Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 7 (8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 75 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7 Mitteilungs^Bldtt des Jüdischen Volksrats Seite 75 bekannt, dass infolge dieses närrischen »Bilbuls« ganze Gemeinden um gekommen sind. Es ist die neue Zeit gekommen und der religiöse Fanatismus ist, wenn auch nicht verschwunden, so doch abgeschwächt worden, ebenso auch verschiedene Aberglauben. Da hat man sich der neuen Zeit anpassen und neue »Bilbulim« suchen müssen. Der Ritualmord ist ein zu fetter Bissen gewesen, als dass man sich von ihm hätte lossagen können; hat doch damit das zaristische Russland geendet, mit der Beilis-Affaire, und ist doch in diesem AVinter eine Ritualmordprobe ln Galizien vorgekommen. Aber die Beschuldigung, dass die Juden Hostien kaufen und Brunnen vergiften, ist doch zu veraltet für einen modernen Menschen. Es entstehen also neue »Bilbulim« : Die Juden vergiften keine Brunnen, aber sie vergiften die öffentliche Meinung, indem sie die Presse und die Börse in ihren Besitz genommen haben und eine geheime internationale Verschwörung bilden, um die "Welt zu beherrschen. Zu diesem Zweck gründen sie internationale Organisationen, wie z. B. die »Alliance«. Ja, sie lassen sich sogar taufen, um besser in die christliche Gesellschaft einzudringen und sie zu vernichten. Sie sind Revolutionäre und Anarchisten und wollen alles zerstören, aber gleichzeitig sind sie Kapitalisten und Börsianer, für die doch Revolution und Anarchie den Tod bedeutet. Sie sind Feinde jeder Religion, sie sind Atheisten und stecken damit die Gesellschaft an, aber gleichzeitig sind sie fanatisch und abergläubisch. Logik und Konsequenz haben, wie gesagt, nicht zu den Eigenschaften der Judenfeinde gehört; denkt doch vielleicht noch mancher an den berühmten Ahlwardt-Prozess in Berlin im Jahre 18tz2 mit seiner Broschüre »Judenflinten«. In dieser Broschüre hat er behauptet, dass in der Gewehrfabrik in Spandau der Firma Ludwig Loewe, unter deren Eigentümern sich auch Christen befanden, auf Befehl der pariser »Alliance« schlechte Gewehre hergestellt wurden, damit Deutschland in einem Kriegsfälle mit Frankreich verlieren soll. Und die französischen Antisimiten wieder haben behauptet, dass die »Alliance« nur zu dem Zwecke gegründet worden sei, um Frankreich in Deutschlands Hände zu spielen und dergl. mehr. Es ist der Weltkrieg gekommen und auch da haben sich die »Bilbulim« der Lage angepasst. Die Juden seien Spione, sie seien Deutschfreunde und spionieren für sie gegen die Russen; sie haben unterirdische Telephonanlagen und verstehen es, die Deutschen über jede Bewegung der russischen Armeen zu unterrichten. Chaskel Kleinhändler oder Jankel Schneider sind mit einem Male geübte Techniker geworden und können unterirdische Telephonanlagen hersteilen; oder sie sind grosse »Strategen geworden und können die Bewegungen einer Armee beurteilen. Ist doch noch bekannt jener berühmte Artikel in der »Dwa Grosze« : »Pikety zydowskie«, in welchem behauptet wurde, dass Juden am Wiener Bahnhof in Warschau stehen und die ankommenden russischen Soldaten zu verbrecherischen Zwecken ausforschen, oder wie man die russischen Soldaten angewiesen hat, keine Zigaretten von Juden anzunehmen, da sie vergiftet seien — eine neue Auflage der Vergiftung durch Juden: Früher vergifteten sie die Brunnen, dann die öffentliche Meinung und jetzt die Zigaretten. Als dann die Russen das Land verliessen und die Deutschen hineinkamen — wurden die Juden plötzlich grosse Russenfreunde und Deutschenhasser. Kommt der Umsturz in Russland und der Bolschewismus — indentifiziert man die Juden mit den Bolschewisten und sie werden wieder grosse Deutschenfreunde. Ja, sie verabreden sich sogar mit diesen, um Gerüchte wegen Progromen in Polen zu verbreiten, die doch niemals vorgekommen sind, weil Polen frei von Progromen ist. Höchstens gibt es »Exzesse« und das auch nur, weil die Juden sie haben wollen, um Polen zu kompromittieren. Wie bekannt, machen doch die Juden Progrome auf sich selber, sie wollen selbst untergehen, um nur den Völkern, in deren Mitte sie leben, zu schaden. So hat Kruschewan, er ruhe in Frieden, gesagt, und so sagen es auch seine geistigen Erben.. Die Juden seien ein Volk,'das »Gutes mit Schlechtem vergelte« und feindlich gesinnt allen Völkern, die es freundlich aufgenommen haben; sie stören auch den Aufbau des neuen Polens und verbreiten allerlei Verleumdungen. Aber die Geschichte lehrt etwas anderes; Wir wissen, dass die Juden sehr dankbar sind für jede Wohltat, die man ihnen erweist und mit der grössten Vereliruug die Namen der Gerechten unter den Völkern der Welt erwähnen, die sie geschützt haben gegen »Bilbulim« und Ränke, gegen Ungerechtigkeiten, Lügen und Schlechtigkeiten, wie z. B. den Abbe Gregoire aus Frankreich, der zur Zeit der französischen Revolution für die jüdische Gleichberechtigung gekämpft hat; den Professor Delitzsch in Deutschland, der gegen Rohling aufgetreten ist; Professor Solowief in Russland, Adam Mickiewicz, Elisa Orzeszko in Polen usw. Wir haben die Verleumdungen unserer Feinde betrachtet, von Pharao und Haman bis auf den heutigen Tag und wir haben gesehen, dass die Methode stets dieselbe ist: Die »Bilbulim« der Situation anzupassen und die öffentliche Meinung gegen die Juden aufzureizen. Auch der Zweck ist stets derselbe geblieben: »Zu vertilgen, zu morden und zu vernichten« und hauptsächlich »zu rauben und zu plündern«. Aber so wie die bisherigen »Bilbulim« unsere Kraft nicht gebrochen haben, werden auch die neusten »Bilbulim« und Ränke sie nicht brechen. »Siehe, nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels«. Auch wir glauben an die Ankunft einer neuen Zeit, an die Herrschaft von Recht und Gerechtigkeit. Die Verleumdungen werden verschwinden, weil die Menschheit weiss, wie unsinnig sie sind und weil wir sie davon überzeugen werden, dass sie die die Seelen vergiften und vielleicht denen mehr schaden, die sie auf bringen, als denen, die sie betreffen. (Aus dem Jüdischen übertragen von Martin Herzog.) Aus dem jüdischen Leben. Gemeindebeamtenverein in Posen. Kürzlich ist hier nach einem einleitenden Vortrag des Herrn Oberkantors Lilienthal ein Gemeindebeamtenverein begründet worden. In der Gründungsversammlung ist folgende Resolution zur Annahme gelangt: 1. Die Beamten und Angestellten der Synagogen-Gemeinde wollen als vollwertige Gemeindemitglieder angesehen und behandelt werden; demgemäss erwarten sie; - a) dass allen Gemeindebeamten uneingeschränktes Wahlrecht zuteil wird, b) dass zu Beratungen und Verhandlungen über Beamtenfragen fortan ein Vertrauensmann der Beamtenschaft hinzugezogen wird. 2. Die versammelten Beamten und Angestellten der Lynagogen- Gemeinde und der hiesigen jüdischen Kultus- und Wohlfartseinrichtungen erklären eine den wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung tragende Neuordnung der Besoldung ( mit Gültigkeit schon für das laufende Rechnungsjahr, desgleichen eine Ordnung sämtlicher Vertrags Verhältnisse für dringend notwendig.