Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 8 (9.1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 78 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 8 diesem Tag errichtet — es kömmt der Kläger, fordert Recht gemäß den Taten aller Weltbewohner. »Über die Menschheit auszusagen, kommen Zeugen, die »Augen Gottes«, die umherschwirren in aller Welt, unzählbar. Weh denen, die sie nicht beachten! Bei ihnen stehen sie, jene königlichen Zeugen und legen droben Zeugnis ab. Und alles steht auf einer Tafel eingezeichnet vor dem König. »ln des Herrn Palaste ist eine Halle von bleicher Flamme voll, gleich wie ein Ball, aus welchem Blitze zucken, ohne die Erde je zu streifen. Inmitten dieser Halle gibt es eine zweite, erfüllt von dunkelroter Lohe. Zwei Schreiber stehen beständig vor dem König. »Zur Stunde des Gerichts nehmen die Schreiber von der hellen Flamme eine Scheibe und schreiben darauf mit dunklem Feuer. Ein Herold ruft: Der Mensch hat Schuld auf sich geladen. Kann jemand für ihn einstehen? Und findet sich keiner, dann wird er dem Kläger ausgeliefert. »Am Rausch ha Schonoh ward der Mensch erschaffen. Am Rausch ha Schonoh steht er vor Gericht vor seinem Herrn. Und tut er Buße, nimmt der Herr ihn auf und spricht zu ihm: »Sei Deinen Kindern Vorbild, den kommenden Geschlechtern, so am heutigen Tage vor Gerichte stehen. Denn wenn sie in sich gehen, nehme ich sie auf, erhebe mich von meinem Richterthron, besteige den Thron der Liebe und begnadige sie . . . Also der Sohar. Das Gottesvolk und seine Besten, seine Seher und Propheten kämpften, stritten, rangen mit dem ganzen Aufwand ihrer zündenden Beredsamkeit, der Inbrunst ihres heiligen Pathos, die Sünde aber siegte. »Um unserer Sünden willen, sind wir verbannt aus unserem Lande, entfernt von unserer Heimat- Erde ... Und unser Volk nahm seinen Leidensweg, von dem es dumpf aus jedem Blatte unseres Festgebetes uns entgegenhallt: Von der Geschichte eines Volkes, das seit Jahrhunderten nur Amboß, niemals Hammer war am Weltgeschehen. Von einem Volke, das ohne jemandem ein Leid zu tun, von anderen leiden mußte, was kein Volk gelitten. Von einem Volk, von dessen Blut schon jede Erde trank, und jedes Wasser ward gefärbt zu Rot. Das einzigste und heiligste des Volkesbesitzes, den Glauben wollte man dem Volke nehmen, und als man Juden unter Todesdrohung zwang, den Glauben ihrer Väter abzuschwören und unter Folterqualen einem fremden Gotte Treue zu geloben, den man im Urgrund seiner Wesenheit als Götzen, als Idol empfand, in solchen Jahren kam das Volk in Katakomben heimlich, in verborgenen Höhlen am Versöhnungstage einst zusammen und sprach gebrochenen Herzens Worte, welche die schöpferische Volksseele in erschütternde Melodie gehüllt: »Kol Nidre« . . Wie aus unheimlicher Grabestiefe haucht schauervoll die Stimme eines Sterbenden, die Stimme Rabbi Amnons, den man mit Folterzangen die Zunge, die den Gott der Väter nicht verleugnen wollte, die Füße, die sich weigerten zum Taufbecken zu gehen, vom lebendigen Leib gelöst, weil er die Zweiheit und den Widerspruch des staubgeborenen Menschen nicht in die Gottheit setzen wollte. Und Rabbi Amnons Stimme lallt: »Un7 sane Taukef . . . Die Weltposaune wird gerührt und eines leisen Flüstern Halls vernommen, die Engeln zittern, Angst und Schrecken faßt sie und sie sprechen: Siehe, es ist der Tag des Gerichts! Auch sie sind nicht rein vor deinem Richterthrone . . . «. Und durch den wehmutsvollen Widerhall des großen Weltenschofars, durch den aufschreckenden Schofarschall, der einsam durch die stillen Reihen von Ewigkeit durchschauerter Beter dröhnt, weht wundersame Soharmystik: »Wird Schofarschall erregt und tun die Erdensöhne Buße, dann steigt die Stimme himmelwärts und es wird angestimmt ein anderer Schofarschall dort oben, der weckt die Gnade und es weicht das Recht. Und liebt auch Gott das Recht, so siegt die Liebe doch zu seinen Kindern über die Liebe zur Gerechtigkeit«. »Durch Schofartöne erlangt das Gottesvolk gar mächtigen Einfluß droben: »Der erste Schall geht aus und steigt empor die Himmelssphären, zerreißt die Truggebilde und gelangt zu jenem Unbedingten, der Gott zuerst erkannte, umhüllt mit einem Kranz sein Haupt und Abraham erwacht. »Indessen steigt empor der zweite Schall, gegewaltiger abgebrochen durch Gewalt, so steigt er auf und alle Strafgerichte, so erregt sind, werden zertrümmert, bis er an des leidenden Menschen, an des Opfers Stätte kommt — Isaak erwacht, es biegt sich und bricht die strenge Gewalt«. „Der dritte Schall geht aus und steigt empor und spaltet alle oberen Welten und erregt die Gnade Die Schofarstimme gelangt zu Häupter» der sieggekrönten Gottesstreiters — Jacob erwacht und die drei Schofartöne fließen ineinander über und werden eins. Des Klägers wohlgesetzte Rede wird durch die Harmonie des irdischen und des höchsten Schofarschalles jäh verwirrt und er verstummt." „Wenn Israel die Schofartöne richtig ordnet, dann ruft das Horn hinieden den höchsten Schofarschall hervor. Und in dem Dröhnen tönt die Schofarstimme den Gotteskämpfer Israels, daß All belebt sich. Freude regt sich im All, der Herr erbarmt sich der Welt." „Selig seid ihr, Israel» daß ihr emporsteigt und umzustimmen wißt den Herrn vom strengen Recht zur Liebe, um alle Welten so durch eigene Kraft zu formen!" „Israel ist in seiner Kraft vollauf bewußt, verherrlicht dankend den, der uns nicht sein ließ wie die anderen Völker, der uns nicht gleichgestellt den Stämmen dieser Erde, der unser Teil nicht gleich gemacht den ihren und unser Los nicht dem der großen Menge." * * *