Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Mr. 10/11 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 105 Jahren das Verhältniswahlrecht gefordert, aber ohne Erfolg. Jetzt, nachdem dieses Wahlrecht im Staate und in der Stadtgemeinde (Jesetz geworden ist, sind unsere Repräsentanten endlich auch bereit, es uns zu gewähren, nachdem sie es früher wiederholt verworfen haben. Es ist aber noch etwas anderes, was wir in dem knappen klaren Satz über das Wahlrecht festzulegen wünschen. Es soll jeder wählen können und wählbar sein, der Jude ist und im Gemeindebezirk wohnt, ohne Unterschied ob und wieviel Steuern er zahlt und ob die Steuern auch bezahlt sind. Bis jetzt ist es so, dass nur der wählen kann, der Steuern [bezahlt und damit nicht im Rückstand war. War jemand mit der Bezahlung im Rückstände, wie z. B. die meisten Kriegsteilnehmer, so konnte er nicht wählen, zahlte er gar keine Steuern, weil er eben ein zu kleines Einkommen hatte, so durfte er überhaupt nicht wählen. Der Vollmensch begann eben erst bei einer bestimmten Vermögenslage. Wir wollen, dass jeder, der Jude ist und seinen Wohnsitz in der Gemeinde hat, wählen, stimmen und gewählt werden kann. Jetzt kommt der Abschnitt unseres Programms, der sich mit den wirtschaftlichen Fragen befasst. Sein Inhalt geht dahin: Wir wollen dem Gewerbetreibenden, dem Kaufmann, dem Handwerker in seinem Kampf um seine Existenz helfen durch eine kulante, grosszügige Creditgewährung, dazu ist seitens des Jüdischen Volksiats bereits eine Genossenschaftsbank gegründet worden. Jeder sollte dort Mitglied mit wenigstens einem Anteil werden. Dieses Anteil wird durch kleine Abzahlungen erworben. Man wird dadurch Mitglied, kann die Bank für sich in Anspruch nehmen und die Leitung der Bank, die von den Mitgliedern gewählt wird, wird auch den Wünschen der Kleinbürger gemäss ihre Aufgaben und Arbeiten zu erledigen haben. Auch werden, falls sich das Bedürfnis dafür geltend machen sollte, Genossenschaften für den Einkauf und vielleicht für den Verkauf von Waren zu schaffen sein. Hierüber finden seitens des Yolksrats bereits Beratungen statt und zu diesen Beratungen wird auch unsere Gruppe ihre Vertreter zu entsenden haben. Die Wohnungsnot macht sich, namentlich für die Minderbemittelten in unserer Stadt fühlbar. Seitens des Magistrats werden Mittel ausgeworfen und Massnahmen getroffen, damit diesem Uebelstande abgeholfen wird, da wollen auch wir Juden unseren Anteil haben, damit auch unsere Kreise ausreichende Wohngelegenheit zu erschwinglichen Mietspreisen bekommen. Vielleicht bildet sich ein jüdischer gemeinnütziger Wohnungsbau-Verein, der von der Gemeinde finanziell gefördert wird. Bisher war dies so, dass sich die Juden, selbstverständlich die reichen, sehr hervorragend an diesem gemeinnützigen Baugenossenschaften beteiligt haben, indem sie Geld, ihre Arbeitskraft und Intelligenz dafür hergegeben haben, aber ob ein Jude dadurch eine billige Wohnung bekommen hat, möchte ich bezweifeln. Alsdann halten wir eine gewisse Berufsumschichtung für nötig. Bei uns drängen sich unsere Stammesbrüder in gewissen Berufen zusammen. Dies hat seine historische Begründung. Wir wollen aber alle Berufe für uns in Anspruch nehmen und da muss vor allem eine Berufsberatung geschaffen werden, wodurch die aus der Schule Entlassenen denjenigen Berufen zugeführt werden können, für die sie sich eignen. Es müssen Stellen gesucht werden, wo sie dann untergebracht werden, wie überhaupt dem Arbeitsnachweis eine viel grössere Aufmerksamkeit zugewendet werden muss. Wir fordern ganz energisch, dass in der Gemeinde alle offenen Stellen, auch in jüdischen Institutionen, in erster Linie mit Juden besetzt werden. Diese Stellen sind auszuschreiben, damit jeder Kenntnis von ihnen erhält, ebenso sind alle Arbeiten, soweit nur irgend möglich, in erster Linie durch jüdische Handwerker und Unternehmer auszuführen. Wir werden allerschnellstens eine Liste aller jüdischen Handwerker, geordnet nach ihrem Handwerk, herausgeben müssen und diese an jedes Gemeindemitglied zu schicken haben, ein Abwehrmittel gegen den uns drohenden Boykott. Ich empfehle auch den Handwerkern, damit sie bekannter werden, in dem Nachrichtenblatt des Jüdischen Volksrats zu annoncieren. Die jüdischen Beamten müssen seitens der Gemeinde ausreichend und zeitgemäss besoldet werden, sie müssen ein solches Einkommen haben, dass sie ein sogenanntes Nebeneinkommen nicht mehr nötig haben. Die Beamten müssen in ihrer politischen Meinung vollkommen frei und unabhängig von ihren Vorgesetzten sein. Bei unseren kulturellen Bestrebungen steht die Schule im Vordergrund. Ich habe diesen Punkt ja bereits in meiner Einleitung bereits gestreift. Wir verlangen die Einheitsschule, die es dem ärmsten Juden möglich macht, sich die allerbeste Bildung, wenn er die Begabung dazu hat, anzueignen. Kein Schulgeld, Bücher, sowie alle Schulmittel müssen frei sein. Schaffung der Möglichkeit, dass unbemittelte junge Leute die Hochschulen und Universitäten besuchen können, durch Stipendien. Fachschulunterricht und Fortbildungsunterricht, Fürsorge für die schulentlassene Jugend. Dazu sind Volksheime, Bibliotheken, Lesehallen nötig. Da sind volkstümliche und weiterbildende Vorträge und Kurse abzuhalten. Eine Volksküche muss bestehen, in der man für billiges Geld sich satt essen kann. Unterstützt werden müssen die Bestrebungen, die unsere Jugend körperlich und geistig vorwärtsbringen wollen, wie Turnvereine, Bildungsvereine. Der Zusammenschluss aller wohltätigen Vereine, die in Wohlfahrtsvereine umzuwandeln sind, ist zu veranlassen. Zeitgemässe Umgestaltung der Ausgabe der Spenden an die Armeti. In den Synagogen sind ebenfalls Aenderungen nötig. Auch der Minderbemittelte soll zur Thora aufgerufen werden. Es geschieht ja hin und wieder auch jetzt, aber doch nur selten. Spenden sollen nicht mehr beim Aufruf zur Thora bekannt gegeben werden. Auch hier muss der alte Zopf, dass das Geld eine besondere Kraft oder Bedeutung hat, abgeschnitten werden. Ich weiss, die Vereine brauchen die Spenden, und die Spender werden oft zu Spenden dadurch veranlasst, dass die Spende vor versammelter Gemeinde ausgerufen wird. Aber dieser Eitelkeit kann auf anderer Art genüge getan werden, indem nämlich die Spenden in einem zu schaffenden Gemeindeblatt veröffentlicht werden. Da bekommt jedes Mitglied alle 14 Tage oder jeden Monat einmal Kenntnis davon, wie wohltätig dieser und jener gewesen ist. Andererseits wird dadurch auch der kleine Mann vor die Thora mit dem Gefühl der Gleichwertigkeit treten können. Wir wollen eben den nicht so bemittelten Schichten den gleichen Platz überall in der Gemeinde schaffen, der ihnen heute zum Teil noch vorenthalten wird. ' Die Gruppe der Kleinbürger fordert zusammenfassend, dass in allen jüdischen Institutionen jüdischer Geist bewusst gepflegt wird. Dies ist unser Programm. Mit Ihrer Hilfe und Zustimmung soll dieses Programm in die Tat umgesetzt werden. Dazu ist, wie bereits bemerkt notwendig, dass alle, die zum