Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 108 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 108 Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 10/11 stehen.7 * * * * * * * * * 17 * * *) Nur wo nach jüdischem Rechte auch jüdischen Parteien gegenüber eine Zeugenaussage ungültig ist. darf der Jude sie beim nichtjüdischen (Jerichte nicht ablegen. „Falls ein Goj einen Goj oder einen Juden totschlägt, wird er zur Verantwortung gezogen. Falls ein Jude einen Goj totschlägt, ist er dafür nicht verantwortlich. (Dibbre David 37.)u — Das zitierte Buch, irgend ein Responsenwerk, ist mir nicht zu Hand; ich kann die angeführte Stelle daher nicht nachprüfen. Soviel aber kann ich doch sagen, dass sicher nicht das herausgelesen werden kann, was der Artikelschreiber gern herauslesen möchte. Statt tausend anderer sei zum Beweise nur eine — aber deutliche — Stelle angeführt: „Es mag genügen, dass ganz Israel die Christen für Nicht-Götzendiener hält. Darum ist es unsere Pflicht, mit unserer ganzen Kraft sie zu beschützen, sie vom Tode zu erretten und vor jedem Schaden und Nachteil zu bewahren; auch der Schutz ihres Eigentums muss unsere Sorge sein. Dies alles ist selbstverständlich.“ 21 *) Wer ein Haus sieht, das von Goj im bewohnt itzt, der sagt: ,Lass der Herr den Hochmütigen vernichten!“ Und wenn er es vernichtet sieht, soll er sagen: „Der Gott der Rache hat sich offenbart.“ (Talmud Babilon Barachoth 53 b 24). — Dieser Satz enthält zunächst eine kleine Fälschung. Der zitierte Bibelvers 25) ist falsch wiedergegeben; es heisst dort: das Haus der Hochmütigen wird der Ewige niederreissen! Sodann ist (mit Bezug auf das eingangs Bemerkte) festzustellen, dass hierselbst in unzensierten Ausgaben steht: „Wer Häuser der Götzendiener sieht u. s. w.“ Wie das Judentum über Schadenfreude denkt, hätte Artikelschreiber u. a. aus folgender Bestimmung des Schulchan-Aruch26) ersehen können: „An den letzten Tagen des Pessachfestes betet man nicht den ganzen Lobgesang, weil die Aegypter damals im Meere ertranken und es geschrieben steht 17): „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht!“ und Gott spricht: „Meiner Hände Geschöpfe versanken im Meer, und ihr wollt mir Loblieder singen? 28) Oder er hätte aus demselben Traktat Berachoth29) zitieren können: „Der Fromme soll, wie R. Jochanan ben Sakkai, jedem Menschen, auch dem Heiden, mit dem Friedensgrusse zuvorkommen.“ Oder: „Es ist ein sittliches Gebot, jedem Menschen, auch einem Nichtjuden, der sich mit einer Arbeit beschäftigt, zuzurufen: „Mögest du in deiner Arbeit Glück haben!“ 30) „Die, welche die Rechte und die Propheten nicht kennen? die müssen getötet werden. Der, der die Kraft hat, zu töten, soll sie mit einem Schwert töten. Falls er keine Kraft dazu hat, soll er sich solange der List bedienen, bis er sie getötet hat. Schulchan-Aruch, Khochen-Hamichpath 425)“ — Das ist eine gemeine, niederträchtige Fälschung zu Zwecken antisemitischer Verleumdung. „Die, weiche die Rechte und 7) Wenn er nämlich zur Zahlung verurteilt werden sollte, während ein Zeuge genügt, ihn von Zahlung zu befreien. ,8) R. Jakob Emden, Scheilath Jabez 1,41. ,9) Muss heissen: 388, 16. 20) Muss heissen: 58b. 2') Spr. Sal. 15, 25. 22) Orach-Chajim 490, 4. 23) Spr. Sal. 24, 17. 34) Beth Joseph das. und Ture Sahab § 3. 25) 17 a. 36) Orach-Chajim 347, Magen Abraham § 4. 27) Es genüge, diese skrupellose Fälschung festzunageln. Zur Sache selbst sei auf Hoffmann, a. a. O. S 66 ff. verwiesen. *8) Sanhderin 53 a. 39) Resp Peer ha-Dor Nr. 50. 30) 1470—1550. Propheten nicht kennen“ — das könnten wohl auch die Puristen sein! Wie heisst es aber in Wirklichkeit an der angegebenen Stelle? Diejenigen Israeliten, welche die Thora und die Propheten leugnen, . . .“ Also nur gegen jüdische Abtrünnige richtet sich die Bestimmung. Damit kann allerdings der Antisemitismus nichts anfangen. Daher muss der Text gefälscht werden!“ 31) Eines scheint des Artikelschreibers Herz besonders zu beschweren — denn er hat ihm 4 Zitate gewidmet — dass es dem Goj verwehrt sein soll, Talmud und Kodines zu studieren. Wohl, es heisst im Talmud 33: „Rabbi Jochanan sagt: „Ein Nichtjude, der sich mit der Thora beschäftigt, ist des Todes schuldig.“ Es genügt, auf das eingangs erwähnte Zeugnis des Prof. Strack zu verweisen, dass es völlig verkehrt ist, alle im Talmud vorkommenden Aeusserungen eines einzelnen Rabbi für Lehre des Talmuds auszugeben. Aber die Frage muss doch aufgeworfen werden, warum nicht auch der auf demselben Blatte des Talmud erwähnte Ausspruch des R. Meir zitiert wird „Selbst ein Heide, der sich mit der Thora beschäftigt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten.“ Und statt der übrigen unbekannten Stellen hätte er die speziell vom Christen handelnden Worte des berühmten Maimonides36) anführen sollen: „Man darf die Christen die Thoragebote lehren, denn sie glauben, dass diese unsere Thora von Gott durch unsern Lehrer Moses geoffenbart ist; und sie ist bei ihnen niedergeschrieben, nur manchmal wird sie von ihnen falsch ausgelegt; doch bekehren sich so manche unter ihnen zum Guten.“ Und das war für die Praxis massgebend. Nicht immer boten, wie beim „Judenspiegel“, getaufte Juden die unlautere Quelle antisemitischer „Wissenschaft“ dar. Häufig gingen auch Christen in reiner Absicht zu Juden in die Schule, und gern unterrichteten diese sie in der jüdischen Lehre. Der bekannte Bibelkommentator R. Obadia Storno 37) z. B. war der Lehrer Johann Reuchlins, der durch seine massoretischen Studien berühmte Elia Levita3S) unterwies in Rom den Kardinal Egidio de Viterbo sogar in der Kabbala u. s. w. Seit jeher haben Juden sich auch damit beschäftigt, den Talmud in fremde Sprachen zu übertragen.39) Artikelschreiber braucht sich bloss in die Posener Universitätsbibliothek zu begeben und die dort vorhandene Talmudübersetzung von Lazarus Goldschmidt zu studieren, wenn er wirklich den Talmud kennen lernen will. Aber will dieser Typ von Artikelschreibern uns denn kennen lernen und richtig schildern, wie er vorgibt? Wenn man ihre Machwerke liest und zur Verallgemeinerung neigt, dann könnte man sich allerdings zu der Meinung bekehren, dass man Nichtjuden den Talmud nicht lehren sollte; ja, es ist anzunehmen, dass ähnliche böse Erfahrungen R. Jochanan erst zu seinem vorerwähnten Ausspruche veranlasst haben. Hätten diese Artikelschreiber 31) H68—1549. 3?) Vgl. Dr. Erich Bischoff, Kritische Geschichte der Talmudübersetzungen (Frankfurt a. M. 1899) und die Literaturangaben bei Strack, Einleitung in den Talmud. 2. Aufl. 8. 106—130. 33) Bei solchem Gebahren — das uns fern sei — würde auch das Christentum schlechtabschneiden. Lehrt ja das kanonische Rechtu. a.: See- und Strandräuber sind nur dann zu exkommunizieren, wenn sie einen Christen berauben; ein gegen Vorteil der Kirche geschworener Eid ist unverbindlich; wer aus Eifer für die Kirche einen Exkommunizierten tötet, gilt nicht als Mörder; der Ketzer ist ehrlos, zeugnisunfähig, klageunfähig, sein Vermögen ist zu konfiszieren^ auch wenn seine Nachkommen unschuldig sind usw. (Vgl. die Belegstellen in dem Buch: „Akten und Gutachten im Prozess Rohling gegen Bloch" Wien 1890.