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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-08-01 · 7 (8.1919) · p. Seite 73

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
7 (8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 73 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7 Mitteilungsbatt des Jüdischen Volksrats Seite 73 Jüdische Zeitungen. Nicht von den sogenannten Judenblättern wie: Berliner Tageblatt, Frankfurter Zeitung und anderen will ich sprechen. Man nennt diese Zeitungen Judenblätter, da sie von Juden redigiert, und ihre Leser in der Hauptsache Juden sind; dass auch ihr Geist jüdisch sei, behaupten nur die Antisemiten. Seit einigen Monaten sind wir von diesen Zeitungen, die bisher unsere tägliche Nahrung in geistiger Beziehung warep, abgeschnitten und sie fehlen den meisten von uns, nicht so sehr wegen ihrer etwaigen vortrefflichen Eigenschaften als Zeitungen, sondern einfach weil man seit Jahrzehnten an sie gewöhnt war und nun das Altgewohnte nur ungern vermisst. Doch da sie uns infolge der politischen Ereignisse nicht mehr erreichen konnten, liiess es, sich nach einem gleichwertigen Ersatz umzusehen. Einen solchen fanden wir in den Warschauer Jüdischen Tageszeitungen: „Haint“, „Moment“ und „Das jüdische Volk“, die seit einiger Zeit hier im Zeitungshandel zu haben sind. Zunächst machte das Lesen dieser Zeitungen allen denen, die des Jüdischen (Jargon) nicht mächtig sind, gewisse Schwierigkeiten. Aber mit ein wenig Energie und Ausdauer, der Hilfe eines hebräischen Lexikons zur Hebersetzung der zahlreichen hebräischen Ausdrücke und etwas Liebe zur Sache, gelang es doch bald, sich so weit zu üben, dsss man die Zeitungen geläufig lesen und verstehen konnte. Und die hierauf angewandte Mühe hat reichliche Früchte getragen. Mit dem Verständnis der jüdischen Zeitungen ist uns eine neue Welt auf gegangen, deren Kenntnis uns bis dahin verschlossen war. Was wir von den grossen Judenmassen in Kongress-Polen und Galizien, mit denen wir jetzt ja nicht nur national, sondern auch politisch eine Einheit bilden, wussten, war herzlich wenig, und das Wenige betraf nur die Aeusserlichkeiten des Lebens und bot daher kein besonders erfreuliches Bild. Von dem geistigen Leben unserer Brüder im Osten, abgesehen von der Beschäftigung mit der religiösen Literatur, hatten wir keine Kenntnis. Wohl hörte man zuweilen von dem Bestehen einer grossen profanen jüdischen Literatur, verschiedene Werke wie die von Schalom Asch, Perez, Scholem Aleichem, Morris Bosenfeld u. a. waren in meist recht schlechten Hebersetzungen in den nationaljüdischen Kreisen Deutschlands bekannt und verbreitet. Aber das hielt man für die Schöpfungen auserlesener Geister; von dem geistigen Leben der Masse hörte man nichts, und man glaubte daher, es sei auch nicht vorhanden. Hier haben die jüdischen Zeitungen dem, der sehen wollte, die Augen geöffnet. Was enthalten denn nun diese Zeitungen so Besonderes? Der Nachrichtenteil gleicht dem der anderen Zeitungen in Polen und wohl auch sonst in der Welt. Neben den ihnen von der offiziellen Nachrichtenagentur (PAT) zugehenden Telegrammen und sonstigen Nachrichten, bringen sie auch die Veröffentlichungen der verschiedenen jüdischen Pressebüros und ihrer eigenen Korrespondenten über jüdische Angelegenheiten. Auf diese Weise ist man schnell und eingehend über alle jüdischen Ereignisse in der Welt täglich unterrichtet. Einen erheblichen Teil der Zeitungen füllt die Betrachtung der besonderen lokalen und provinziellen Angelegenheiten vom jüdischen und allgemeinen Standpunkte aus. Daneben finden sich dann die Presseübersichten, Parlamentsberichte usw. Was die Zeitungen aber für uns so besonders wertvoll macht, das sind die politischen Artikel und das Feuilleton. Die politischen Artikel, deren Verfasser die bekannten jüdischen Politiker Polens sind, haben die Fülle der Probleme zum Gegenstand, die die politischen Verhältnisse der Juden in Polen und auf der übrigen Welt bieten. Es finden sich zahlreiche Betrachtungen über innere und äussere Politik, Wirtschaftsleben und Sozialpolitik, die sämtlich davon zeugen, dass die Verfasser die behandelten Materien völlig beherrschen. Die Artikel selbst sind von grosser Gründlichkeit und Tiefe, wie man sie nur selten in anderen Zeitungen findet. Dabei sind sie auch im Aufbau streng logisch gegliedert und in der Form und Sprache so edel und geistreich, dass das Lesen dieser Artikel nicht nur unsere Kenntnisse bereichert, sondern auch einen geistigen Genuss bietet. Und schliesslich das Feuilleton. Neben in Fortsetzungen erscheinenden Romanen bringen die Zeitungen fast täglich kleinere Artikel feuilletonistischer Art, die sich recht wesentlich von dem Feuilleton sonstiger europäischer Zeitungen unterscheiden. Es ist geradezu erstaunlich, wieviel Geist und Witz in einem solchen Artikel steckt. Was sie aber so besonders anziehend macht, ist ihr Inhalt. Sie haben dabei meistenteils die kleinlichen Vorkommnisse des täglichen Lebens zum Gegenstand, deren Betrachtung aber dann jedesmal zur erschöpfenden Behandlung irgend eines grossen Lebensproblems dient. Und das geschieht in einer so glänzenden Form und in so echt jüdischer Weise, dass der Leser, der die jüdische Note kennt und versteht, einen wahrhaften Genuss empfindet. Diese Eigenart des Feuilletons lässt es auch nicht zu, dass sie in eine andere Sprache übersetzt werden, weil dann ihr spezifischer Gehalt verloren gehen würde, man muss sie deshalb schon iu der Ursprache, im »Mame-loschen«, lesen. Literarisch noch wertvoller sind dann die hin und wieder erscheinenden Essays, Studien usw. von Schalom Asch und anderen bedeutenden jüdischen Schriftstellern. Es finden sich darunter wahre Perlen dieser Literaturgattungen, die über jedes Lob erhaben sind. So steht alles, was diese Zeitungen aus eigenem bieten, nach Inhalt und Form auf einer ausserordentlichen Höhe. Wenn der Wert der Presse eines Volkes den Massstab bildet für den Kultur wert des betreffenden Volkes überhaupt — und das ist richtig, da die Glieder des Volkes die Presse schaffen und sie anderseits für den Geschmack der Mehrheit zugeschnitten sein muss —, so können wir getrost sagen, dass das jüdische Volk in Polen den anderen Kulturvölkern, die in den letzten fünf Jahren weiter nichts getan haben, als sich mit allen Mitteln der modernen Technik gegenseitig zu bekämpfen und womöglich zu vernichten, auf dem Gebiete der geistigen Kultur iu keiner Weise nachsteht. Das müssen wir uns stets vor Augen halten, wenn wir in nächster Zukunft daran herangehen, mit unseren Brüdern jenseits der ehemaligen deutschen Reichsgrenze in nähere Verbindung zu treten. Wir kennen sie nur wenig und fühlen uns oft in unserer Unkenntnis über ihre Eigenart berufen, ihnen die Kulturbringer zu sein. Gewiss werden sie in den Dingen der äusseren Kultur und der Zivilisation mancherlei von uns lernen können, auf dem Gebiete der geistigen Kultur sind sie uns aber unzweifelhaft nicht unterlegen. Nur auf Grund dieser Erkenntnis wird ein ersprießliches Zusammenwirken und -arbeiten gelingen, und die Möglichkeit, dass wir uns durch Kennenlernen ihrer Eigenart schon jetzt hierauf vorbereiten, bietet die Lektüre der jüdischen Zeitungen. Martin Herzog.

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