jenem bekannten Blatte zurücksteht, wird sie ein gleiches Loos mit dieser theilen. Eisenach, 24. Dec (Or.-Corr.) Während in Preußen das Princip der paritätischenSchule, so weit dieJuden dabei inBetracht kommen, immer noch nach vollständiger Anerkennung ringt und in den „höheren Schulen" bisher nur sehr vereinzelt, in der „Volksschule" aber noch gar nicht zur Geltung gelangt, ist dieses Prinzip im Großh. Weimar schon vor Jahrzehnten Wahrheit geworden, ohne Anstoß zu erregen oder zu Beschwerden Anlaß zu geben. Auch das Großh. Hessen macht seit einiger Zeit mit der Durchführung dieses Prinzips vollen Ernst. Israelitische Lehrer sind alldort bereits an der Volksschule als ordentliche Lehrer angestellt in Worms, Offenbach, Oberingelheim und Bürgel, zu welchen Städten sich vor etwa 14 Tagen auch noch D arm stad t gesellt hat. Wenn Etwas im Stande ist, im Herzen des , Volkes, und namentlich der aufwachsenden Generation das Gefühl der Gleichberechtigung aller Culte und Staatsangehörigen zu befestigen und dem Rischus den Boden zu entziehen, so ist es sicher die paritätische Schule. Schon die bloße Schulgemeinsamkeit knüpft oft in der Jugend Bande, die für's ganze Leben über viele Vorurtheile hinwegheben; um wie viel weniger wird die jetzt noch so vielfach herrschende Antipathie gegen Juden in den Herzen der aufwachsenden Jugend weiterwuchern können, wenn die dankbare und liebeerfüllle Erinnerung an ihren israelitischen Lehrer sie durch das Leben begleitet. Mögen die Männer, denen solche Aemter anvertraut werden, darauf bedacht sein, sich solcher sympathischen Gefühle theilhaftig und solcher Erinnerung würdig zu machen. Es ist eine wichtige, heilige Aufgabe, die ihnen geworden ist, eine Mission, an welcher die Zukunftsinteressen ihrer Glaubensgenossen und der Menschheit hängen! Bei dieser Betrachtung läßt sich auch noch eine andere Wahrnehmung nicht zurückweisen, die uns bei verschiedenen Gelegenheiten entgegentritt. Wenn nämlich die Kleinstaaterei der politischen Stellung Deutschlands nicht förderlich war, so war sie es um so mehr der Culturentwickelung desselben. Während in den Großstaaten die politische Strömung Alles in Athem hielt und die Staatsmaschine in Bewegung setzte, hatten die Kleinstaaten Zeit, sich von dem sanften Wellenschläge der Cultur und Humanität bestreichen zu lasten und der Bildung, den höher» Menschheitszielen, Heimathsstätten zu gründen. Weimar, Dessau, Sondershausen u. s. w. werden auch in der Geschichte der israel. Schul- und Lehrerverhältniffe stets von gutem Klange sein. In der Natur und im Menschenleben trägt das Kleine den Entwickelungskeim des Großes in sich. Da ich gerade vom Schulwesen rede, will ich auch eines heitern Vorkommnisses aus meinem eigenen Lehrerleben erwähnen. Ich war in N., in Kurhessen, angestellt. Mein langjähriger Oberschulinspector war in den Pensionsstand getreten und dessen Stelle als Metropolitan und Oberschulinspector einem früher» Dorfpfarrer,Namens Fröhlich, zugetheilt worden. Der Mann war voll jener süßlichen Freundlichkeit, welche stets die Maske der Falschheit ist. Dabei war er ein arger Judenfeind. Er besuchte zuweilen meine Schule. Als Oberschulinspector hatte er in der jüd. Schule nur das Recht, in den Realien zu prüfen, nicht aber in den Religionsfächern. Trotzdem nahm er bibl. Geschichte vor, aber jedesmal nur bis zur Geschichte Jacob's, über den er sich da..n immer in sehr unliebsamer Weise ausließ. „Das war eil arger Betrüger! Wie hat der seinen Bruder Esau betrogen! Er hat aber auch seinen Lohn dafür bekommen!" Das waren so seine stehenden Aeußerungen bei dieser Gelegenheit. Man sah, daß es ihm blos darum zu thun war, diese an den Mann zu bringen. So ging es mehrere Jahre, jedes Jahr einigemal. Die Geistlichkeit war damals in Kurhessen zu allmächtig, als daß es gerathen gewesen wäre, , um dieses unschädlichen Gebahrens willen mit dem Manne Streit anzufangen. Er war außerdem ein Quälgeist für sämmtliche Lehrer der Klaffe, und auch beim Publikum sehr mißliebig. Es herrschte daher auch weder bei diesen, noch bei jenen große Betrübniß, als er nach langem Siechthume mit Tode abging. Seiner Leiche folgten sämmtliche Lehrer der Klasse, unter denen natürlich auch ich war. Am Grabe hielt ein ihm befreundeter Pfarrer die Leichenrede, welche er ungefähr mit folgenden Worten einleitete: „Meine Geehrten! Das Leben unseres verstorbenen Freundes und Mitarbeiters im Dienste unserer Kirche hatte sehr viel Aehnlichkeit mit dem Leben des Erzvaters Jacob. Nicht etwa, daß ich ihn dem frommen Erzvater gleichstellen wollte; bewahre! Jacob stand hoch über ihm; aber so einzelne Schicksulszüge sind es" u. s. w. Es siel mir im Gedenken an die in meiner Schule oft gemachten Aeußerungen des Verstorbenen bei diesen Worten schwer, ernst zu bleiben. Nach beendigtem Begräbniffe sammelten sich die sämmtlichen Lehrer in einem Bierlocale, um beim Glase Bier noch einige Stunden gemüthlich zusammen zu verkehren. Als ich ihnen hier erzählte, welche Satisfaction der Erzvater Jacob so eben am Grabe des Oberschulinspectors erhalten hatte, brachen Alle in nichtendenwollendes Gelächter aus. Dieser Vorfall hat seitdem schon oft Anlaß zur Heiterkeit gegeben. Aus Baden, 15. December. (Or.-Corr.) Es ist Sabbath Ausgang. In der Synagoge ist heut der Abschnitt Wajigasch verlesen, vielleicht ist auch an manchen Orten darüber gepredigt worden, oder er wurde sonstwie zu religiöser Belehrung verwerthet. Was uns der Abschnitt hauptsächlich vorgeführt, war die Versöhnung Josephs mit seinen Brüdern. Jeder Satz, jedes Wort der Erzählung ist bdachtenswerth. Welche Gemüthstiefe, welcher Edelmuth und Zart sinn! . . . Während ich aber so darüber nachdenke, wie es die h. Schrift verstanden hat, die Idee der Versöhnung an einem konkreten Falle klar und anschaulich zu machen, bringt mir der Bote die „Augsburger Allg. Zeitung". Ich halte einen Augenblick

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.