Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 111 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 10/11 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 111 an den billigen Witzeleien beteiligt, früher, im Hinterland, wenn die dicke Frau Schneidermeisterin im Sonntagsstaat, flankiert von den abstehenden Ohren der beiden Sprösslinge, ihren Mann vor der Kaserne abholte? — — Wieviel Selbstüberwindung, wieviel fressende, mühsam unterdrückte Empöurng musste das devote Männchen, hinter der gutmütigen Maske verborgen, in sich herum getragen haben? Und weil in letzter Stunde, in die Einsamkeit, in die er sich trotzig zurückzog, wie ein angeschossenes Tier, einige gnädige Worte fielen, — weil dem aufblitzenden Zorn, ehe er für immer verstummte, einer herablassend sein Ohr lieh, das Almosen einiger Minuten schenkte, fühlte er sich schon reichlich entschädigt, presste die Hand des Feindes so heiss, als hätte sie ihn nie geschlagen! Es war schwer, eine Entgegnung zu finden auf diesen Angriff. Das war nicht flüchtige Laune! Diese Vorwürfe waren tausendmal durchdacht: in Stunden der Erniedrigung gründlich ausgetrageri. „Sie sehen schwarz“! — entfuhr es Gadsky, nach langem Schwanken; und der Schrecken über die frostige Banalität seines Ausspruches wich der Scham, als der Schneider entgegenkommend, auf den konventionellen Ton einging, mit gequältem Lachen den Scherz zurückgab: „Ich heisse ja Schwarz, wie Sie wissen.“ Wieder kam, wie kurz vorher im Offiziers unterstand, das Gefühl über Gadsky, auf einer Bühne zu stehen. Die Frage: „Warum spielen wir uns jetzt noch gegenseitig Komödie vor?“ fiel ihn an. Er liess die Hand des Schneiders fahren und wandte sich zum Gehen, durchfröstelt von der Erkenntnis, dass nur seine Gegenwart diesem braven Hasenfuss die Kraft gab, sich Scherzworte von den Lippen zu reissen! Warum ihn noch länger zwingen, sich zu verstellen? „Viel Glück!“ — warf er hastig über die Schulter zurück. Der Kleine lachte ihm nach: „Glück? . . . Was heisst noch Glück? Wünschen sie mir einen guten Kopfschuss!“ Gadsky trug die bitteren Worte mit sich fort und zog unbewusst die Schulter hoch, angesteckt von der übertriebenen Gelenkigkeit des anderen. Aus unserer Urkundenmappe. Gelegentlich der Anwesenheit des Herrn Botschafters Morgenthau in Posen ist von Seiten des Jüdischen Volksrates angeregt worden, eine Zusammenkunft zwischen dem Herrn Minister für das ehern, preuss. Teilgebiet und Vertretern des Jüdischen Volksrates zur Besprechung aller das jüdische Interesse berührenden Fragen herbeizuführen. Wegen Abwesenheit des Herrn Ministers konnte die Zusammenkunft damals nicht stattfinden, jedoch hat uns das Ministerium aufgefordert, unsere in der Zusammenkunft zur Besprechung zu stellenden Wünsche zunächst schriftlich niederzulegen und ihm einzureichen. Daraufhin haben wir die nachstehend abgedruckte Eingabe an das Ministerium f. den ehern, pr. Teilgebiet gerichtet. Die Zusammenkunft selbst hat inzwischen nach Redaktionsschluss am 17. Dezember stattgefunden. lieber ihr Ergebnis werden wir im nächsten Heft berichten. I. Wir erlauben uns, zunächst darauf hinzuweisen, dass dem Jüdischen Volksrat Posen fast sämtliche jüdische Gemeinden in den zur Zeit von Polen besetzten Gebieten der Provinz Posen angehören. Von der dem Jüdischen Volksrat nicht angehörenden jüdischen Gemeinde Posen sind die Mehrzahl der Gemeindemitglieder dem Jüdischen Volksrat angeschlossen, wie seiner Zeit die Stadtverordnetenwahlen in Posen bewiesen haben. Der Jüdische Volksrat stellt somit die Vertretung fast sämtlicher Juden in Gemeinden dar. Wenn wir auch wissen, dass eine verhältnismässig geringe Anzahl Juden dem Jüdischen Volksrat nicht angeschlossen sind, so glauben wir doch, berechtigt zu sein, E. E. den Wunsch auszusprechen, den Jüdischen Volksrat als die Gesamtvertretung der Posener Juden anzuerkennen und ihn bei der Behandlung sämtlicher die Juden und das Judentum interessierenden Angelegenheiten durch die Polnische Regierung zu Rate zu ziehen. Wir glauben zu diesem Wunsche umso mehr berechtigt zu sein, als es eine andere Gesamtvertretung der Posener Juden nicht gibt; denn die einzelnen jüdischen Gemeinden sind lediglich im Stande, ihre Gemeinde und deren Mitglieder nach aussen zu vertreten. Eine politische Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden, die zur Vertretung der Juden in den allen gemeinsamen Angelegenheiten befugt wäre, gibt es aber — abgesehen vom Jüdischen Volksrat — nicht. II. E. E. wird nicht entgangen sein, dass sich in der in Stadt und Provinz Posen erscheinenden polnischen Presse ein ungeheurer Antisemitismus breit macht. Fast keine Zeitung erscheint, in der sich nicht ausgesprochene Hetzartikel gegen die Juden befinden. Mit allen Mitteln wird versucht, den Juden als den Ausbund aller Schlechtigkeit hinzustellen, wobei auch von den in der antisemitischen deutschen Presse verbreiteten falschen Zitaten aus den religiösen Schrifttum der Juden ausgiebiger Gebrauch gemacht wird. Der Jude wird als der Erzfeind Polens dargestellt. Politische Misserfolge werden ihm zur Last gelegt, er hat die schlechte wirtschaftliche Lage verursacht. Es würde zu weit führen, hier eine Inhaltsangabe der antisemitschen Hetzartikel zu geben; wer die polnische Presse mit Aufmerksamkeit verfolgt, wird hierüber auch so hinreichend unterrichtet sein. Es ist nun garnicht daran zu zweifeln, dass diese dauernde antisemitische Hetzpropaganda vergiftend wirken muss, insbesondere auf die einfacheren Volksschichten, die alles, was in der Zeitung steht, gläubig als Wahrheit hinnehmen. Der in dem Volke tatsächlich schon vorhandene Antisemitismus wird auf diese Weise dauernd vergrößert und verstärkt und lässt jeden objektiven Beurteiler an der Möglichkeit eines harmonischen Zusammenlebens zwischen Polen und Juden im polnischen Staate verzweifeln. Falls das polnische Volk in der beschriebenen Weise weiter antisemitisch verhetzt wird, wird es keinem Juden der ehemals preußischen Gebietsteile möglich sein, in dem neuen polnischen Staate zu leben und zu arbeiten, die Juden werden sich vielmehr genötigt sehen, ihre Heimat, in der ihre Familien seit Jahrhunderten lebten und sich wohlfühlten, zu verlassen und sich neue