Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 109 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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Nr. 10/11 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 109 die ehrliche Absicht, uns objektiv zu schildern, dann würden sie nicht einseitig solche Stellen heraussuchen, die, aus dem Zusammenhang gerissen und zumeist noch gefälscht oder ungenau wiedergegeben, bei dem Unkundigen Anschein erwecken, als lehre das Judentum Hass und Ungerechtigkeit gegen Nichtjuden.40) Aber ihr Wunsch und ihr Zweck ist ja lediglich Verleumdung und Verhetzung^ Wir müssen es uns leider versagen, aus den tausend und Übertausend Gesetzen der Liebe und Milde, die Talmud und rabbinisch.es Schrifttum auch den Nichtjuden gegenüber verschreiben, auch nur eine kleine Blütenlese zu geben. Gar mancher aber wird, wenn er die ethischen Anschauungen der Juden, wie sie in Wirklichkeit sind, kennen lernt, zu der Meinung kommen, die Johann Gottfried Herder von der jüdischen Literatur hegt: „Man sei Jude, Christ oder Türke, man muss ihre Hoheit fühlen und die reinen Pflichten, die immer daran geknüpft werden, im Staube ehren." Das Märchen vom jüdischen Bolschewismus. Wie selbst im Lande des klassischen Bolschewismus, in Sowjet-Russland, die Angabe, die Juden seien die Träger des Bolschewismus, jeder tatsächlichen Grundlage entbehrt, beweisen die Ausführungen des gut eingeführten Führers der russischen Sozialrevolutionären Partei, Gregor Schneider. In einer Aussprache mit den Mitarbeitern verschiedener Blätter äusserte er sich darüber wie folgt: . Die Juden, welche eine bedeutende Rolle in der russischen revolutionären und demokratischen Bewegung spielten, befinden sich in allen Lagern und fehlen infolgedessen auch unter den Bolschewisten nicht. Jedoch sind die Juden unter den antibolschewikischen Strömungen viel stärker vertreten als im Bolschewismus. Während der ersten Monate der Revolution waren die Juden sowohl in den städtischen Vertretungen als auch in dem Vorparlament, das mit aller Kraft gegen den 'Bolschewismus ankämpfte, verhältnismässig zahlreicher, als in den gegenwärtigen bolschewikischen Kommissariaten. Auch nachdem die Bolschewiken zur Macht gelangt sind, stellt sich die Mehrheit der Juden gegen die Diktatur des Proletariats und sie sind in grosser Zahl m den demokratischen gegenbolschewistischen Regierungen, in den städtischen und den Semstwoorganisationen vertreten. Diese Haltung ist leicht erklärlich: Vor dem Krieg und der Revolution waren die Juden, die an der russischen Politik teilnahmen, revolutionäre Sozialisten, gemässigte Sozialdemokraten, eher Kadetten als Extremisten. Und dies sind sie bis heute geblieben. Auch trifft in Anbetracht der ökonomischen Lage der jüdischen Massen die soziale Politik der Bolschewiken die Juden viel härter als jeden anderen Teil der Bevölkerung. Ueberdies bringt sie das politische Chaos, der häufige Machtwechsel, wobei gewöhnlich die Situation vom Mob ausgebeutet wird, in die ewige Gefahr von Massakers, welche bereits, besonders in der Ukraine, schreckliche Dimensionen angenommen haben. Dass es eine stärkere Teilnahme der Juden am Bolschewismus geben soll, ist eine optische Täuschung, die daher stammt, dass die Juden aus dem antibolschewikischen Lager sich zur Zeit Kerenskis sowie gegenwärtig eher im Hintergrund halten, während die jüdischen Bolschewiken, die nichts zu riskieren haben, ohne weiteres die sichtbarsten Posten in der gegenwärtigen Regierung einnehmen. Dieser Umstand wird von der russischen Reaktion geschickt ausgenützt, welche an der antisemitischen Hetze die direkte Verantwortung trägt. Da sie weder Wurzeln noch reale Grundlagen hat und wohl weiss, dass sie sich mit einer Methode des offenen, ehrlichen Kampfes nicht behaupten kann, versucht die Reaktion, die verlorene Partie zu gewinnen, indem sie das traditionelle Instrument der alten zaristischen Politik hervorzieht, den nationalen Hass, welcher von jenen Kreisen in immer akuterer Weise entflammt wird. In den bolschewistischen Gegenden ist der Antisemetismus fast unbekannt und es hat dort keinen Pogrom gegeben. Dies ist der deutlichste Beweis, dass der Ursprung des wiedererweckten Judenhasses nicht in der Tatsache zu suchen ist, dass einige Volkskommissare Juden sind — denn in einem solchen Falle müsste der Antisemitismus in Grossrussland viel stärker sein — sondern in der böswilligen Propaganda der Reaktion. Soweit Schneider. i Inzwischen sind Daten als Resultat einer von der Petersburger kommunistischen Organisation veranstalteten Enquete zur Veröffentlichung gelangt, die eine volle Bestätigung der Schneiderschen Feststellungen ergeben. Danach betrug bis zum 1. Dezember 1 Ql 8 die Zahl der bolschewistisch organisierten Arbeiter in Petersburg im ganzen 124 071. Mehr als die Hälfte davon sind Metallarbeiter, da hauptsächlich nur die Fabriken für Heeresbedarf arbeiten. Etwa 60 Prozent dieser Parteimitglieder sind jünger als 30 Jahre. Nach der Nationalität verteilen sie sich folgendermassen; Russen . . - . 74,2 Letten . . . - - 10,5 Polen ... 6.3 Esten . . 3,7 Litauer ... 2,6 Juden . . ... 2,6 Der geringste Prozentsatz entfällt also auf die Juden. Dabei ist zu bedenken, dass nach der Abschaffung der „Tscherty ossjedlosti" des Ansiedlungsverbots für Juden in den grossen Städten, im März 1917 jüdische Arbeiter und Handwerker in grosser Zahl nach Petersburg eingewandert sind. Im Grossen und Ganzen dürften diese Daten, sowie die Darstellung von den Motiven und Absichten der reaktionären Hetzer überall zutreffen.