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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-08-01 · 7 (8.1919) · p. Seite 74

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
7 (8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 74 (sequence 12)
Language
German
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Seite 74 Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats Nr. 7 Die Anpassung von „Bilbulim“. Ein Blick in die jüdische Geschichte von Dr. S. A. Poznanski. (Aus der Zeitung: „Das jüdische Volk“, Nr. 146.) »Bilbulim« auf Juden sind so alt wie das jüdische Volk und vielleicht noch älter. Der erste, der »Bilbulim« benutzt hat, um die Juden bedrücken zu können, ist Pharao gewesen. Er sucht sein Volk zu überzeugen, dass gerade von den Fremden, von den Bnei-Israel, die einstmals sein Vorgänger nach Mizrajim eingeladen hat, eine grosse Gefahr droht. Sie seien 70 Personen stark hingekommen und haben sich inzwischen stark vermehrt und vergrößert, und es sei anzunehmen, dass sie sich im Falle eines Krieges mit dem Feinde vereinigen würden. Es besteht kein Zweifel, dass weder Pharao noch sein Volk an diesen »Bilbul« geglaubt haben, aber er ist sehr bequem gewesen; denn durch ihn hat man das freie jüdische Volk in Sklaven verwandeln und es zwingen können, Pissom und Barnses zu bauen. Der zweite noch typischere »Bilbul« - Macher ist Haman gewesen. Er bringt bereits andere Beschuldigungen: Er bringt den »Bilbul«, dass die Juden ein Volk sind, das im Persischen Reich Separatismus treibt. Dieser »Bilbul« hat eigentlich keine Grundlage in dem grossen Perserreiche gehabt, das aus 127 Provinzen bestand und in dem jedes Volk seine Eigenart bewahrt hat, in dem alle Völker separatistisch gewesen sind und Ahasverus ihre Eigenart soweit geschont hat, dass er zu jeder Provinz und zu jedem Volk in seiner eigenen Sprache geschrieben hat. Haman aber wusste e i n "Wort dem König beizubringen, das ihn dumm machte, das bekannte Wort: das fremde Volk erfüllt nicht die Gesetze des Königs. Haman hat sein Ziel erreicht und von Ahasverus ein Gesetz erwirkt, um das gehasste Volk zu vernichten. Wie man sieht, haben beide Väter aller Judenfeinde es verstanden, ihre »Bilbulim« anzupassen. Und das ist das charakteristische an den »Bilbulim«, dass sie wohl verstehen, sich den Umständen und Zeitströmungen anzupassen. In einer Epoche des religiösen Fanatismus haben die »Bilbulim« fast ausschliesslich einen religiösen Charakter. In Zeiten politischer Kämpfe sind sie politischer Natur: ist der Kosmopolitismus vorherrschend, beschuldigt man die Juden nationaler Engherzigkeit; ist umgekehrt das Nationalgefühl stark, so stellt man die Juden als Kosmopoliten hin usw. Pharao und Haman sind die ersten Judenfeinde oder, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, die ersten Antisemiten gewesen, aber sie haben bloss Gesetze herausgegeben. Es kommt aber die Zeit, in der eine antisemitische Literatur entsteht. Und das ist der Fall in demselben Land, in dem die »Bilbulim« auf Juden angefangen haben, nämlich in Aegypten. Der erste antisemitische Literat ist Manetho gewesen, der in der Zeit des Königs Ptolomäus II. gelebt hat. Er ist der erste, der Verleumdungen über den Auszug (eigentlich der Vertreibung) der Juden aus Aegypten erzählt hat. Sie seien, wie er erzählt, Aussätzige gewesen uhd haben als Anführer einen Priester gehabt, der Osarsif hiess und ihnen neue Gesetze gegeben habe, in welchen er ihnen befahl, keine Götter zu verehren und die heiligen Tiere (d. h. die Tiere, die Aegypter für heilig gehalten haben) nicht zu schlachten. Osarsif habe dann den Namen Moses angenommen. Die Aussätzigen haben mit Hilfe der Hiksos aus Jerusalem den aegyptischen König Amenophis bezwungen. Erst nach 13 Jahren hat Amenophis beschlossen, sie aus Aegypten zu vertreiben. Dasselbe wiederholen andere griechisch-ägyptische Schriftsteller. v Sie alle hat aber jener bekannte Apion übertroffen, ein roher Mensch und gemeiner Charakter, der in der Zeit von Philo, dem Alexandriner, gelebt und durch dessen Auftreten die Juden sehr viele Leiden erduldet haben. Er hat die verschiedensten und lächerlichsten »Bilbulim« gesammelt, die sich auch bei den römischen Schriftstellern, wie z. B. bei Tacitus finden. Auf der einen Seite hat man die Juden der Gottlosigkeit beschuldigt, da sie kein Götzenbild in ihrem Tempel hatten. Andererseits hat man behauptet,' dass ‘ sie einen Eselskopf verehren, da sie während ihrer Wüstenwanderung beinahe vor Durst umgekommen wären und durch wilde Esel auf Wasser quellen aufmerksam gemacht worden seien. Oder: die Juden verehren den Weingott Bacchus, welche Erzählung sicherlich daher rührt, dass vor der Tür des Tempels ein grosser goldener Weinstock stand. Man sieht also, dass die Logik schon bei den alten Antisemiten gefehlt hat. Es hat auch die Beschuldigung gegeben, dass die Juden einen Griechen fangen, ihn im Tempel versteckt halten, ihm gut zu essen geben und ihn dann als Opfer darbringen, seine Eingeweide verzehren und dabei schwören, alle Griechen zu hassen. Besonders gelacht hat man über die Juden wegen folgender drei Eigentümlichkeiten: Weil sie den Sabbath halten, kein Schweinefleisch essen und ihr Gott kein Bild hat. Man hat deswegen das Judentum einen barbarischen Aberglauben genannt. Die »Bilbulim« sind also den damaligen heidnischen Begriffen angepasst gewesen. Die Welt ist christlich geworden und eine neue Reihe von »Bilbulim« hat angefangen. Weil im Mittelalter vor allem religiöser Fanatismus und Aberglauben geherrscht hatten, haben die »Bilbulim« hauptsächlich einen religiösen Charakter gehabt und sich auf verschiedene Aberglauben gestützt. Der. bekannteste »Bilbul« ist der Ritualmerd gewesen, der im 12. und besonders im 1Z. Jahrhundert zuerst auftritt. Wenn man vom Ritualmord spricht, so meint man damit die Beschuldigungen, dass die Juden christliche Kinder ermorden, um ihr Blut zur Herstellung der Mazzoth für Passäch zu gebrauchen. Tatsächlich ist das nicht die einzige Beschuldigung gewesen. Man sagte, dass die Juden das christliche Blut auch noch zu anderen religiösen Zwecken verwenden; z. B. gibt der Rabbiner bei einer Trauungdem Brautpaar christliches Blut gemischt mit einem Ei zu trinken, oder: die Priester beschmieren ihre Hände mit dem Blut, wenn sie »duchnen« gehen, und dergleichen geistreiche Erfindungen. Weiter hat man gesagt, dass das Blut nicht bloss zu religiösen Zwecken, sondern . auch zu verschiedenen Zaubereien und zum Heilen benutzt wird: Die Juden heilen damit verschiedene Krankheiten und Fehler, mit denen sie gewöhnlich zur Welt kommen. Ein schrecklicher »Bilbul«, der Ströme jüdischen Blutes gekostet hat, ist der gewesen, dass Juden Hostien kaufen und sie schänden. Dabei geschähen jedoch Wunder und von den Hostien fliesse Blut und dergleichen. Aber es sind auch, wie gesagt, »Bilbulim« verbreitet worden, die man nur im finsteren Mittelalter hat glauben können. Das Schrecklichste ist gewesen, dass man zur Zeit des schwarzen Todes in Europa im Jahre 1348 gesagt hat, die Plage käme daher, dass die Juden die Brunnen mit einem Gift aus Hostien und christlichen Herzen vergiftet hätten. Es ist

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