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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-09-01 · 8 (9.1919) · p. Seite 81

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
8 (9.1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 81 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8 Mitteilungsbatt des Jüdischen Volksrats Seite 81 unterscheiden sich die Misrachisten bloss dadurch, dass sie dem ganzen Parteiprogramm eine religiöse Färbung geben, und dass sie als Orthodoxe, d. li. Konservative eine stark ausgesprochene Neigung zeigen, in der Landespolitik die mehr konservativen Massnahmen zu unterstützen und in der nationalen Politik nicht radikal hervorzutreten, sondern alles allmählich, weniger durch den Kampf, mehr durch das alte jüdische »Stadlonus« ,zu erreichen. Die Zeirei-Zionisten bilden eine erst in der letzten Zeit entstandene zionistische Fraktion, die sich aus den radikaldemokratischen Elementen der zionistischen Partei gebildet hat und schon in 2 Teile zerfällt. Der rechte Teil bleibt als radikal-demokratische Opposition in der zionistischen Partei, der linke aber tritt mehr selbständig als eine volkssozialistische Gruppe hervor. Der Sozialismus dieser Gruppe ist bisher noch sehr unklar und trübe, ein wenig von den russischen Sozial-Revolutionären, ein wenig von den russischen Volks-Sozialisten kopiert, er soll der ganzen »arbeitenden Masse« und nicht blos den Arbeitern dienen, aber der russische Volkssozialismus will sich hauptsächlich auf das Bauerntum stützen und bei uns ist er bodenlos. Gleich nach den Zionisten kommen, dem Zahlenverhältnis entsprechend, die Orthodoxen, die sich früher »Agudath Haorthodoxim« nannten und jetzt »Agudath Schlome Emunah Israel« heissen. Das ist nicht die religiöse, sondern die politisierende Orthodoxie, die zu einem überwiegenden Teil aus den Chassidin besteht. Organisiert haben sie sich unter dem Einfluss der deutschen »Agudath Jisroel«' und unter Führung von 2 deutschen-Räbbinern, Dr. Cohn und Dr. Karlebach zur Zeit der deutschen Occupation. Der Zweck dieser Organisation war: die jüdischen Massen auf einer anderen Basis als der nationalen zu organisieren, sie von der nationalen Entwicklung fern zu halten und sie allmählich zu germanisieren. Es ist höchst interessant, dass beide Rabbiner in dieser antipolnischen Tätigkeit durch die extremen polnisch-jüdischen Assinblanten aus . Natansons Lager unterstützt wurden, die wieder in der Organisation auf einem religiösen Boden das beste Mittel zur späteren Polonisierung des chassidischen Judentums gesehen haben. Und wirklich, nach dem Fortgehen der Occupanten ist das orthodoxe Judentum stark unter dem Einfluss der polonisierenden Assimilation gefallen, aber doch blos in den taktischen Fragen; was die Gesinnung und die Sympathien betrifft, so haben sich die deutschen Rabbiner, ebenso wie die polnischen Assimilanten sehr getäuscht. Die »Agudath« fängt allmählich an, sich zu nationalisieren und sogar zu zionisieren. Das haben die Sejm wählen und einige Kundgebungen der orthodoxen Abgeordneten im Sejm bewiesen. Weiter gehen unsere »Volkisten«. Die Stimmung zur Bildung einer solchen Partei würde noch früher geschaffen durch die zu geringe Aufmerksamkeit, welche die Zionisten den Gegenwartsfragen widmeten, und die zu stark hebraistische Richtung der Zionisten. Doch in dem Moment, da die Volkspartei entstand, waren diese beiden Fehler im Zionismus bereits überwunden, und die unmittelbare Ursache der Geburt dieser Partei war eher der persönliche Ehrgeiz einer mehr begabten und talentvollen, als politisch-ehrlichen Persönlichkeit, die bei den ersten Stadtrat wählen in Warschau die genügende Befriedigung nicht finden konnte. Zum Wuchs und zur Entwicklung dieser Partei hat die zurückhaltende Stellung der zionistischen Stadtratabgeordneten sehr viel beigetragen, ferner auch die politische Skrupellosigkeit der ersten volkistischen Führer, die ein viel zu weites Spiel mit der Occupationsbehörde zu führen anfingen und eine stark demagogische Politik trieben, welche unsere national-fühlenden Massen aufgereizt hat, ein Umstand, der sich auch jetzt auf Schritt und Tritt rächt, und die Zionisten eine mässige Politik nur schwer führen lässt. Was das Parteiprogramm anbetrifft, so sind die jetzigen Volkisten — die Zionisten ohne Palästina und sogar gegen Palästina und gegen die hebräische Sprache. Mit Ausnahme dieser 2 Punkte gibt es blos einen taktischen Unterschied, nämlich den, dass die Volkisten, welche jetzt auf der allgemein polnischen Arena bereits mässiger und zurückhaltender auftreten als die Zionisten, unter sich, in Mitten der jüdischen Volksmassen, den ärgsten Chauvinismus entwickeln. Ausser den oben genannten Parteien gibt es im polnischen bürgerlichen Judentum noch die Assimilanten. Sie treten unter verschiedenen Firmen hervor: als »unabhängige Juden«, als »Gleichberechtigungspartei«, als »Juden-Polen« usw., das sind aber nur Wahlmandat-Firmen, und der Unterschied besteht in dem stärkeren oder schwächeren Unterstreichen der schon fertigen Assimilierung. Wie aber die letzten Sejmwählen klar bewiesen haben, sind es blos Generäle und Offiziere ohne Armee; in Kongress-Polen sind sie buchstäblich eine »quantite negligeable«, in Galizien aber sind sie zahlreicher, doch mit vollen Aussichten auf das gründliche Aussterben. Wir polnischen Juden haben ausser den kleinbürgerlichen Kleinbürgern, noch — sozusagen — auch ein kleinbürgerliches Proletariat und eine ziemlich grosse Masse von jungen Handwerkergesellen und Handelsangestellten, welche sich noch nicht verheiratet, die Mitgift noch nicht erhalten und sich noch nicht etabliert haben; es gibt auch eine kleine Menge i' verheirateter Handwerkergesellen und Handelsangestellten, welche doch zu arm sind, und zu wenig Unternehmungskraft besitzen, um sich selbständig zu machen, uud die deswegen für das ganze Leben Angestellte bleiben. Um diese Leute gruppiert sich auch die meistens sehr junge radikale Intelligenz, und das alles bildet unsere sozialistische Bewegung. An den allgemeinen sozialistischen Parteien nimmt unsere Volksmasse keinen Anteil, nur sehr wenige sozialistische Intelligenzen sind an ihnen beteiligt. Dafür aber haben wir ganze Z sozialistisch-nationale Parteien. Die stärkste und die konsequenteste Partei ist ohne Zweifel der »Bund«. Das ist eine sozialdemokratische Partei, welche unter dem Druck des praktischen Lebens und der nationalen Bestrebungen der jüdischen Volksmasse, auch der Konkurrenz mit Zionisten zu Liebe, eine ziemlich breite, kulturellnationale Autonomie für die Juden fordert. In ihrer jüdischen Betätigung ist sie sehr zurückhaltend und führt manchmal eine direkt assimilierende Taktik, doch muss sie unbedingt den nationalen Parteien des Judentums zugerechnet werden, weil die assimilierenden Momente nicht zu dem richtigen Programm, sondern zu den taktischen Fehlern der Partei gehören. Früher war diese Partei sehr gut organisiert, unter dem Einfluss des Bolschewismus fing die Parteidisziplin jedoch zu leiden an. In Galizien heisst der Bund »Jüdisch-sozialistische Partei«. Fast ebenso zahlreich wie der Bund sind jetzt auch die Poale-Zionisten. Beim Entstehen war das eine sozialdemokratisch-zionistische Gruppe. Allmählich aber, besonders durch die Tendenz mit dem »Bund« zu konkurrieren, sind die Poale-Zionisten zu einem Bund geworden, bloss mit der Zugabe des Wortes »Zion«. Ich sage, »des Wortes«, weil ausser dem Worte in dem tatsächlichen Programm der Partei und noch mehr in ihrer praktischen Arbeit fast nichts zionistisches mehr geblieben ist. Das heisst aber nicht, dass

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