Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 1. (2.1.1878)
- Date
- 1878-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 Jungfrau, noch der Nachkomme Davids oder Adams, sondern eines Uraffen sein muß, und endlich denjenigen, welchen alle Wissenschaft, Religion, Kunst und Poesie nur schlaue Erfindungen sind, durch welche der arme Mann um die Früchte seines bitteren Schweißes gebracht werden soll, den sie einer in Ausbeutung der materiellen Güter wie der Wissenschaft und Kunst schwelgenden Minderheit in den Schooß zu werfen! Nur in Hinsicht auf die Weihnachtsbescheerung sind alle einig. Mit Emsigkeit, mit Eifer, mit Hingebung, mit Selbstvergesienheit strebt einer dem andern Freude zu bereiten: die Familienglieder, die Freunde unter einander, die Reichen den Armen, die Gesunden den Kranken, die Frohen den Unglücklichen. Darin treffen die Gegensätze zusammen. Der Eine singt noch von der „fröhlichen, seligen Weihnachtszeit", von „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." Es ist doch nicht gut möglich, daß er den schreienden Gegensatz übersehe zwischen diesen Segnungen, die durch das Christkind in die Welt gekommen sein sollen, und den nach 1877 Jahren wüthenden Kriegen und Racenschlächtoreien dem Parteihaß und den Clasienkämpfen. Da tröstet er sich mit Liebesgaben, welche den im Kriege Verwundeten und den im Kampfe um das Dasein Unterliegenden Erquickung bringen, oder er gedenkt der Weihnachtsbäume, welche vor sieben Jahren die Krieger auch im Feldlager anzündeten, um dabei an Heimath und Kindheit zu denken. Und wem alle Religion lächerlicher Mythus und überwundener Standpunkt ist, und wer auf Darwin schwört, der schenkt seinen Kindern statt der Lämmchen des Gläubigen vielleicht ein Aquarium mit allerlei Entwickelungsstufen, und der in Pesiimismus Verrannte und der grimmige Socialist, welche beide theoretisch oder praktisch nur Laß gegen alles bestehende kennen und es zerstören ünd untergehen lasten möchten — auch sie wollen auf Weihnachten bescheeren und sehen ihrer Bescheerung trotz Gift und Galle recht fröhlich entgegen. Wer könnte denn verkennen, daß in diesen Erscheinungen etwas Schönes, Mildes, Versöhnendes und Erhebendes liegt! Nun wollen und sollen wir, als Israeliten, von fremden Gebräuchen nichts nachahmen oder nachäffen; aber wir mögen, können und sollen lernen, Nützliches anwenden. Auch in unserer Mitte bestehen schroffe Gegensätze, weit auseinander gehen die Ansichten und Meinungen, die Führungen des Lebens. Aber noch vereinigt uns die freudige Bereitwilligkeit zu jedem guten Werke, noch findet jeder Appell an das jüdische Herz den Eingang offen. Mögen die Einen noch so laut rufen, daß nur in der Trennung Heil zu finden sei, mögen Andere durch Unverstand und Uebermuth noch so sehr zur Lossagung treiben, immer wird das Gefühl und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mächtiger sein, als jenes Rufen und,dieses Drängen. Die jüdische Wohlthätigkeit und Hülfsbereitschaft wird weder durch den Jndifferentismus noch durch den Zelotismns erstickt werden. Moderne Afterweisheit wird eben so wenig wie gewiffe verrottete Paragraphen des Schulchan Aruch es dahin bringen, daß Juden Juden verhungern lasten, weil er — nur koscher essen will oder weil er — muthwillig trefa gegeffen hat. Mag es in B erlin oder M ainz den Einen oder den Andern nach der Rolle eines Herostratus gelüsten, den Tempel des jüdischen Herzens werden sie nicht verbrennen! Bericht und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Das nunmehr festgestellte Skrntimum der am 29. November stattgesun^knen Wahlen der Repräsentanten und Stellvertreter für die hiesige jüv. Gemeinde hat das v orherzusehende Resultat ergeben. Die Wahlbetheiligung war auch diesmal wieder eine sehr geringe, indem von 6989 itimmfähigen Gemeindemitgliedern nur 1685 gestimmt haben. Von diesen gingen bie von der liberalen Wählerversammlung aufgestellten Candidaten der Repräsenr anten und Stellvertreter mit überwiegender Stiminenmehrheit und nur mit einer geringen Abweichung in Betreff der Reih'^ufolge aus der Wahl hervor. Die Repräsentanten erhielten von 1564 L-timmen abwärts bis zu 1215 Stimmen, und btt' Stellvertreter an 1209 Stimmen abwärts bis zu 921 Stimmen. Es hat sonach im Wesentlichen die Wiederwahl der seitherigen Repräsentanten und Stellvertreter und nur mit der Veränderung stattgefunden, daß zwei der seitherigen Repräsentanten jetzt Stellvertreter und dafür zwei der seitherigen Stellvertreter jetzt Repräsentanten geworden, sowie für einige nothwenüig gewordene Neuwahlen, neue und zwar letzte Stellvertreter gewählt worden sind. Die sehr berechtigte, von einigen Gemeindemitgliedern der L o u i s e n st a d l in Scene gesetzten Agitation hat leider nur den Erfolg gehabt, daß von den dort aufgestellten Candidaten einer, und zwar Herr S. Klein, als fünfzehnter und somit letzter Stellvertreter gewählt worden ist. Hannover, 20. December. (Or.-Corr.) Der, wie hinlänglich bekannt, in unserer Gemeinde herrschende Wohthätigkeitssinn hat sich trotz der Ungunst der Zeit, die leider auch hier recht schmerzliche und allseitig beklagte Opfer gefordert, in de n letzten Monaten wiederum auf das Glänzendste bewährt. Nachdem zum Besten der Hunger leidenden Juden in Palästina, der Abgebrannt^» in Wihkomir pnd der von der Barbarei der Bulgaren so schwer heimgesuchten Glaubensgenoffen in der Türkei Sammlungen mit solchem Erfolge stattgefunden hatten, daß als Resultat derselben in Folge der Bemühungen der Herren Hirsch Oppenheimer und vr Wiener die ansehnliche Summe von nahezu 5000 Mark zusammengekommen war, sind aufs Neue zwei andere Sammlungen zur Unterstützung der Seminaristen und zur Bekleidung der Seminarschüler wie der Zöglinge der Meyer Mchel Daoio'schen Freischule veranstaltet worden, welche ebenfalls, wie bereits in Nr. 47 dieser Blätter berichtet ist, ganz erkleckliche Summen ergeben haben. Die Geschenke an Kleibern und Schulutensilien wurden den genannten Schülern an einem der Chanukatage überreicht, worauf am 8. December Abends in Gegenwart eines zahlreichen, aus Damen und Herren bestehend en Publikums eine Nachfeier des Chanukafestes stattfand, bei welcher unter Leitung unseres Obercantocs Berggrütt Gesänge und der Bedeutung des Festes entsprechende Gedichte vorgetragen wurden. Nachdem alsdann der Landrabbiner diese Feier durch eine geeignete Ansprache beschlossen hatte, wurden die mehrgedachten Schüler zu ihrer großen Freude noch durch ein Souper regalirt. — Auch in unserem Vororte Linden, wo sich ein jüdischer Kinderverein zur Bekleidung Armer gebildet hat, sind am Chanukafeste 32 Knaben und Mädchen verschämter Armen mit vollständiger Wlntergarderobe ausgestattet worden, wobei die Kosten durch die Ersparniffe bestritten worden sind, welche die jungen Mitglieder des gedachten Vereins im Laufe des Jahres gemacht hatten. Eine solche, schon im jugendlichen Alter geübte Wohlthätigkeit verdient sicher alle Anerkennung. Der von dem Landtage angenommene Antrag Windthorst's, auch die hannoverschen Landrabbiner für den durch das Civilstandsgesetz ihnen zugefüglen Nachtheil zu enlschävlgen, muß natürlich von den Juden überall schon um des ihm zu Grunde liegenden Prinzips willen mit Freuden begrüßt werden und wenn jene Annahme auch nur aus Billigkeitsgründen erfolgt