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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 56

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 56 (sequence 18)
Language
German
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Seite 56 Nr. 4 5 Mitteilungs-'Blatt des jüdischen Volksrats jüdischen Volksgeist, von seinem Thorageiste Umwandlungen und Ausstrahlungen; so sehen wir seine unerschöpfliche Energie sich in segensreicher Weise betätigen auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens. Um nur einige segensreiche Umsetzungen dieser Thorageistenergie anzudeuten, wollen wir daran denken, wie die Verstandes- und Seelenkräfte so sehr schärfende Beschäftigung mit dem Talmud bei Kindern und Enkelkindern sich in ausserordentlicher Begabung in den Wissenschaften de? Medizin, der Jurisprudenz, der Mathematik, in Begabung für kaufmännische Berufe und anderen zeigt. — Aber wie die Energie des Radiums sich wenn auch ganz langsam erschöpft, wenn seine Ausstrahlungen sich in andersartige Kräfte umsetzen, so wollen wir auch nicht vergessen, dass auch der jüdische Geist und seine Energie sich durch seine Ausstrahlungen erschöpft, wenn er sich nicht immer wieder erneuert und seinen Energie Vorrat immer wieder auffüllt aus dem unerschöpflichen Vorrat, den ihm seine Thora bietet. Wir Juden wollen uns auch stets bewusst sein, dass in den Augen der Völker nicht unsere Kulturarbeit, die wir mit ihnen gemeinsam leisten, ihre Bewunderung erregen muss, da mögen sie mit Recht darauf hinweisen, dass viele Nichtjuden noch besseres geleistet haben, als wir — Aber durch wen ist der Welt die Thora, durch wen dio Lehre von dem einzig-einigen Gott und die Lehre höchster Sittlichkeit übermittelt worden? Noch hev.te :;iit wie vor tausenden von J ähren das Wort im 5. Buch Moses, Kap. 4 Vers 6: „Und ihr sollt sie beobachten und ausführen. Denn sie ist eure Weisheit, sie eure Vernunft in den Augen derVölker, welche, wenn sie hören von all diesen Gesetzen, sprechen werden: „Fürwahr ein weises und vernünftiges Volk ist dieses grosse Volk." Nur so ist der Missionsgedanke des Judentums zu erfassen. Nicht sollen wir als Missionare zu den Völkern gehen und ihnen predigen, dass sie vom Unrecht ablassen und sich zu unseren Anschauungen von Gerechtigkeit und Gottesverehrung bekehren — Gewinnung von Proselyten liegt bekanntlich dem Judentum völlig fern —, sondern wir sollen eine Leben ihnen Vorleben getreu xlen Vorschriften der Thora, das den höchsten Idealen der Sittlichkeit entspricht, und so „der Segen werden für die Welt, dass diese ablässt von der Gewalt, damit die Erlösung komme für die aus tausenden von Wunden glutende Gesamtmenschheit. j (Fortsetzung folgt.) Dr. med. Max Calvary. Schreiben des Jüdischen Volksrats Posen an die Redaktion des „Dziennik Poznanski“ in Posen.*) Posen, den 9. Mai 1919. Sehr geehrter Herr Redakteur! In den Nummern 97 und 103 beschäftigt sich Ihre werte Zeitung mit der Judenfrage. Wir halten es zur Beseitigung von Missverständnissen, die, wenn sie unwidersprochen bleiben, leicht zu Misshelligkeiten führen könnten, für geboten, auf die darin enthaltenen sachlichen Anschauungen — nicht allerdings auf die Verletzungen der guten Formen — kurz einzugehen. Die Vorwürfe eines jüdischen Hakatismus sind gegenüber allen jüdischen Kreisen unbegründet. Die Juden, selbst eine unterdrückte Minderheit, sind stets — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, für die die Gesamtheit nicht zur Verantwortung gezogen werden kann — für gleiches Recht und gleiche Freiheit eingetreten. So haben sie in ihrer Gesamtheit gegen die Einführung des preussischen Enteignungsgesetzes protestiert. Die Aufsätze beschäftigen sich insbesondere mit uns national gerichteten Juden. Das polnische Volk, das eben erst seine politische Selbständigkeit und nationale Freiheit wiedererlangt hat, sollte für die Bestrebungen anderer Nationalitäten besonderes Verständnis zeigen, sollte unsere Bemühungen, unsere nationale Eigenart uns zu erhalten, richtig zu würdigen verstehen. Man sollte in den polnischen Kreisen nicht vergessen, — im Artikel vom 3. Mai ist vorn" Nicht vergessen soviel die Rede — dass der jüdische Nationalismus, gerade auch in unserem Lande stets volles Verständnis für fremden Nationalismus gezeigt hat. Die nationalen Juden in Posen waren es, die zu einer Zeit, als die preussisehe Unterdrückungspolitik am schärfsten wütete, stets für die nationalen Rechte der Polen eingetreten sind. Wir dürfen z. B. auf Nr. 251 des Jahrgangs 1909 Ihrer w. Zeitung verweisen, in der Sie selbst dies in elftem Bericht über eine nationaljüdische Versammlung in Posen hervorhoben. Wir dürfen darauf verweisen, dass gerade der Jüdische Volksrat den übertriebenen Zeitungsnachrichten uns fernstehender Blätter, gegen die Sie sich mit Recht wenden, eütgegengetreten ist. Gerade die nationale Gesinnung der Juden gebietet ihnen Achtung vor den Rechten aller Nationalitäten; die rationalen Juden werden deshalb am meisten Verständnis für eine nationale Politik zeigen. Der jüdische Nationalismus ist übrigens insofern von dem Nationalismus anderer Völker verschieden, als ihm jede Tendenz der Herrschaft vollkommen fernliegt. Nichts liegt den Juden ferner, als in den Ländern, deren Staatsbürgerrechte sie gemessen, ihre Herrschaft auszubreiten und einen Staat im Staate zu bilden. * Nicht staatliche Machtgelüste leiten uns, sondern nur das Bestreben, unsere national-kulturelle Eigenart zu erhalten. Wir wollen die selbständige Regelung unserer eigenen religiösem kulturellen, geistigen, sozialen Angelegenheiten, den durch eine Autonomie gesicherten Schutz einer selbständigen Verwaltung dieser Angelegenheiten. Die allgemeine Gleichberechtigung gewährt uns daneben die Möglichkeit, an der Politik und Wirtschaft des Staates auch den Anteil zu nehmen, den treue Staatsbürger an der Wohlfahrt der Gesamtheit haben, in deren Mitte sie leben. Eine Kollision zwischen unseren nationalen Rechten und den staatsbürgerlichen Pflichten, die wir gern erfüllen, und die wir auch als Rechte ansehen, ist nirgends gegeben. Wir bitten, diese unsere Anschauung zur Kenntnis Ihrer Leser zu bringen. Hochachtungsvoll Der geschäftsführende Ausschuss. *) Vergl. Leitartikel.

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