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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 55

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 55 (sequence 17)
Language
German
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Nr. 4/5 Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats Seite 55 * die Zeit gekommen sein, zu der die Vorbedingung hierzu erfüllt ist: „Sie üben nichts Böses und handeln nicht verderbt auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist die Erde mit Erkenntnis Gottes, wie die Wasser des Meeres Bett bedecken?“ Das furchtbare Erleben der letzten Zeiten zeigt uns, dass Israel noch weit davon entfernt ist, diese seine Mission auf Erden erfüllt zu haben. Welcher ist der Weg, den ihm Gott vorgeschrieben, um ihn zur Erreichung seines hohen Zieles unbeirrt durch die Jahrtausende der Weltgeschichte zu gehen, welches die Schutzengel, die ihm Gott zur Begleitung gegeben, damit sie Israel bei seiner Wanderung durch die feindlichen Mächte schützen? An seiner Wiege rief ihm Gott die Worte zu: „Und sei ein Segen. — Und die dich segnen, werde ich segnen, und die dir fluchen, denen werde ich fluchen. Und durch dich „werden gesegnet werden alle Familien des Erdballs/— „Und sei ein Segen.“ — Wie soll das jüdische Volk sein Leben einrichten, um dieser Forderung gerecht zu werden? In dem Segen, den unser Erzvater Jacob seinen Enkelkindern Ephraim und Manasse gibt, sagt er: „Sie mögen den Fischen ähnlich zur Menge gedeihen mitten auf Erden.“ Hirsch erklärt diesen Segen: „In gesondertem Elemente, still, in vom Menschenauge unerreichter Tiefe lebt die Fischwelt ihr Leben. Gedankenlos geht der Mensch um Ufer hin und ahnet nicht, welch’ fröhliches, frisches, glückliches, ungetrübtes Leben sich da unten ^n reicher Fülle von Geschlecht zu Geschlecht entfaltet. So, in Mitte der Erde, soll das Jakobgeschlecht in seiuem gesonderten Elemente, wohin die umgebende Welt ihm nicht zu folgen, dessen Bedeutung sie nicht zu ahnen vermag, ihr stilles, glücklich eigenes Leben vollbringen, „fischgleich“ „gleichsam im Wasser dpmitten der Menschheit auf Erden.“ — Dieses so gezeichnete jüdische Eigenleben ist es, das wir erstreben müssen, um unserer Mission „ein Segen zu werden“ auf Erden gerecht zu werden, und dies bedeutet die Forderung der „nationalen Autonomie,“ die wir an die Völker stellen. — Der Ausdruck „nationale Autonomie“ ist deshalb nicht glücklich gewählt, und gibt zu dem Missverständnis Veranlassung, dass wir ein Staat im Staate sein wollen, weil der Begriff des jüdischen Nationalismus und des Nationalismus der Völker, wie wir auseinander setzten, keine commensurabeln Werte sind. — Der Jude, der treu seiner historischen Aufgabe, treu seinem jüdischen Nationalismus, treu seiner Volksreligion, treu seinem Religionsvolke, mit seinen jüdischen Volksgenossen das jüdische Eigenleben lebt, gerät niemals mit ‘ dem Grundsätzen des Staates in Kollision, in dessen Mitte er lebt, sondern wird das Wohl desselben, — von Religions wegen, — das heisst mit seinem ganzen Können zu fördern suchen. — Als Israel in’s Exil herauszog, gab ihm der Prophet Jeremias die Weisung mit: „Und fördert das Wohl d$r Stadt, in die ich euch in Verbannung schicke, und betet für sie zu dem Ewigen; denn in ihrem Heile wird euch Heil sein.“ Je treuer der Jude zu seinem jüdischen Volke steht, desto mehr ist er geschützt gegen jene Köpfe und Herzen verwirrende, mit Recht als staatsfeindlich bezeichnet Bestrebungen, die in unsere Tagen an den Grundfesten der Staatengebäude rütteln. Und wenn zu den Führern jener Bewegung leider auch Juden gehören, und als solche besonders auffallen, so kann man sicher sein dass dies Juden wohl nach ihrer Abkunft, aber nicht nach ihrem Willen sind. — Als der bekannte russische Minister Trotzki auf die Folgen seines Treibens für die Juden von Winawer aufmerksam gemacht wurde, fertigte er ihn mit den Worten ab : „Gehen Sie zu Ihren Juden hin und sagen Sie Ihnen, dass ich kein Jude bin und mit Juden nichts zu tun habe“. (Vgl. Israelit, den 24. April T Ql Q.) Und Ihr Völker, die Ihr dem Judentum diese Elemente zur Last legen wollt, klopft an die eigene Brust und fragt Euch, ob nicht Eure Verfolgungen und Unterdrückungen diese Elemente gezüchtet haben, die ehemals jüdisch waren, jetzt aber dem Judentum wesensfremd sind und die heute durch Eure Schuld eine Gefahr für den Staat werden. — Das eben skizierte jüdische Eigenleben trägt als sein Motto den Satz : „Heilig sollt Ihr sein dem Ewigen, Euern Gott, denn heilig bin ich der Ewige, Euer Gott“ und findet sein nationales Zentrum nicht in irgend welchen Machtgelüsten, sondern in dem Erbe der Väter, in der am Sinai empfangenen Lehre, der Thora und ihrem Gesetz. — Sie ist der ewige Jungborn des Volkes. — „Ein Baum des Lebens ist sie für die, die an ihr festhalten.“ — Sie hat das Volk Israel getragen durch die Jahrtausende, ihre Pflege hat trotzdem der Volkskörper gepeinigt und gemartert wurde, die Volksseele gesund und frisch erhalten. — Als die Römer in ihrer Verfolgungswut mit scharfem Blick erkannt hatten, dass nur die Beschäftigung mit der Thora das nationale Leben der Juden trotz der Zerstörung des Tempels, trotz Knechtung des Landes, trotz Hinschlachtung von Millionen erhielt, und die Beschäftigung mit der Thora verboten, wurde der greise Gesetzeslehrer Rabbi Akiba von Schülern gebeten, seine Gesetzesvorträge im Interesse der Erhaltung seines Lebens einzustellen. Rabbi Akiba antwortete ihnen mit einer Fabel. — „Ein Fuchs, welcher die Fische am Ufer unruhig herumschwimmen sah, weil man ihnen mit Netzen nachstellte, riet ihnen, sich auf’s Land zu begeben, um bei ihm sicher zu wohnen. Aber die Fische, den Rat verschmähend, erwiderten: „wenn wir in unserem eigenen Element nicht sicher sind, um wieviel weniger wären wir es, wenn wir uns daraus entfernten.“ Daraus zog Rabbi Akiba die Nutzanwendung: „Unser Lebenselement ist die Lehre, geben wir sie auf, dann haben wir sicherlich noch mehr zu fürchten.“ — Willig erlitt Rabbi Akiba dann den Märtyrertod, als er iu Konsequenz seiner Lehre dem Willen der römischen Machthaber trotzte und seine Lehrvorträge fortsetzte; unter den grausamsten Foltern hauchte er mit dem „Schema Jisroel“ seine reine Seele aus. So ist die Thora unsere Fahne geblieben, um die wir in allen Kämpfen der Jahrtausende uns geschaart haben und mit Recht singt der Dichter von ihr: „Dies ist das himmlische Panier, Um das wir mutig stritten, Und tausend Tode haben wir Um dies Panier gelitten.“ Der jüdische Geist ist durch die Beschäftigung mit der Thora befähigt geworden, auf allen Gebieten menschlicher Kulturarbeit wertvollste Dienste zu leisten. „Tauro im derecli Erez“, „Thora gepaart mit moderner Kultur“, so soll das Losungswort des jüdischen Volkes lauten. Die harmonische Durchdringung beider Arbeitsgebiete befähigt erst den jüdischen Menschen zu seiner Aufgabe, „ein Segen zu sein“. Die Beschäftigung mit der Thora hat durch die Jahrtausende währende Arbeit vieler Generationen in dem jüdischen Geiste Energieen von bewunderungswürdiger Stärke und Mannigfaltigkeit aufgespeichert. — So wie wir bei dem Edelmetall Radium in den letzten Jahren geheimnisvolle Kräfte kennen gelernt haben, wie wir gesehen haben, dass es Strahlen aussendet von wunderbarer Art, wie Kraft der einen Art sich umsetzt in Kraft der anderen Art, ohne dass wir die Zusammenhänge ganz begreifen, so sehen wir auch von dem

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