Mannheim
Compact Memory

Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-11-01 · 10/11 (November/Dezember 1919) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
10/11 (November/Dezember 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 102 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9569929-9582844-9582799--103-9582807
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 102 Nr. 10/11 Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats kratischen Agrarier lind reichen Industriellen rekrutierten. Obwohl theoretisch reaktionärer als die National-Demokraten, waren sie infolge ihren höheren sozialen Stellung tatsächlich viel fortschrittlicher, auch in der jüdischen Frage waren sie liberaler als die National-Demokraten, doch auch unter der Bedingung der künftigen Assimilation des Judentums. Bei den Sejmwahlen gingen beide Parteien zusammen, da die Konservativen sich allein zu schwach fühlten; zu diesen kamen dann noch einige bäuerlich-nationalistische Gruppierungen und der so gebildete Block hiess Nationale Volksvereinigung. Doch während der Agrardebatte fing der Block an, sich wieder zu zersplittern, weil die National-Demokraten aus demagogischen Gründen mit den Bauern liebäugelten, was sie in Gegensatz zu den Konservativen bringen musste. Für die bäuerlich-nationalistischen Gruppierungen aber war der agrare Radikalismus der National-Demokraten noch zu farblos. In der jüdischen Frage haben die Konservativen vollkommen den Nationaldemokraten nachgegeben, zumal die Juden im Sejm Forderungen auf gestellt haben, welche ihre assimilatorischen Träumereien gründlich zerstörten. Der ganze Block führt eine recht judenfresserische Politik, agitiert für den Boykott, für rechtliche Begrenzungen, hetzt überall gegen die Juden und ist nicht ohne Schuld an allen Progromen und Ausschreitungen gegen sie. Zwischen dem rechten Flügel der Nationalen Volks Vereinigung und dem linken Flügel der polnischen sozialistischen Partei und der nationalen Arbeitervereinigung (zu dem linken Flügel gehört auch die kleine Bauerngruppe von Stapinski, welche in der Judenfrage keine bestimmte Politik, jedenfalls aber keine philosemitische treibt) befindet sich das Zentrum, welches sich durch den Zusammenschluss von 3 Bauerngruppen, der von Witos, von Thugutt und von Pfarrer Blisinski gebildet hat. Von diesen Z Gruppen ist die erste nur in der Agrarfrage radikal, sonst ist sie vollkommen reaktionär; die zweite gehörte früher in den linken Flügel des Sejm und stand den Sozialisten nah, hat aber schon sehr viel aus ihrer sozialistischen Bagage bei dem Zusammenschmelzen mit den anderen 2 Gruppen verloren. Die dritte, die auch in der Agrarfrage eine sehr gemässigte Stellung einnahm, ist eigentlich eine national-demokratische Gruppierung. In ihrer Stellungnahme zur Judenfrage ist die Witos-Gruppe die schlimmste, da sie durch ihre hetzerische Agitation Pogrome in Galizien und Südpolen herbeigeführt hat. Die Gruppe des Pfarers Blisinski ging immer mit der Nationaldemokratie zusammen; Thugutt's Gruppe stand auch in der Judenfrage den Sozialisten nahe, doch hüllte sie ihre Abneigung gegen die jüdisch-nationale Bewegung in keinen theoretischen Mantel, wie das bei den Sozialisten der Fall war. Ausser diesen, bisher angeführten Parteien gibt es noch die Kommunisten, welche im Sejm nicht vertreten sind. Die Kommunisten sind prinzipielle Gegner des Antisemitismus, doch sind sie im praktischen nLeben gegen das Judentum, da der soziale Stand der Juden, das Kleinbürgertum, diese in das Lager ihrer Gegner drängt; hätten die Kommunisten die Oberhand bekommen, so hätten sie jede jüdisch-nationale Bewegung unterdrückt, so wie es in Russland geschehen ist. Das sind in allgemeinen kurzen Strichen die polnischen Hauptparteien und ihre Haltung in der Judenfrage. Der allgemeine Grundton aller dieser Gruppierungen ist Judenhass, Boykott und Unduldsamkeit, nationaler Egoismus und die Unfähigkeit, die Rechte eines zersplitterten und bodenlosen Volkes verstehen zu wollen. Es ist leicht zu begreifen: dass, wenn man mit diesen Parteien im Landtage zusammensitzt, jede Arbeit für das jüdische Wohl und für eine abstrakte Gerechtigkeit fast ausgeschlossen erscheint. Die jüdischen Abgeordneten werden entweder ignoriert, oder ausgelacht, oder überschrieen, — und man muss wirklich einen grossen Mut, eine , heilige Geduld und Kaltblütigkeit haben, um das alles zu überwinden und seine Arbeit zu tun. Die jüdischen Abgeordneten haben sich mit dieser Kaltblütigkeit bewaffnet und sie führen ihre Arbeit ohne Rücksicht auf alle Störungen weiter. Die Aussichten für eine grössere Fruchtbarkeit dieser Arbeit sind nicht allzugross; doch lässt es sich nicht leugnen, dass manches schon geleistet worden ist; erreicht ist vor allem, dass die jüdischen Abgeordneten nicht mehr so wie früher ignoriert werden, ja es haben sich sogar Verständigungspunkte mit den übrigen Parteien gefunden. Das war eine Sisyphusarbeit, aber sie wird nicht ohne weitere Folgen bleiben. Man muss nur Geduld haben und nicht verlangen, dass die Saat sofort eine Ernte geben soll. . Rechtsanwalt Dr. A. Hartglas Abgeordneter des polnischen Landtages. Die Behandlung der Volksfremden bei den Juden. Wenn es einen Gradmesser für die Kulturstufe eines Volkes gibt, so ist er in der Behandlung der Fremden zu suchen. In diesem Punkte zeigt es sich, ob ein Volk nur sich selbst, seinen nationalen Vorteil und seine eigene Wohlfahrt kennt oder eine höhere Stufe nationaler Erkenntnis erlangt hat, ob es egoistisch und engherzig oder wahrhaft human und liberal ist. Man wird an die Frage der Behandlung der Volksfremden bei den Juden vielleicht mit Vorurteilen herangehen. Toleranz — so meint man allgemein— kann nicht wohl die starke Seite eines Volkes sein, dessen konstitutives Merkmal ja eine unbedingte Reinerhaltung seiner religiös-nationalen Volksidee und Volksgemeinschaft erfordert. Es muss den Uneingeweihten daher doppelt Wunder nehmen, wenn das jüdische Volk, das niemals politische Macht besass, sondern stets zu den „geringsten aller Völker“ zählte, — denn es gehört nicht viel dazu, tolerant zu sein, wenn man mächtig ist —, wenn ein solches Volk in seiner religiösen Staatsverfassung ein Fremdenrecht besitzt, vor dem alle „Gleichberechtigung“ des zwanzigsten Jahrhunderts weit zurücksteht. Es sei zunächst vorausgeschickt, dass das Judentum seit den ältesten Zeiten den Begriff der Assimilation kennt und berücksichtigt. Es zeugt von einem tiefen Verständnis und weitester Rücksichtnahme auf die individuelle Freiheit des Fremden von seiten der Juden, dass sie nicht nur jeden religiösen und nationalen Zwang entschieden verwerfen — „man darf niemanden gegen seinenWillen ins Judentum auf nehmen“ ^— sondern das Judentum lehnt bekanntlich auch jede Mission ab. Es weist den Fremden, der sich nationalisieren will, mit dem ausdrücklichen Hinweis auf das nationale Unglück der Juden zurück. Ein Zwang zur Assimilation, wie er heute den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.