Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 10/11 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 101 Die polnischen Parteien und das Judentum. Aeimlicli wie bei den Juden ist auch bei den Polen der Parteichauvinismus überaus stark, sodass die Parteien zu einer gemeinsamen Arbeit nicht kommen können. Dennoch haben die polnischen Parteien einen Kitt, der sie alle zusammenhält und sie in kritischen Momenten eine einheitliche Front bilden lässt: das Streben zu nationaler Selbständigkeit, ein Patriotismus, welcher oft dicht an einen vulgären Chauvinismus grenzt. Und noch einen solchen Kitt, einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt haben sie: das ist der Antisemitismus. Vom Antisemitismus ist keine politische Partei in Polen frei, selbst der polnische Sozialismus nicht. Zwar ist die sozialistische Doktrin gegen jeden Menschenhass, also auch gegen die Judenverfolgungen. Aber das wirkliche Leben lässt uns ein anders Bild erblicken. Die führende Intelligenz des polnischen Sozialismus ist nur gegen den jüdischen Nationalismus. Degen die Juden an und für sich hat sie nichts einzuwenden. Sie behauptet, die Juden seien kein Volk, sie seien blos eine ethnische Rassengruppe, welche sich assimilieren müsse, und deswegen solle man gegen Juden als zukünftige Polen keinen Kampf führen. Die jüdisch-nationalen Elemente aber, ganz gleich, ob sozialistisch oder bürgerlich gestimmt, seien Polens Gegner, da sie den natürlichen Prozess der Assimilation stören und hemmei*, und gegen sie wird ein erbitterter Kampf geführt. Die sozialistischen Massen sind nicht so doktrinär wie ihre Fühl er und folgen mehr ihren eingeborenen Neigungen. Sie sind antisemitisch, wollen das auch gar nicht verheimlichen und treiben, zusammen mit den bürgerlichen Parteimassen, eine verbissene Boykottpolitik. Der Arbeiter kennt und duldet nur „seinen" Juden, d. h. den jüdischen Führer oder den jüdischen Arbeiter, welcher zufällig zu seiner Partei gehört. Alle anderen Juden sind für ihn nicht nur Fremde, er betrachtet sie vielmehr als Feinde. Und diese Psychologie der Masse wirkt allmählich auch auf die Führer ein; ihre Beziehungen zu den Juden werden immer feindseliger; auch sie betrachten nur die wenigen Juden, welche zu der Partei gehören, nicht als Feinde; und auch das nur mit der schlecht verborgenen Hoffnung, dass andere nicht mehr kommen werden, und diejenigen, welche noch da sind, schon im Absterben begriffen sind. Ihre feindlichen Beziehungen zu den Juden, besonders zu den nationalfühlenden, hat die polnische sozialistische Partei schon einigemal zu erkennen gegeben, indem sie die Bitte der jüdischen Sejmabgeordneten ablehnte, die Interpellationsvorschläge betreffend die Pogrome in Kalisch oder in Lodz zu unterzeichnen. Einer der angesehensten sozialistischen Führer hat sich sogar geäussert: „Meint ihr, dass wir und die Juden auf einerund derselben Seite der Barikade stehen, wie zur Zeit der russichen Revolution im Jahre 1905? Wir können den Juden zu Liebe die Sympathien unserer Massen nicht verlieren und sie in das Lager der Nationalen Arbeitervereinigung treiben." Noch vor 12—15 Jahren trieb dieselbe Partei eine ganz andere Politik. Sie hatte damals eine jüdische Sektion, gab ihre Literatur auch in der jüdischen Sprache heraus, unterhielt eine jüdische Zeitung und erkannte das Recht der Juden auf eigene Volksschulen mit jüdischer Unterrichtssprache an. Das alles ist schon längst vorbei, und die Partei schämt sich, eine so kompromitierende Vergangenheit zu besitzen. Vor einigen Wochen wurde zu dem Pressetage der Partei ein der Geschichte der Literatur und Presse der Partei gewidmetes Sammelbuch herausgegeben. Der Artikel des ehemaligen Redakteurs des gewesenen jüdischen Parteiorgans über diese Zeitung wurde durch das Redaktionskomitee nicht angenommen, da er kompromitierend für die Partei gewirkt hätte. Die polnische sozialistische Partei hat fast denselben Weg durchgemacht, wie die bürgerlichen Parteien in Polen. Es gab einmal eine Zeit, in der die fortschrittlichen Parteien nicht antisemitisch, eher sogar philosemitisc-h waren. Sie glaubten aber damals an die Assimilation der Juden. Sie betrachteten das Judentum als einen Stoff zum Düngen des polnischen Bodens. Das war in der Zeit, als die Polen noch dem Handel und der Industrie fern standen, und nur die Juden den polnischen Handel zum Aufblühen brachten. Als später die industriellen und kaufmännischen Beziehungen Polens mit Russland und dem Auslande angeknüpft und die internationale wirtschaftliche Stellung Polens gesichert war, fingen die Polen an, den Juden die errungenen Positionen abzunehmen. Dabei brach auch der Antisemitismus hervor; der Philosemitismus der fortschrittlichen Parteien verschwand, und an seine Stelle trat der Boykott, welcher nach den Wahlen zur dritten Duma zur herrschenden Losung wurde, nachdem der süsse Traum von der Assimilation verflogen war. Eine analoge Entwicklung machten auch die polnischen Sozialisten durch. Die stärkste proletarische Partei nach den Sozialisten in Polen ist die Nationale Arbeitervereinigung. Sie steht weiter links als die christlich-soziale Partei in Österreich, hat aber kein ausgesprochen politisches Programm und bestrebt sich, es in allem den Sozialisten nachzumachen. Was ihre Beziehungen zu den Juden an betrifft, so ist sie ausgesprochen antisemitisch, sie predigt den Boykott als heilige Pflicht eines jeden Polen. Sie arbeitete bis in die letzte Zeit hinein mit den nationalen Arbeitern Posens zusammen und unterstützte sie bei den Sejmwahlen; doch während der Agrardebatte im Sejm, im Juli dieses Jahres, stellte es sich heraus, dass die Posener Arbeiter sogar für die nationale Arbeitervereinigung noch zu reaktionär sind und so haben sie sich getrennt; die Posener Arbeiter haben zusammen mit einigen „Arbeitern" aus der national-demokratischen Partei eine neue National-christliche Arbeiter Vereinigung gebildet. In der jüdischen Frage ist die letzte ebenso antisemitisch wie die erste. Unter den bürgerliehen Parteien ist die stärkste die nationaldemokratische Partei. Es ist dies eine stark reaktionäre, von Chauvinismus durchdrungene, vorwiegend ans kleinbürgerlichen Elementen bestehende lose Gruppierung, die den „sacro egoismo" und die Ausrottung fremder Elemente predigt, und, obwohl durch und durch deutschfeindlich, doch den eisernen Kanzler Bismarck als den grössten Meister und Lehrer der Politik betrachtet. Wie bereits erwähnt, ist sie eine lose Gruppierung, welche aber doch bei allen Wahlen einen sehr grossen Einfluss ausübt, weil sie die niedrigen Instinkte des Kleinbürgertums ausnützt, keine Ideale aufstellt und nichts von ihren Anhängern fordert. National- Demokratie ist mehr eine Stimmung als eine Partei, und daraus ergibt sich, dass andere Parteien siegen und am Ruder der Verwaltung stehen können, und dass doch die ganze Masse des mittleren und unteren Beamtentums Mational-demokratisch gesinnt ist, und so dem politischen System bei der praktischen Ausübung der Verwaltung eine national-demokratische Färbung gibt. Rechts von den nationaldemokraten standen früher die Konservativen, die sogenannten Realpolitiker (in Galizien „stanczycy" genannt), welche sich aus den Kreisen der aristo-