Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 100 Nr. 10/11 Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats kann, um später einmal, wenn Rußland wieder aufgebaut hat, gemeinsam mit diesem und Deutschland den Kern eines großen Ostblocks zu bilden. Schon dieser natürliche Gang wird das neue Reich rein automatisch zwingen, in nicht zu ferner Zeit von seiner augenblicklichen nationalchauvinistischen Politik zu lassen. Uns aber liegt es — wie noch einmal hervorgehoben sein mag — nicht ob, uns in unproduktiver Kleinarbeit gegen den Antisemitismus zu erschöpfen, sondern vor allem nach wie vor unserem alten Grundsatz treu zu bleiben: Kulturelle Arbeit und keine unkulturelle Kraftverschwendung. Dem gesellschaftlichen Asemitismus gegenüber werden wir uns auch weiterhin durch unsere sittliche und geistige Kraft gewappnet fühlen. fKassel. Cbanukab 5680. Hls Licbtspender und Sorgenbrecher grüßen wir alljährlich immer von neuem das liebliche Cbanukab, das die winterliche ketttagsarme Zeit zu berzerbebender Weihe unterbricht. Schlicht, einfach und anfpruchslos, wie es ift, ein getreues Spiegelbild der echten jüdifcben Volksseele, begnügt es ficb mit dem kurzen Stündchen, das wir ihm weihen, um bei frommem Sang und lustigem Spiel das Licht der Erhebung zu gewinnen. Aber auch sontt ift es anders, dieses Ckanukab, wie die übrigen Fefte. Seine eigentliche Feier vollzieht ficb nicht am Tage, sondern erst dann, wenn die Sterne am Himmel funkeln und das Kommen der Nacht ankünden. Hinaus in die Schatten der nächtlichen Finfternis werfen die Cbanukabftammen ihre Strahlen und werden ko zum Symbol für die 6ottesgnade, die jeder Nacht ein Ziel letzt. Was Israel einft erfahren bat, „in jenen Tagen um diele Zeit“, bleibt das ewige Erlebnis eines jeden, der mit reinem Herzen und mit schuldfreier Seele feinen Lebenstraum zu deuten lucht. Alle Widersprüche und Gegensätze, die er gewahrt, losen sich ihm in dem gläubigen Bewußtfein, für das einft der Patriarcbenfobn Joseph das Motto gefunden: „Des Herrn ift die Deutung.“ Wann hatte aber das Israel des Exils nicht eine Nacht in feinen Schicksalen zu durchleben? Da bot Cbanukab mit den Erinnerungen, die es weckt, einen Hoffnungsanker und wurde zum Interpreten der Bedingungen für den ewigen Bestand unserer Gemeinschaft. Und das bleibt der eigentliche Sinn unseres Fettes. Es will uns an den Morgen erinnern, der wie in der Natur auch in unserer Geschichte immer wieder die Nacht abgelolt hat, uns aber auch mahnen, in geschloffener Einheit rein und unverfälscht unter geistiges Erbe, das Ölkrüglein unterer Thora, uns zu erhalten, damit wir der großen Hbnen würdig bleiben, an deren Fahnen sich der Sieg des Judentums über das Heidentum geheftet hat, und das würdige verbindende Glied zwilchen Vergangenheit und Zukunft darzustellen. — Und mehr denn je bat diesmal Cbanukab feiner Hufgabe und Bestimmung gerecht zu werden. Schwer nur lichtet lieh das Dunkel, in das der ganze Erdball ein halbes Jahrzehnt und länger getaucht ift, an dem Israel gar reichen Hnteil hat. ängstlich schauen wir jetzt vorwärts, und auf unfern Lippen brennt die bange Frage nach der Gestaltung unlerer Zukunft. Wo die alte Welt in Trümmer gegangen und eine neue sich aufbaut, wird da unterer Gemeinschaft endlich ihr Hecht werden? Wird die neue Zeit an ihr halten und zur Reife bringen, was sie allen Menschen verheißet? Solche und ähnliche Fragen bewegen uns, da scharen wir uns um die Menorah und wir leben, wie von Hbend zu Hbendfdie Lichterreihe wächst, und die Lichtlein brennen die Schatten der Sorge aus unterer Seele. Sie gießen uns die frohe Zuverficht ins Herz, daß auch am Weiheleuchter der Menschheit das Licht der Freiheit und Gleichheit zu hellstem Glanze auffeuchten und schließlich auch Israel erstrahlen wird, das — wie das dienende Licht am Chanukahleuchter — mit feiner Thora das Licht der Erkenntnis und Weihe über die Geister und Gemüter verbreitet und eine unendliche Heilslaat in den Boden der Menschheit ausgeftreut hat. Hus solcher Hoffnung steigert sich unter Wille zum Judentum und reifet unter Entschluß, den Makabäern gleich, uns um die alte Fahne mit immer erneuter Kraft zu scharen — uns allüberall wo immer wir auch fein mögen, unter geistiges Zion zu gründen. Daß den Nachkommen der Makabäer die Hoffnung auf das Wiedererlehen Palästinas als Mittelpunktes Israels die Pulle voller schlagen läßt, ift mehr als selbstverständlich. flngeficbts der Cbanukabftammen möge aber ihnen die Erkenntnis aufgehen, daß das Endziel, dem wir entgegensteuern, erst dann erreicht ift, wenn der Herr leinen Thron wieder in Zion aufschlägt und von hier wieder ausgeht Gottes Wort. Möge uns Cbanukab zur Weihe unteres jüdischen Lebens und zur Pflege unterer Güter in Haus und Schule spornen! Das ift die große Verpflichtung unteres Seins und unteres Lebens für die Zukunft unterer Bekennerschar. Rabbiner Dr. N, ßewin, Wreschen.