Mannheim
Compact Memory

Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-09-01 · 8 (9.1919) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
8 (9.1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 79 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9569929-9582844-9582782--083-9582787
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 79 Entwurzelt steht die Menschheit da in einer feindseligen Welt. Sie setzt das bunte Getriebe des Welt- « geschehen^ sie setzt das wechselvolle Farbenspiel in der Natur als Gottheit über sich und merkt garnicht das Fatum über beiden, das bändigt und versklavt. Und merkt nicht, daß sie selbst — die Weltvergötterer, Naturanbeter nur Sklaven einer Sklavin sind. Es stehen Menschen wurzelloser noch in dieser feindseligen Welt. Sie suchen in „der Hingabe an den Grund ihres eigenen Wesens“, durch Selbstvergötterung die Welt zu meistern Sie wähnen sich in vollster Freiheit, wenn sie sich selbst zum Mittelpunkt des Seins erheben Und glauben, wenn sie alle Zweiheit, allen Widerspruch in sich mehr oder minder folgerichtig ausgeglichen, daß sie der Welt die Einheit „Gottes“ schenkten — und merkten nicht, daß ihrer kleinlichen Gedanken Spiel der großen Welt, dem sinndurchwobenen Leben ach so fern, so unnahbar entrückt; daß Welt doch Welt, und Gott doch Gott geblieben! Was Wunder dann, wenn solche Menschheit nicht den Mut besitzt, wo sie mit Schuld und Sünde sich befleckt, es frei und unumwunden zu gestehen, daß sie nur menschlich, schwach und sündhaft ist. Was Wunder, wenn sie rein und unfehlbar sich dünkt, und um so lauter, um so aufdringlicher ist* es beteuert und beschwört, je mehr die innere Stimme des Gewißens der frechen Selbsteingebung Hohn spricht und sie Lügen straft. Und um die lästere innere Stimme im Rausche zu ertränken, schlägt man die Welt des Seins in Trümmern und baut sich eine neue auf, in der man Engel ist mit seinen Fehlern. Indeßen steht ein Volk in bleichen Linnenkleide und betet und bekennt und büßt die eigenen und der Völker und der Menschheit heimlichste Gebrechen. Und betet: „Des Menschen Urgrund und sein Ziel ist Staub. Gleich wie zerbrochene Scherben, dürres Glas, verwelkte Blume, flüchtiger Schatten, entschwindender Nebel und verwehter Hauch — wie Traum verfliegt er “ Und bekennt: „Was sind wir? Was das Leben? Sind nicht die Helden all wie nichts vor dir, Männer des Ruhms als wären sie nie gewesen, die Weisen wie erkenntnislos und die Verständigen wie ohne Ginsicht! Denn was sie tun, ist eitel Nichts, und ihre Lebenstage wie ein Hauch vor dir, des Menschen Vorzug vor dem Tiere — Wahn, alles vergänglich!“ 6s steht ein Volk im Leichengewande und betet und bekennt des Menschen und der Menschheit ganze Ohnmacht — und es ist stark und jüdisch. Wo Eltern sonst die Tränen ihrer Kinder sehen, hier sehen Kinder ihre Eltern weinen und wißen nicht warum — sie ahnen nur. Und dieses Ahnen ist der „Furchtbaren Tage“ tiefster Sinn: ln diesem stummen Amen unserer Kinder liegt das Mysterium des Judewerdens. . . Alfred FREIMANN. Morgenthau in Posen. Am Sonnabend, den 6. September, traf der amerikanische Botschafter Morgenthau in Begleitung des Kapitäns Gotthard und eines zweiten amerikanischen Offiziers, von Warschau kommend in Posen ein. Er Hess seine Ankunft sofort dem Jüdischen Volksrat mitteilen und wurde daraufhin im Hotel de France, wo er abgestiegen war, von einer Abordnung des Jüdischen Volksrats mit den Herren Dr. Kollenscher und Alfred Markus an der Spitze begrüsst. Am Nachmittag besichtigte er in Begleitung von Herrn Dr. Kollenscher eine Anzahl der Posener jüdischen Wohltätigkeitsanstalten. Am Sonntag früh stattete Herr Morgenthau zunächst den polnischen Regierungsstellen seinen Besuch ab, konnte jedoch den Herrn Minister Seyda nicht sprechen, da dieser zurzeit in Warschau weilt. Um 10 Uhr vormittags begab sich Herr Morgenthau in den Jüdischen Volksrat und wurde von dem * Erweiterten Ausschuss“ empfangen. Namens der Judenschaft von Stadt und Provinz Posen begrüsste Herr Dr. Kollenscher Herrn Morgenthau als den Vertreter der Vereinigten Staaten von Nordamerika und des Präsidenten Wilson. Herr Dr. Kollenscher hob hervor, dass, als noch das Völkermorden wütete, der Präsident Wilson die edlen Worte von dem Kampf für das Recht und gegen die Gewalt, vom Schutz der Schwachen, von der Selbstbestimmung der Staaten und Völker und vom Schutze der Minderheiten gesprochen habe. Diese hohen Gedanken haben gerade bei den Juden, die mehr als alle Völker unter dem Kriege gelitten haben, tiefes Verständnis gefunden. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass das Wirken von Herrn Morgenthau auch den Juden Polens das bringen werde, was sie sehnsüchtig verlangen: Recht und Gerechtigkeit. Hierauf wurde Herr Morgenthau von Herrn Moritz Krause im Namen der Zionistischen Organisation und von Herrn Alfred Markus im Namen der konservativen Gruppe des Jüdischen Volksrates begrüsst. Es folgte nunmehr ein eingehendes Referat von Herrn Dr. Kollenscher über die Entwicklung der politischen Lage der Juden Posens seit der Uebernahme der Herrschaft durch die Polen. Im Anschluss daran referierte Herr Benno Becher über die jetzige wirt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.