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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-09-01 · 8 (9.1919) · p. Seite 80

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
8 (9.1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 80 (sequence 6)
Language
German
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Seite 80 Mitteilungs~Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 8 schaftliche Lage der Posener Juden, insbesondere über den überall sich zeigenden Boykott der jüdischen Kaufleute usw. durch die polnischen Behörden und die polnische Bevölkerung. Herr Morgenthau hörte den Ausführungen sehr interessiert zu und erwiderte mit einer längeren Rede, in der er unter anderem sagte, es sei für ihn sehr interessant und für die Beurteilung der Lage der Juden in Polen sehr wesentlich gewesen, nunmehr auch die Verhältnisse der Juden in Posen kennen zu lernen. Er ging alsdann auf die gehörten Referate im einzelnen ein und besprach mit den Mitgliedern des Jüdischen Volksrates eingehend die Lage der Juden in Polen überhaupt und in Posen insbesondere. Sowohl Herr Morgenthau als auch Herr Kapitän Ootthard hatten sich eifrig Notizen gemacht und baten auch um Liebersendung des einschlägigen Materials. Um 12 Uhr begab sich Herr Morgenthau in das Gemeindehaus, wo er vom Vorstande und den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde empfangen wurde. Um 1 Uhr verliess Herr Morgenthau Posen, um sich über Kalisch nach Warschau zu begeben. Die jüdischen Parteien in Polen. Wenn man von aussen das jüdische Parteitreiben in Polen und im Osten überhaupt sieht, ist man erstaunt. Für einen Fremden, einen Westeuropäer, auch für einen Westjuden ist die ganze Differenzierung des Lebens der Ostjuden, dieser ganze Reichtum an Parteien, Fraktionen, Schattierungen völlig unbegreiflich. Für den Westjuden ist doch im Grunde genommen das Judentum blos eine Confession, etwas Festes, Versteinertes, eine Art Glauben, welcher sich in allem nach den Buchstaben der Thora richten muss; und wenn man nach dem Buchstaben einer Lehre lebt, wie kann es irgend welche Meinungsverschiedenheiten geben *? Aber für uns polnische Juden ist das Judentum ein lebendiges Volk. Ein Volk, welches fühlt und denkt, welches sich freut und seinen Kummer hat, ein Volk, welches Nerven hat und auf jede Lebenserscheinung reagieren muss, ein verkrüppeltes, ein krankes Volk, aber doch ein Volk. Und da es bei einem lebendigem Volke verschiedene Gruppen und Schichten geben muss, und jede Gruppe und jede Schicht anders auf dieselbe Erscheinung reagiert, so ist es eine unvermeidliche Notwendigkeit, dass die Verschiedenartigkeit dieser Reaktion zu verschiedenen Schattierungen der Lebensanschauung führen muss, was einen Zerfall in verschiedene Parteien zur Folge hat. Dazu kommen noch die spezifischen Eigenschaften unseres Volkes, die Neigung zum Grübeln, zum Philosophieren, diö Neigung zur scholastischen Behandlung jeder Frage, die Starrsinnigkeit beim Kommentieren jeder Erscheinung und die Gebundenheit an den Buchstaben der Theorie. Dazu kommt auch der übertriebene Individualismus des Juden, welcher jedes Kompromis erschwert, welcher auch im praktischen, sozial-wirtschaftlichen Leben den Juden zu einer selbstständigen Tätigkeit zwingt und ebenso jeden jüdischen Politiker eine eigene Partei gründen lässt, blos weil er einige Parteigenossen findet, welche dieselbe Meinungsschattierung in der Partei, zu welcher sie alle bisher gehörten, repräsentieren. Es ist deswegen leicht zu verstehen, dass die jüdische Bevölkerung sich überall im Osten, also auch in Polen, in verschiedene Parteien teilt. Die stärkste und einflussreichste Partei unter den polnischen Juden sind natürlich die Zionisten. Der Ideenkreis dieser Partei, ihre Geschichte, ihre Entwicklung sind dem westlichen Judentum bekannt, weil die Zionisten die einzige jüdische Partei in Polen sind, welche auch unter dem westlichen Judentum gewissermaßen gedeiht. Der Unterschied zwischen unseren Zionisten und den Zionisten von Westeuropa besteht nur in der Gegenwartspolitik, Da wir 'hier an Ort und Stelle nicht bloss eine äußerlich assimilierte jüdische Intelligenz haben, eine wohlhabende Kaufmannschaft und reiche Industrielle,- sondern eine viele Millionen zählende jüdische Volksmasse mit eigener Sprache, eigener äußerlichen Kultur, die meistens aus armen Handwerkern und Krämern besteht, so muss sich die zionistische Gegenwartspolitik allen Eigenarten des östlichen Judentums anpassen. Die Zionisten in Polen unterstreichen deswegen stark die Forderung einer nationalen Autonomie, mit eigenen Schulen, mit eigener Unterrichtssprache, die notwendigerweise meistens in den ersten Jahren der Schulbildung die jiddische sein muss, sie betonen auch, dass in beiden Sprachen, d. h. der jiddischen und hebräischen, gewisse öffentliche Rechte garantiert werden müssen, auch in Beziehungen mit, der Landesregierung und ihren Organen; sie unterstützen eine wirtschaftliche Landespolitik, welche die Interessen der sozialen Schichten beachtet, aus denen das jüdische Volk im Osten hauptsächlich besteht. Die Zionisten in Polen streben auch an, durch die Uebernahme der Gemeinden und durch Verbreiterung ihres Tätigkeitskreises die Möglichkeit zu erlangen, das jüdische wirtschaftliche Leben in ihre Hände zu bekommen und es unter Berücksichtigung der eigenartigen Zusammenstellung des jüdischen wirtschaftlichen Wesens zu organisieren. Die Zionisten in Polen sind zwar die einflussreichste und zahlreichste Partei unter den Juden, was aber ihre Organisation anbetrifft, so ist sie an und für sich schwach, lose, nicht stark zusammengefasst. Der Einfluss der Zionisten beruht nicht in der Kraft der Organisation sondern in der allgemein zionistischen Sympathie, die stark unter der jüdischen Masse entwickelt ist, in dem Vertrauen,- welches das ganze unorganisierte Judentum in Polen zu den Zionisten hat. Die Zionisten in Polen zerfallen in einige Fraktionen. Ausser den sogenannten »Stamm-Zionisten«, d. li. allgemeinen Zionisten gibt es noch Misrachisten und Zeirei-Zionisten. Die Misrachisten bilden eine orthodox-zionistische Gruppe, die auch in Westeuropa bekannt ist und sich von den westeuropäischen Misrachisten nur in demselben Punkte unterscheidet, in welchem sich die gewöhnlichen Zionisten von den westlichen Zionisten unterscheiden. Von den Zionisten

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