Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10/11 (November/Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 98 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 98 Mitteilungs-Blatt des jüdischen Volksrats Nr. 10/11 Der hohe Mut, Zu Leben, in jugend, Alter Und Seligkeit, ln Tod und Todesnot, Die wir im Lichte der Herrlichkeit Vergessen, hinflutend Ins Wissen, in die Freude selber. Das ist Ki—tauw, Das Unaussprechlich Lieber—sprechliche ja. Nicht weiter träumen vom Seelenleben jungjudas! Optimismus und gesunder, zielstarker Realismus zeichnen unsere Bahn. Und wenn mir dagegen einer in eines Funkens Scheine den Erfolg zeigt, den die Bekämpfung des Antisemitismus bisher gezeitigt hat, so will ich mich in bescheidener Demut beugen. Nun gar im neuen Polenreich! Lieber diesen Punkt müssen gerade wir uns doch erst einmal in Haarschärfe klar werden. Da wird mir soeben das Programm gezeigt, das der nationaldemokratische Parteitag der Polen, also die heut herrschende Richtung des neuen Reiches, am 27. Oktober in Warschau angenommen hat. Cs heißt u. a.: „Der nationale Volksverband bezeichnet als die wichtigste Aufgabe der nationalen Politik die Sicherung des polnischen Charakters in den Städten, dem polnischen Handel und Gewerbe.“ Leset jede Zeile, jedes Wort, ihr Kämpfer gegen den Antisemitismus! Ziehet dann das Facit: Polen fühlt sich stark in sich allein. Es wünscht, seinem Volksleben einen unbestreitbar polnischen Stempel zu geben und wird in unentwegter Benutzung aller seiner politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtmittel zu seinem Ziele zu gelangen wissen. Das bedeutet ganz mechanisch schon die Ausschaltung aller nichtpolnischen Kräfte, der jüdischen wie auch der christlich-deutschen, soweit und sobald sie durch polnische ersetzbar sind. Es fehlt uns das Recht der Kritik: junger Wein, hohe, stre^ bende Intelligenz, Aufbrausen in der Crinnerung an die Vergangenheit, berechtigtes Selbstbewußtsein. Daß wir juden in diesem Stadium der völkischen Entwicklung mit zu den Leidtragenden gehören, wir, das an Zahl kleine Häuflein, — was fragt die Weltentwicklung für den Augenblick danach? Und ob es den Polen selbst frommt oder nicht — haben wir zunächst danach zu fragen? Ihr Werdegang wird Richter über ihr jetziges Tun sein, das noch niemand in seinen Folgen beurteilen kann, selbst der nicht, der neben den gerade jetzt stark hervortretenden Nationalschwächen mit gerechtem Blick die dem Polenvolke innewohnende, gewaltige, teils noch schlummernde Kraft beobachtet. Die Polen, das müssen wir vor Augen behalten, stellen eben ihr ganzes Staatsprogramm auf ihre wirtschaftliche Erstarkung durch Monopolisieren von Handel und Gewerbe in ihren eigenen Händen. Das bedeutet natürlich den wirtschaftlichen Boykott aller Fiebrigen, also das Programm, an dem die Ostmarkenpcjlitik Preußens zugrunde gegangen ist. Gelingt es ihnen aber, was besonders nach der Einverleibung Oberschlesiens, Ost- und Westpreußens einige Schwierigkeiten haben dürfte, den wesentlichen Teil der Nichtpolen wirtschaftlich auszuschalten, so haben sie dann erst noch ihre eigene, durch „Fremde“ nicht mehr gestörte Baukraft zu erweisen. Werdet Polen, verlangen sie von uns allen. Darin liegt eine scheinbar abgegrenzte Forderung, die in Kongreßpolen auch tatsächlich in großem Umfange von jüdischer Seite erfüllt worden ist, ohne die polnische Gegenliebe nach sich zu ziehen: Vielmehr untersteht der assimilierte polnische jude noch heut dem judenablehnenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundgesetz der Polen. Es liegt zudem ferner klar auf der Hand, daß die jetzige Generation deutscher juden ' schon durch die Unkenntnis der polnischen Sprache — ganz abgesehen von anderen noch wichtigeren, historisch begründeten Trennungsmomenten — nicht im Polentum aufgehen kann. Also muß sie vernichtet werden in ihrer Existenz. Unsere Kinder, die kein polnisches Wort verstehen, sind für polnische Handels- und Industrieinstitute ganz unbrauchbar. Soweit sie sich akademischen Berufen widmen wollen, kommt für sie schon wegen der Sprachunkenntnis und außerdem wegen der Prozentnorm die polnische Universität nicht in Betracht. Stolpert der Freiheitspole schon an der akademischen Freiheit? Schleppt die Flutwelle der beginnenden Völkerwanderung den Kern des angeblich vernichteten Zarentums vom Osten nach dem Westen? Das aber schließt alle die Gründe ein, die zur sicheren Abwanderung eines großen Teiles der nichtpolnischen Intelligenz und des nichtpolnischen Kapitals führen muß. jenes Programm der Abwürgung haben wir in ganz ähnlicher Weise zur Zeit des HKtismus erlebt — wir juden nicht zu unserm Nachteil! Denn wir sind trotz ihm erstarkt, in der Ostmark selbst oder, wenns hier nicht weiterging, außerhalb. Wird der Abgang so vielen arischen und semitischen Blutes nicht hemmend wirken in der Entwicklungsperiode des jungen Staatskörpers? Wer nun das Vorgehen der Polen antisemitisch nennen will, mag es tun. Ich sehe in ihm ausschließlich eine ungesunde, alle Weltwirtschaftsgesetze blind übersehende, brauchbare Kräfte vernichtende Nationalpolitik, die auch vor den Christen nicht halt macht. Wir alle müssen uns trotzdem damit abfinden, daß für jahre hinaus jene Doktrin hier die herrschende, sein wird, je größeren Umfang Polen aber gewinnt, um so schwieriger wird sie durchführbar sein, am leichtesten noch in der Provinz Posen. Hierbei wollen wir dann noch bedenken, daß Wirtschaftskämpfe nicht in Glacehandschuhen ausgefochten werden. Darum wird sich die Frage, hierbleiben oder auswandern immer dringender für uns, die Schwächeren, erheben. Die kulturhistorische Gerechtigkeit aber wird es verlangen, festzustellen, daß wir gerade diesen ganzen Entwicklungsvorgang nur von dem Gesichtspunkt der polnischen Nationalwirtschaftslehre beurteilen. Brocken, Bettelsuppen, die hie und da einmal den Beschwerde führenden juden hingeworfen werden, können unsern Kohl nicht fett machen und tragen,