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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-11-01 · 10/11 (November/Dezember 1919) · p. Seite 110

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
10/11 (November/Dezember 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 110 (sequence 16)
Language
German
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Seite 110 Mitteilungs^BIatt des Jüdischen Volksrats Nr. 10/11 FEUILLETON. Der letzte Mann Von Andreas Latzko. In einer Novelle „Oer letzte Mann“ die eben in der Sammlung ,.Oie Pforte“ des Dreiländer-Verlages erschienen ist, schildert Andreas Latzko die Stimmung einer Kompagnie inrSchützengraben, die als Nachhut auf verlorenem Posten gelassen wird, während die Armee den Rückzug antritt. Der junge Musiker Gadsky durchlebt in diesen Stunden der Erwartung sein vergangenes Leben. Furcht und Hoffnung, den Wahnsinn des Krieges: bei einem Gang durch den Graben trifft er einen kleinen jüdischen Schneider, der ihm am selben Morgen das Kommende vorhergesagt hatte. Einige Schritte weit von der leeren Munitionskiste, auf die er wieder zusteuerte, sah er einen Soldaten, den Kopf gegen die Graben wand gelehnt — und erkannte bei näherem Hinschauen den Gesangskomiker. „Nun, was hab ich gesagt?“ klang es ihm traurig entgegen; und er musste lächeln, trotz aller Sympathie, über den gemütlichen Singsang dieser Sprache, die an übermütige Nächte in Spezialitätentheatern, an vielbelachte Anekdoten erinnerte, und so seltsam fremd und widerspruchsvoll aufstieg in der heroischen Umgebung von Sandsäcken und Grabenmörsern. Verlegen suchte Gadsky nach irgendeinem trostreichen Satz, den er dem Kleinen hätte schenken können: und erzählte ihm endlich von der Gefangennahme des älteren Krülow, mit einer schüchternen Nutzanwendung, die nicht gerade überzeugend klang. Der Schneider schwieg eine Weile, wiegte nur nachdenklich den Kopf, ängstlich besorgt, nicht herauszutreten aus dem Schatten, der sein Gesicht vor prüfenden Blicken beschützte. Dann zog er mit einemmal die Achseln bis über die Ohren, liess beide Arme hochfliegen und erwiderte bitter: „Der Herr von Krülow? . . Ja, so ein Kavalier, der mit'm Schnuller im Mund schon hoch zu Ross gesessen ist! Wenn ich denselben Schuss in meine schmale Schneiderlunge kriege, bin ich tot, bevor die Franzosen unseren Graben erreichten. Uebrigens! . . . Warum wollen sie mir Hoffnung machen? Helfen sie mir lieber die Hoffnung aufzugeben! Seit zehn Stunden tu' ich schon nichts, als mir einreden, dass ich verloren bin! .... Und kanns immer noch nicht glauben.“ Gladsky senkte den Kopf und starrte auf seine Stiefel. Es war zu traurig, diesen schlagfertigen Spassmacher so ganz anders reden zu hören, als man es von ihm gewohnt war! Er hatte, weiss Gott, recht! Wozu ihm Hoffnung machen?-Und doch konnte sich Gladsky nicht entschliessen, den armen Teufel einfach stehen zu lassen, allein mit seinem erschwitzten Gleichmut, der ihm so schlecht, beinahe spassig, wie der Sturmhelm zu Gesichte stand. So legte er zum Abschied die Hand auf die Schulter des Schneiders und sagte mit einer Wärme im Herzen, die er willig in seine Stimme überströmen liess; „Bleiben Sie nicht hier draussen! Man trägt es viel leichter unter Menschen, wenn man sich ein wenig zusammennehmen . . . Noch ehe er den Satz beendet hatte, entzog sich die Schulter seiner Hand, und eine ganz fremde, gehässige Stimme liess ihn erschrocken zurückprallen: „Ich danke! Das darf sich der Herr Unteroffizier Fröbel erlauben, ich nicht! Darüber hab’ ich gerade nachgedacht, als Sie gekommen sind, wie schön sie es alle haben! Wenn sie mutig sind, dann kämpfen sie wie einer von den vielen braven Deutschen! Wenn sie aber weiss, wie ein Bettuch, im Unterstand herumsitzen, mit verweinten Augen, dann sind sie der feige Karl Fröbel, und weiter nichts! Ich muss mich hier verkriechen, damit nicht für jeden Seufzer, den ich mir zuschulden kommen lasse, meine drei jüdischen Kameraden im Bataillon mitbezahlen müssen. Und wem nütz’ ich was, wenn ich mich zusammennehme? . . . Ich habe mich gerade gefragt, wem es zugute kommen wird, wenn ich hier so grossartig sterben werde, als wäre ich mein Leben lang Löwenbändiger oder Drachentöter und nicht ein kleiner jüdischer Schneider gewesen? . . . Niemandem, sage ich ihnen! Kein Mensch wird etwas davon haben! Kein Mensch auf der ganzen Welt! Wenn meine armen Buben einmal gross sein werden, wird man sie doch wieder feige Juden heissen, ganz gleich, ob ihr Papa ein Tiger war oder ein Hase.“ Erschüttert lauschte Gadsky diesem bitteren Grimm, der ihm wie eine giftige Flamme ihs Gesicht spritzte. War das wirklich der „Gesangskomiker“, der so sprach? Konnte man so monatelang neben einem Menschen dahinleben, ohne den Hass zu ahnen, der ihn zerfrass. „Ihre zwei Buben werden eben nicht mehr so heissen!“ — sagte er energisch, mit mit bewusst forcierter Entschiedenheit. „Sie haben doch . . .“ Ein höhnisches Lachen schnitt ihm das Wort ab „So? .. . Meinen Sie? . . . Dann werde ich Ihnen was erzählen. Gestern war die Reihe an mir, den Unterstand der Herren Offiziere auszumisten; und da habe ich mir ein paar alte Nummern von der Zeitung mitgenommen, die sich unser Herr Hauptmann schicken lässt. Wollen Sie den Artikel lesen? Sie können ihn haben! . . . Da steht, schwarz auf weiss, dass wir Juden die Geier dieses Krieges sind, dass wir nur Papiersohlen verkaufen und Wuchergeschäfte machen und die feinen Restaurants überschwemmen. Von uns vieren hier im Bataillon weiss der Mann nichts! Natürlich, er sitzt ja auch in den feinen Restaurants, sonst wüsste er nicht so genau, wer sich dort sattfrisst. Aber können Sie mir sagen, warum er sich nicht einmal die letzte Seite von so einem verdammten Judenblatt etwas genauer an schaut und die Siegfried Cohns und Moritz Rosenthals zusammenzählt, die sich dort, geehrt mit dem eisernen Kreuz neben ihren Namen, als Helden empfehlen? . . . Lassens mich zufrieden! . . . Meine Buben haben genau so krumme Beine und so krumme Nasen wie ich. Und wer sie trifft, wird immer nur an die fetten Gauner denken, die er irgendwo Hummern fressen und Brillanten tragen gesehen hat; und niemand, niemand sag’ ich Ihnen, wird was von den vielen tausend krummen Nasen wissen wollen, in die hier draussen die Würmer kriechen! — — Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, sie können ja nichts dafür!“ Stumm streckte Gadsky dem Kleinen seine Hand entgegen, tiefgerühr. von dem gutmütigen Schlusssatz, der allen Vorwürfen die Spitze brechen sollte. Er fühlte die Dankbarkeit, die schüchtern hinter diesem Freispruch hervorschielte, und die Herzlichkeit, mit welcher der Schneider seine Hand umklammerte, beschämte ihn. Hatte er sich nicht auch fleissig

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