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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-11-01 · 10/11 (November/Dezember 1919) · p. Seite 106

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
10/11 (November/Dezember 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 106 (sequence 12)
Language
German
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Seite 106 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 10/11 Kleinbürgertum unserer Gemeinde gehören, sich unserer Gruppe anschliessen. Jeder muss in seinem Kreise werben, damit alle, die zu uns gehören, auch wirklich zu uns kommen. Nur dann ist es möglich, Ihnen den Platz in der Gemeinde zu schaffen, der Ihnen gebührt. A.ber die Zugehörigkeit allein genügt noch nicht. Sie werden ihre Vertreter in die verschiedenen Körperschaften, Kommissionen entsenden, Sie werden sich heute Ihre Führer wählen, die Ihre Forderungen vertreten und für die Verwirklichung Ihrer Ziele arbeiten und kämpfen werden. Sie können dies nur, wenn sie wissen, dass alle fest und treu hinter ihnen stehen. Sie müssen den Parolen, die Sie ausgeben, unbedingt folgen. Es wird dies besonders bei Wahlen und Kundgebungen zu geschehen haben. Ich brauche es nicht erst hervorzuheben, dass wir auf dem Boden wahrer Demokratie stehen. Freiheit der Persönlichkeit, des Handelns, des Denkens; aber weil Sie sich aus freiem Antrieb zusammengeschlossen haben, weil Sie frei über ihre Bestrebungen beschlossen, müssen Sie, wenn Sie aus freien Stücken etwas beschlossen haben, nun mit Ihrer Person dafür einstehen, dass das auch durchgesetzt wird, dass Ihre von Ihnen gewählten Führer auch arbeiten können nach Ihren Beschlüssen, und dazu gehört das, was man Partei-Disziplin nennt. So hoffe ich, dass auch Sie treu zu unserer Gruppe stehen. Die Arbeit soll Ihnen ja allen zu Gute kommen. In Kürze werden wir die Repräsentanten-Wahlen haben. Der jetzige Vorstand und Repräsentanz versucht, sie so lange als möglich herauszuschieben. Aber der Tag kommt. Bei den Wahlen wird es sich zeigen, was wir leisten können, da hoffen wir auf Ihrer aller tätigste Mitarbeit, um den alten Bann zu brechen. So stelle ich das Programm welches der dazu gewählte Ausschuss ausgearbeitet hat, zur Diskussion und hoffe, dass das, was wir heute beschlossen, nicht nur zum Glück für unsere'Kleinbürger ausfallen, sondern ein Segen für unsere gesamte Judenheit werden möge. Nunmehr lassen wir das im Vorstehenden erwähnte Programm der Gruppe der Kleinbürger folgen. Die Gruppe der Kleinbürger im Jüdischen Volksrat zu Posen umfasst Arbeiter, Handwerker, Gewerbetreibende, Kleinkaufleute, Angestellte, Beamte und Angehörige ähnlicher Berufe, sowie solche Personen, die sich mit dem Kleinbürgertum solidarisch fühlen. Die Gruppe der Kleinbürger fordert die Beteiligung aller jüdischen Kreise ohne Unterschied der sozialen und wirtschaftlichen Stellung an allen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Die Gruppe der Kleinbürger fordert für alle im Gemeindebezirk Posen wohnhaften und über 20 Jahre alten jüdischen Männer und Frauen das aktive und passive Wahl- und Stimmrecht bei allen Wahlen und Abstimmungen innerhalb der jüdischen Gemeinde auf . Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Verhältniswahlsystems. Die Gruppe der Kleinbürger erstrebt die wirtschaftliche Stärkung und Förderung des Kleinbürgertums durch geeignete Genossenschaften und Kreditinstitute, Beseitigung der Wohnungsnot, Unterstützung der notwendigen Berufsumschichtung, Arbeitsnachweis, Berücksichtigung jüdischer Bewerber bei Besetzung von Stellen und Vergebung von Aufträgen, ausreichende Besoldung und Unabhängigmachung der Beamten, umfassende Massnahmen im Interesse von auswärts zuziehender Juden. Die Gruppe der Kleinbürger erstrebt die Schaffung der jüdischen Einheitsschule, welche den Aufstieg aller Begabten zu allen Lehranstalten unabhängig von ihren Mitteln ermöglicht, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel, die Schaffung von Stipendien, die Errichtung von Säuglingsheimen und Kindergärten, geeigneten Fortbildungsunterricht, Institutionen zur Fürsorge für die schulentlassene Jugend, die Errichtung von Bibliotheken, Volksheimen und Volksküchen, die Zentralisierung der bestehenden und noch entstehenden Wohlfahrtseinrichtungen, alle sonstigen Massnahmen für die körperliche und geistige Ertüchtigung der Jugend. Die Gruppe der Kleinbürger fordert, dass in allen jüdischen Institutionen jüdischer Geist bewusst gepflegt und gefördert wird. Die Gruppe der Kleinbürger verlangt vom Jüdischen Volksrat zu Posen die kräftigste Unterstützung aller Forderungen dieses Programms und Beteiligung an allen Ausschüssen und Kommissionen des Jüdischen Volksrats durch von ihr benannte Vertreter. „Poznajmy ich“. (,,Wir müssen sie, kennen lernen.“) Unter dieser' Ueberschrift bringt eine polnische Zeitung einen Artikel, dessen erster Absatz lautet: „Wir wissen doch, welche Bedeutung der Talmud für die Juden hat. Wenn wir die ethischen Anschauungen der Juden kennen lernen wollen, müssen wir auch wissen, was im Talmud steht.“ Dann kommt eine Reihe von Zitaten aus dem Talmud, Schulchan-Aruch und den Responsen, die angeblich Unmoralisches über das Verhalten der Juden gegen Christen („Gojim“) enthalten. Dieser sich wissenschaftlich gebärdende Artikel, der kühl und objektiv scheinen soll, wimmelt, abgesehen von unvollkommener und falscher Stellenangabe, von Unrichtigkeiten, Missverständnissen und selbst Fälschungen. Man täte aber dem Artikelschreiber wohl unrecht, wollte man sie ihm aufs Konto setzen. Er ist sicher selbst ein Opfer der Leichtfertigkeit geworden, mit der er nicht aus dem Talmud, sondern aus unlauteren antisemitischen Quellen seine Weisheit geschöpft hat. Denn was er vorbringt, sind alte Ladenhüter aus der Verleumdungsfabrik der Eisenmenger Rohling und Konsorten — ist daher auch längst schon gründlich widerlegt und ad absurdum geführt. Schon die Voraussetzungen, von denen der Artikel ausgeht, sind falsch: l) Wohl hat der Talmud, ein Sammelwerk der Geistesarbeit von Jahrtausenden, grosse Bedeutung für uns, aber nur als Quellenmaterial und literarisches Erzeugnis der Vergangenheit. Keineswegs kann jeder einzelne Ausspruch, der sich im Talmud findet, als Massstab unserer „ethischen Anschauungen“ angesprochen werden. Hören wir

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