Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 99 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 10/11 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 99. wenn sie angenommen werden, nicht dazu bei, den jüdischen Kaufmann des Ostens dem „Königlichen Kaufmann" an Würde und Wert näher zu bringen. Darum lohnt es sich in keiner Weise, gegen den vermeintlichen wirtschaftlichen Antisemitismus polnischer Machthaber irgendwie ankämpfen zu wollen. Wie töricht wäre ein Versuch, dem in Polenkreisen neu auftretendem Wahngebilde des jüdischen HKtismus entgegentreten zu wollen. Und Loyalitätserklärungen — wie harmlos, wie naiv nehmen sie sich aus gegenüber dem zielbewußten Hasse, dessen dauernde Schürung parteipolitische Macht festigen soll. Aber auf jede neue Staatsgründung richten sich die Augen der Welt, zu mindest und zunächst der daran interessierten wirtschaftlichen Welt, besonders wenn jener wie es mit Polen der Fall ist, die Balkanrolle für Zentraleuropas zugedacht ist. Die Welt aber, die hier in Frage kommt, ist identisch mit der überaus feinfühligen Weltwirtschaft. Ihre Oesetze sind stärker als die insulärer, wenn auch örtlich noch so starker radikaler Parteimächte. Hier wird dann bald das Schauspiel beginnen müssen, dessen Kosten nicht nur ein Teil der zur Auswanderung Gezwungenen, sondern vielmehr das ganze osteuropäische Wirtschaftsgebiet zu tragen haben wird. Niemand, der sich schon in Friedenszeiten mit der ernsten wissenschaftlichen polnisch-nationalökonomischen Literatur beschäftigt hat, wird durch die bisherigen Vorgänge überrascht sein Daß freilich die Tagesliteratur gerade, wie ich höre, im preußischen Teile Polens in excessivster Form den Judenhaß schürt, wird der ruhige Beobachter vielleicht als Schwächegefühl gegenüber der nicht ganz glatten und wunschgemäßen Abwicklung des nationalpolitischen und national wirtschaftlichen Geschäftes ansehen. Ich möchte aber davor warnen, diese abstoßende Erscheinung allzuhoch zu bewerten und aus ihr für die fernere Entwicklung allzu weitgehende Folgerungen zu ziehen. Hüten wir uns deshalb auch in einer Zeit, in der wir einen klaren, ruhigen Kopf brauchen, vor Verbitterung. Finden wir uns lieber nach jahrtausendlanger Schulung einmal mit unserm Schicksal ab: in der Heilkunde gab es Jahrhunderte, in denen man den Krankheitsherd dadurch zu bekämpfen suchte, daß man in dessen Nähe ein künstliches Geschwür erzeugte, durch das die bösen Säfte des Körpers abziehen sollten. Diese ableitende Behandlung spielt im Völkerleben noch heut eine mächtige Rolle: man lenkt die Mißstimmung des Volkes auf andere Unbeteiligte ab. Der Vorsicht halber wählt der Tapfere hierzu Wehrlose. Daß wir Juden jetzt plötzlich laut den gegen uns gerichteten Anklagen die Macht haben sollen, den Wunschzettel Polens zu durchlöchern — wer lächelt da nicht! Unter Verhältnissen normaler Entwicklung, die die volkswirtschaftlichen Gesetze nicht auf den Kopf stellt, hätten nur wenige Juden an die Auswanderung gedacht. Wir kleben ja alle an der Scholle. Und da hätte es Juden einfallen sollen, ihren eigenen Nährboden unfruchtbar zu machen? Wie würde ein solcher Intelligenzmangel zu der doch sicher anerkannten geistigen Begabung der Juden passen? Doch gemach! Unser Schicksal wird von anderer Macht geführt, als es hetzende Tagespresse ist. Und — seien wir wieder gerecht — auch diese Gewalten müssen häufig genug der Straßenströmung nachgeben, die in Zeiten vermeintlicher Stille und Stockung nach Gaumenkitzel verlangt. Sub specie aeterni müssen wir Juden unsere Lebensführung halten. Nationaler Stolz! Stolz auch als religiösnationale Minderheit mitten in einem temperamentvollen Volke, das eben erst auf bauen will und noch im Einreißen begriffen ist. Ein dornenreicher Weg liegt vor uns, aber ein Weg, der durch das polnische Volksprogramm hell erleuchtet ist. Das allzuhelle Licht, das andrerseits die zum Ueberdruß zitierte polnische magna charta libertatum uns entgegenwirft, darf uns nicht blenden. Auch hier stehen wir schließlich vor etwas Neuem, vor der Regierung des Volkes! Da ist die Leitung abhängig von Stimmungen ihrer Auftraggeber. Und Stimmungen wiederum werden erzeugt und geändert von tausenderlei Unwägbarkeiten. Wir stehen vor dem Bilde der Völkerwanderung. Der frische, urkräftige Osten wandert gegen Westen. Ostkultur ringt mit der Westkultur. Dabei ist Polen bis heut wenigstens weder wirtschaftlich noch politisch als eine wirkliche Einheit aufzufassen. Hier starke Reste der alten preußischen Schule, drüben Rußland und Oesterreich. Mitten in diesem wirbelnden Gemisch die einzelnen Minioritäten. Alle ringen nach endlicher Ruhe. Dabei findet noch nirgends der suchende Blick den ruhenden Pol. Mag sein: zur Ruhe raten ist leicht. Es ist aber keineswegs gleichbedeutend mit dem verzweiflungsvollen alles über sich ergehen lassen. Allerdings müssen alle, die hierbleiben, Mut, Kraft u. Ausdauer haben, die Folgezustände zu tragen, die das augenblickliche Stadium des Ginreißens mit sich bringt. Dieses muß aber für uns eine Zeit der Prüfung, Sammlung und Erkenntnis sein mit dem Ziele der unserer Innenkraft entsprechenden Einordnung in das neue Staatsganze. Llnterschätzen wir auf diesem Abschnitt unseres Weges ja nicht etwa die Schwierigkeit unserer allernächsten Zukunftsarbeit, die für alle in Polen lebenden Minioritäten im wohlverstandenen Interesse des Staatsganzen die nämliche ist, damit bei allen sonstigen trennenden Einflüssen die Schritte zu einander gelenkt werden. Da heißt es nun vor allem, das in den Zeiten unserer höchsten Not zehnfach lächerlich wirkende Kraftmeiertum in Wort und Schrift dem Museumsbestande endgültig einzuverleiben, dafür in ernster, emsiger und vor allem anderen selbstloser Arbeit jeden Einzelnen zur Sammlung schwindender Kulturwerte herbeizuschleppen. Da muß die Grundlage der Gemeinschaftsidee gesucht und geschaffen werden. Dann wird uns die Zukunft lehren, ob uns noch einmal die Möglichkeit wird, untere Rechte gegenüber der jetzt herrschenden vernichtenden Strömungen zu verteidigen. Lenken wir nach diefer Richtung unteren Blick und handeln wir der Lage der Dinge entfprechend, dann haben auch wir Juden für die nächsten Jahre genug getan — auch im sicheren Interesse des polnischen Staatsganzen, dessen zukünftige wirtschaftliche Orientierung vorerst nur nach dem benachbarten Westen führen