Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 8 (9.1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 85 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 85 Nr. 8 Mitteilungs^BIatt des Jüdischen Volksrats Wer Gelegenheit hat, beobachte nur die Kinder eines grossen simultanen Schulwesens in den Pausen auf dem Schulhofe. Er wird bald herausfinden, dass die jüdischen Kinder an irgend einer Stelle zusammenstehen oder sich zu einem gemeinsamen Spiele zusammengefunden haben. Das ist eine unleugbare Tatsache, die jeder bestätigen muss, der daraufhin Beobachtungen angestellt hat — und das gibt viel zu denken. Wenn nicht gerechte und energische Lehrer an einem simultanen Schulsystem wirken, dann kann die Schule für das jüdische Kind geradezu zu einem Martyrium werden. Wie ganz anders, frei und ungebunden fühlt sich das Kind in der jüdischen Schule im Umgänge mit den Mitschülern. Der Unterschied zwischen arm und reich, vornehm und gering verschwindet, und nur mit einem gewissen Stolze steht das fleissige und gesittete dem faulen und ungeartetem Kinde gegenüber. Frei und offen erzählt es seinem Lehrer all seine kleinen Leiden nnd Freuden, seine Erlebnisse und Beobachtungen und wird des Fragens nicht müde. Des Kindes Geist entfaltet sich hier frei wie eine Blume, die nicht durch den Bauhreif antisemitischer Sticheleien in seiner schönen Entwickelung gestört wird. Das alles sind Momente, die für die Charakterentwickelung des Kindes von grosser Bedeutung sind. Die jüdische Volksschule ist aber nur als Unterbau gedacht für ein Schulsystem, dessen Aufbau in nächster Zeit in Angriff genommen werden soll. Die Einheitsschule ist nicht mehr eine reine Idee, vielmehr ein Problem, das seiner Lösung entgegen geht. Auch der polnische Staat will die Schulfrage im Sinne der Einheitsschule lösen, um so den Aufstieg der Begabten zu ermöglichen. Durch die Trennung der Nationalitäten hat sich in den Volksschulen die Scheidung nach Konfessionen vollzogen. Nun ist auch in den höheren Sehulen die Trennung nach Nationalitäten erfolgt, und es zeigen sich auf diesem Gebiete für uns Juden Schwierigkeiten, die zur Selbsthilfe herausfordern. In den kleinen und mittleren Städten sind die höheren Schulen fast durchgängig polnisch geworden. Um nun die deutschen Kinder zu versorgen, hat man entweder neue deutsche Privatschulen gegründet, bezw. an den früheren Schulen deutsche Klassen angegliedert. . Das sind natürlich nur Notschulen, deren Fortbestand von vornherein durch die dauernde Abwanderung der deutschen Bevölkerung in Frage gestellt ist; und ausserdem ist ihre Leistungsfähigkeii durch den. Mangel an deutschen Lehrkräften sehr beeinträchtigt. Mit banger Sorge um die Bildungsmöglichkeit seiner Kinder sieht heute schon manch jüdischer Vater in die Zukunft. Aehnlich liegen die Verhältnisse hier in Posen. Nur ein deutsches .Gymnasium ist hier verblieben, und nur an zwei polnischen Gymnasien sind noch deutsche Klassen an gegliedert. Während die polnische Schülerzahl von Tag zu Tag wächst, schrumpfen die deutschen Klassen immer mehr und mehr zusammen. Diese schwindsüchtigen Klassen müssen von der polnischen Behörde schon als eine Last empfunden werden, weil wegen des herrschenden Raummangels durch sie die Errichtung neuer polnischer Klassen erschwert wird. So ist hier in den letzten Tagen eine Klasse gebildet worden, in der fast nur jüdische Schüler untergebracht sind, mit der Begründung, dass auf diese Weise infolge des Sabbaths und der Festtage der Unterrichtsbetrieb am wenigstens gestört wird. Ein Lehrer soll dabei nach altpreussischer Weise in recht derben Worte seinem Unmute darüber .Ausdruck gegeben habe, dass gerade er die »Judenklasse« unterrichten müsse. Das sind Zeichen der Zeit. Bald werden die deutschen Klassen aus diesen Anstalten verschwinden, und dann gibt es für deutsche Schüler kein Reform- oder Realgymnasium mehr in Posen. Trotzdem findet man für die kommende Schulnot kein Interesse. Man treibt einfach hier Vogel-Strauss-Politik, steckt den Kopf in den Sand, kümmert sich nicht um die Vorgänge, um sich glauben zu machen, dass alles in schönster Ordnung sei. Wir Juden waren immer im Gegensatz zu anderen religiösen Parteien in Schulfragen indifferent gewesen. »Nach mir die Sintflut«, sagen diejenigen, die ihre Kinder vorläufig noch unterrichtet versorgt wissen oder im Begriffe stehen abzuwandern, und für diejenigen, die keine schulpflichtigen Kinder haben, gibt es - keine Schulnot. Ihnen ist die Frage Hekuba. Es ist eben unbequem, sich um Dinge zu kümmern, die nicht persönlich im Bereich des Einzelnen liegen und eine Frage zu löseu, die noch nicht an den Nägeln brennt. Die Schulnot ist auf dem Wege. Mit harter Faust pocht sie schon an der Tür vieler jüdischer Eltern. Aber man will nicht darauf hören. Es gibt leider immer noch eine grosse Zahl von Juden, die unter allen Umständen ein gesundes, jüdisches Schulwesen ablehnen. Man greift zu den einfältigsten. Mittelchen, um der Not abzuhelfen. Privatunterricht und Privatschulen sind die Pflästerchen, die man auf die, eiternde Wunde klebt und will sich nur andere damit glauben machen, dass die Zeit schon Heilung schaffen wird. »Chederschule«, Getthoschule« sind die abgeschmackten Schlagworte im Kampfe gegen die Errichtung eines jüdischen Schulwesens und möchte damit den Beweis für seine Minderwertigkeit erbracht haben, Man sollte doch endlich erkennen, dass wir in einem Lande leben, in dem alle kulturellen Bestrebungen auf nationaler und religiöser Grundlage basieren. ■ Der Minoritätenvertrag wird uns das Recht geben, unsere kulturellen Einrichtungen selbst zu verwalten, eigene Unterrichtsanstalten zu gründen und sie in unserem Sinne auszugestalten. Die Judenschaft der Stadt und Provinz Posen könnte ein Schulsystem schaffen, dass keinem west- und mitteleuropäischen nachzustehen brauchte, eine Bildungsstätte gründen, in der unsere Jugend ausgestattet werden könnte mit dem erforderlichen allgemeinen nur mit dem uns Juden notwendigen religiösem Wissen. Möchte doch die Not zur Tugend werden! D. Brzezinski. Die Lage der Juden in Litauen. Der Sturm des Weltkrieges hat das grosse russische Reich in Stücke zerschlagen, und an seine Stelle sind eine Anzalil selbständige Staaten getreten. Damit hat auch die auf der Lebens- und Leidensgemeinschaft beruhende Einheit der russischen Juden ihr Ende erreicht und der Wille der Successiv-Staaten ist von massgebendem Einfluss auf die Lage, der in ihren Grenzen wohnenden Juden geworden. Zu den Völkern, die der Zusammenbruch Russlands hat selbständig werden lassen, gehört auch das litauische. Zwar ist Litauen bisher erst von Deutschland als selbst-