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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 50

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 50 (sequence 16)
Language
German
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Seite 50. Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 4 5 alter deutscher Wiitschäften an Polen zu begünstigen und den deutschen Bauern in den Ansiedlungsprovinzen zu lockern“ Es stammt daher nur wenig mehr als 1/4 der Ansiedler aus Posen und Westpreussen, hingegen fast die Hälfte aus dem Ausland, besonders aus Russland. Die gleiche Verbindung nationaler und wirtschaftlicher Zwecke führte zu der Zurücksetzung katholischer Ansiedler, „da diese in polnischer Umgebung und Kirchengemeinschaft ihre deutsche Nationalität nur schwer bewahren können.“ Gegenüber dieser Politik, die bewusst den ursprünglichen Bevölkerungscharakter des Grenzlandes umzugestalten bestrebt war, hatten sich die sogleich nach Errichtung der Ansiedlungskommission gegründete Bank Ziemski und die später entstehenden zahlreichen polnischen Parzellierungsbanken die Aufgabe gestellt, den Grund und Boden vor de^in Uebergang in „fremde“ Hände zu retten. Sie wollten den (einheimischen kapitalschwachen Besitzer stärken, den Zwergbauern zur Vprgrösserung ihres Stückchen Landes verhelfen, den landhungrigen polnischen Arbeiter, aber auch den Sachsengänger, der „in die Welt“ ging, sesshaft machen. In welchem Masse ihneil dies gelang, ergibt das statistisch nachgewiesene Anwachsen der Kleinstellen. Während die Ansiedlungskommission bis 1907 nur 2 416 Stellen in der Grössenklasse von 5 bis IO ha und 1. 191 Stellen von 2 bis 5 ha geschaffen hatte, stieg die Zahl der Stellen von 5 bis IO ha in den Ansiedlungsprovinzen von 1882 bis 1907 um 15217, in der Grösse von 2 bis 5 ha um 11 206, während die eigentlichen Arbeiterstellen in der' Grösse von o bis 2 ha, von denen die Ansiedlungskommission 2739 bis Ende 1918 angelegt hat, in der Zeit von 1895 bis 1907 um 22449 abgenommen haben. Lässt man die nationalen Gesichtspunkte einmal ausser Betracht, so muss man vom allgemein wirtschaftlichen wievom sozialpolitischen Standpunkt aus den auch aus diesen Zahlen sprechenden allmählichen Aufstieg des einheimischen Kleinbauern und die Sesshaftmachung des an seiner Heimat hängenden Wanderarbeiters als durchaus erfreulich bezeichnen. Für die Gesundheit eines jeden Volkes ist das Verhältnis des Menschen zur Scholle entscheidend. Für die Gesamtheit ist es fraglos ein Gewinn, wenn der schaffende Landmann leicht und unmittelbar Zugang zum Grund und Boden findet, wenn der Arbeiter ein ^Häuschen sein eigen nennt, in dem seine Familie sicher und unabhängig wohnt, und ein Stückchen Erde gross genug, um daraus den nötigsten Lebensunterhalt zu ziehen. Wenn ein hervorragender Vertreter der Ansiedlungskommission (vergl. „Die Ostmark“, 1911, Seite 75) hervorhebt, dass das polnische Element „auf einer breiten Schicht anspruchsloser, fleissiger, fruchtbarer bäuerlicher und Arbeiterbevölkerung auf gebaut ist“, so sollte man meinen, der Schluss läge nahe: Diese gesunde Bevölkerungsschicht muss der Staat nach Kräften fördern, nicht aber verdrängen. Wenn einst die Geschichte, dem Streit des. Tages entrückt, ihr Urteil über die 33 Jahre Ansiedlungspolitik fällen wird, so wird sie auch die Frage zu beantworten haben, ob nicht der preussische Staat das Ziel, eine zufriedene und ruhige Bevölkerung im Osten zu schaffen, eher erreicht hätte, wenn er die 62 Z Millionen des Ansiedlungsfonds für die Befriedigung des gesunden Landbedürfnisses der gesamten einheimischen Bevölkerung, für die. Schaffung von deutschen Dörfern und Schulen für deutsche Bauern und Arbeiter, von polnischen Dörfern und Schulen für polnische Bauern und Arbeiter verwandt hätte. Mildernd wird aber stets bei diesen Urteil berücksichtigt werden müssen, dass das einfache Volk in dem preussischen Landtag bei der Art seiner Zusammensetzung nur äusserst schwach vertreten war, und dass die lokalen Behörden, die die Ansiedlungspolitik durchzuführen hatten, aus Beamten bestanden, die gleichfalls nicht zu den „Einheimischen“ gehörten. Die Kenntnis der polnischen Sprache war für das Regieren nicht nur nicht erforderlich, sondern unter Umständen hinderlich, indem sie den Beamten der „Gefahr“ aussetzte, länger in dem „unwirtlichen Osten“ zu bleiben, als es seinen Wünschen im allgemeinen entsprach. So blieb ihm mit der Sprache auch das Empfinden des einfachen polnischen Mannes fremd. Eine neue Zeit ist angebrochen. Sie muss aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Keine Regierung kann heute die Stimme des Volkes überhören und die engste Fühlung mit den breiten Volksschichten entbehren. Das polnische Reich, dem die Provinz Posen nach den jetzt veröffentlichten Friedensbedingungen einverleibt werden soll, hat aus der eigenen Geschichte die verhängnisvolle Wirkung, aber auch die Erfolglosigkeit von Ausnahmegesetzen kennen gelernt. Es wird als Grundsatz für seine Ansiedlungspolitik nur die Freiheit des Einzelnen, soweit mit dem Gemeinwohl vereinbar, und die gleichmäßige Berücksichtigung sämtlicher einheimischer Bevölkerungsgruppen gelten lassen können. Es hat es auch ♦nicht nötig, für die Stärkung des zahlenmäßig an sich schon weit überlegenen polnischen Elements zu arbeiten, wohl aber wird es dafür zu sorgen haben, dass die mit der Posener Heimat verwachsene deutsche Minderheit und die jüdische Einwohnerschaft ihren Wünschen Und Fähigkeiten entsprechend Zugang zum Boden erhalten. - Hier soll nun in Kürze untersucht werden, ob die aus dem Osten etwa nach Posen einwandernden Juden fähig und willens sind, sich landwirtschaftlich zu betätigen, und ferner in Posen geeignete Gelegenheit hierzu finden. Seit 2 Jahrtausenden sind die Juden der Landwirtschaft entfremdet. Wenn die österreichische Statistik von 1900 zur Landwirtschaft n ,4 % aller Juden rechnet, so ist hieraus nicht zu entnehmen, dass es in Oesterreich einen jüdischen Bauernstand gibt. Die, Juden sind dort Gutsbesitzer oder Pächter oder betreiben neben dem Handel auf dem Lande noch etwas Garten- oder Lau dWirtschaft. Die fernere Arbeit aber leisten fast stets nichtjüdische Nachbarn oder Arbeiter. In . Kongresspolen machen die Juden etwa 2,6 % der Dorfbevölkerung aus, wogegen sie in etwa 150 Städten die Mehrheit, in fast allen Städten mehr als 1/i der Gesamtbevölkerung bilden. Trotzdem wäre es unrichtig, anzunehmen, dass der Jude nur im Handelsberuf und nur in städtischer Umgebung sich wohlfühlen kann. Der einseitig ausgebildete Erwerbssinn ist gerade durch die Abdrängung von der Scholle hervorgerufen. Das Geschäft ist dem einfachen Ostjuden nicht Hauptzweck, sondern soll ihm nur die Mittel einbringen, um seinen Unterhalt zu bestreiten, seinen religiösen Bedürfnissen nachzugehen und seinen Kindern eine gute Erziehung zu geben. Aus diesen Gründen bevorzugt er die Stadt. Wird ihm aber . die Möglichkeit geboten, diese Absichten in rein oder überwiegend jüdischer Umgebung auf dem Lande zu erreichen, so würde er die körperliche und geistige Eignung für den landwirtschaftlichen Beruf bei sachgemäßer Anleitung wiedererlangen. Einen Beweis hierfür bilden, selbst wenn man von den Baron Hirsch’schen Kolonien in Argentinien und den jüdischen Siedlungen in Palästina absieht, die jüdischen Ackerbaukolonien in Südrussland. Alexander I. von Russland stellte 1806 den Juden, die sich dem Ackerbau zuwenden wollten und ein Vermögen von mindestens 40O Rubeln besaßen, die Zuteilung geeigneten Bodens in Aussicht. Es erfolgten zahlreiche Meldungen, so dass alsbald 9 Kolonien im Gouvernement Cherson angelegt werden konnten, deren Zahl bis J 899

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