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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-11-01 · 10/11 (November/Dezember 1919) · p. Seite 104

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
10/11 (November/Dezember 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 104 (sequence 10)
Language
German
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Nr. 10/11 Seite 104 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Das Programm der Kleinbürger. (Vortrag des Herrn Siegfried Brandt in der ersten Mitgliederversammlung der Gruppe der Kleinbürger) (Dieser Vortrag ist bereits am 22.5. 1919. gehalten worden. Wir waren bisher nicht in der Lage, ihn abzudrucken, bringen ihn aber jetzt,- da er an Aktuellität nichts eingebüsst hat. Die Redaktion. Die Umwälzungen im Leben der Völker, die wir im letzten Herbst miterlebt haben, haben es mit dem Sturze der alten Obrigkeits-Regierung dahin gebracht, dass die wirtschaftlich schwachen Klassen, die in jedem Volke die Mehrheit bilden, die aber bisher regiert wurden, nun selbst die Leitung ihrer (jeschicke in die Hand genommen haben. Sie wollen sich nicht mehr von einer an Zahl kleinen, aber an Kapital starken Gruppe regieren lassen, sondern wollen über ihr Wohl und Wehe selbst mitentscheiden. In unserer jüdischen Gemeinde haben wir von der neuen Zeit bisher nichts gespürt und doch wäre es schon längst nötig gewesen, die Aufgaben der Gemeinde der neuen Zeit anzupassen. Die wirtschaftliche Existenz wird immer schwieriger und komplizierter, ganz besonders das Kleinbürgertum hat es immer schwerer, sich zu ernähren. Es müssen Mittel und Wege gesucht und gefunden werden, um dem jüdischen Kleinbürgertum erstens die Stellen in der Gemeinde zu verschaffen, auf die es Anspruch hat, ferner müssen kulturelle und wirtschaftliche Einrichtungen geschaffen werden, wodurch dem Kleinbürgertum hier in der jüdischen Gemeinde das Leben lebenswert gemacht wird. Die jüdische Zentrale, nicht nur der Stadt Posen, sondern der Provinz, sollte die jüdische Gemeinde Posens sein. Sie sollte die Vertretung der Judenschaft gegenüber den Behörden führen, sie sollte befruchtend auf das Gemeindeleben wirken. Die Gemeinde sollte die Stelle sein, wo man Rat und Hilfe-in den Nöten des Lebens finden sollte. Aber wir haben leider gesehen, dass die Gemeinde da vollkommen versagt hat. Sie hat sich weder in der November-Revolution, noch in den Dezember-Unruhen bemerkbar gemacht. Es sind weitausschauende Männer gewesen, welche am io. November sich der spezifisch jüdischen Interessen angenommen und zu den Ereignissen Stellung genommen haben. Diese Männer haben den Jüdischen Volksrat gegründet. Wie richtig dies war, haben wir in dem vergangenen halben Jahr selbst gefühlt. Der Volksrat ist, solange wir die Volksgemeinde nicht haben, die Vertretung der Judenheit, die Stelle, wo positive Arbeit für uns geleistet wird. Die Gemeinde hat nichts getan, sie hat noch weniger als nichts getan, sie hat, wo sie konnte, gehemmt und sie hat erklären lassen, dass der Jüdische Volksrat nicht als die Repräsentation der Posener Judenheit anerkannt werden dürfe. Aber die neuen Behörden haben von Anfang an den Volksrat als die Vertretung der Juden anerkannt. Und die letzten Stadtverordnetenwahlen haben zahlenmässig gezeigt, dass die Mehrheit der Posener Juden hinter dem Volksrat steht. Wie stellt sich nun die Zusammensetzung dieser eigenartigen Gemeindevertretung dar? Es ist die kleine Gruppe Jichus, es sind die Satten, die regieren; jeder frische Luftzug wird geflissentlich ferngehalten. Die Aufgaben, die diese Herren erfüllen, sind rein verwaltungstechnischer Art. Es werden die Synagogen, die Religionsschulen, Mikwen, Schchichte, Friedhof, Krankenhaus und die Stiftungen gewissenhaft verwaltet. Wir aber wollen die Kraft der Gemeinde für die jüdisch-kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen Notwendigkeiten nutzbar machen und ganz besonders für die Stände in der Judenheit, die diese Hilfe am nötigsten gebrauchen, für die wirtschaftlich Schwachen und für die Kleinbürger. Wir wollen, um nur eins hervorzuheben, dass eine jüdische Schule geschaffen wird, die so ausgestattet sein muss, dass das Kind des ärmsten Juden, wenn es die erforderliche Begabung hat, die Bildung bekommt, die ihm die höchsten Bildungsstätten zugänglich macht. Der Unterricht muss unentgeltlich sein. Dem Tüchtigen freie Bahn auf allen Gebieten ist nicht nur eine Redensart bei uns; nein, wir wollen die Voraussetzungen für diesen Grundsatz wirklich schaffen. Nicht mehr Rachmonis für die armen Schichten, sondern Rechte für sie woilen wir schaffen. Dazu ist es nötig, dass sich das Kleinbürgertum innerhalb der Gemeinde organisiert, dass es durch seine Organisation die Methoden aufzeigt, die notwendig sind, um das zu schaffen, was wir wollen. Wir wollen zu diesem Zwecke vor allem in die Gemeindevertretungen hineinkommen, wir wollen unsere Vertreter in der Repräsentanz, im Vorstand, in allen Kommissionen haben. Wir wollen neue Institutionen geschaffen sehen, die wir für unsere kulturelle und wirtschaftliche Existenz nötig haben. Wir wollen, dass alle Klassen gemäss ihrer Stärke an der Gemeindearbeit teilnehmen, dass nicht nur eine einzelne Gruppe herrscht. Wir wollen, dass die Kleinbürger nicht mehr regiert werden, sondern mitregieren. So haben wir unsere Gruppe der Kleinbürger gebildet und und wir haben ein Programm ausgearbeitet über alles, was wir erstreben, was wir wollen. Ich habe die Ehre, Ihnen dieses Programm vorzutragen es enthält in knappen Zügen dasjenige, wovon wir glauben, dass es getan werden muss. Diese Versammlung wird entscheiden ob die vorzutragenden Richtlinien nun unser statutenmässiges Programm werden sollen?) Der erste Satz unserer Satzung soll zeigen, welche Berufe wir zu den Kleinbürgern rechnen. Arbeiter, Handwerker, Kleingewerbetreibende, Kleinkaufleute, Angestellte, einzelne Beamtengruppen etc. Ich denke auch an Kleinlandwirte, ferner auch an diejenigen, die zwar zum eigentlichen Kleinbürgertum nicht gehören, aber sich mit demselben eins fühlen. Der zweite Satz sagt uns im grossen Ganzen, was wir im Prinzip wollen. Es soll das Kleinbürgertum an den Gemeindeangelegenheiten mit allen anderen Klassen als gleichberechtigter Faktor teilnehmen. Bisher hat nur eine Klasse die Gemeinde geleitet. Wir wollen nicht etwa allein das Regiment haben, wir haben auch nichts gegen die einzelnen f Männer, die zwar nicht in unserem Sinne die Gemeinde führen. Wir sind überzeugt, dass ihre Absichten lauter sind, dass sie nach ihrem besten Wissen und mit bestem Willen ihre Pflicht erfüllen, aber wir sind gegen ihr veraltetes System, wir sind gegen die Fortwurstelei, für den Fortschritt. Nunmehr kommen die einzelnen Forderungen, die wir auf stellen, vor allem das Wahlrecht. Es ist das demokratische Wahlrecht, das wir wünschen. Jeder Jude, gleich welchen Geschlechts, der 20 Jahre alt ist, kann wählen und stimmen und ist wählbar. Die Wahl ist geheim und direkt. Wir fordern das Verhältniswahlsystem, damit jede Partei und Gruppe gemäss ihrer Stimmenzahl ihre Vertreter in die Repräsentantenversammlung entsenden kann. Diejenigen von uns, die sich mit den Gemeindeangelegenheiten auch schon früher beschäftigt haben, haben schon seit *) Abgedruckt auf Seite 106 dieser Nummer.

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