Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 4/5 (Mai/Juni 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 49 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Mr. 4/5 Mitteilungs-Blatt des jüdischen Volksrats Seite 49 auf autonome Entwickelung auf der Friedenskonferenz entsprochen werden wird, muss abgewartet werden. Wie aber auch das Schicksal dieser Forderungen sein mag, wir können nicht darauf verzichten, für eine menschenwürdige Behandlung von Z Millionen unserer Glaubensbrüder, für ihre politischen Rechte, wie für die Hebung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse mit unserer ganzen Kraft zu kämpfen. Zu diesem Zwecke müssen wir vor allem mit unseren Brüdern im Osten Fühlung zu gewinnen suchen, nicht als Kulturträger, denn nur ihre äussere Kultur ist niedriger als die unsere, sondern in dem brüderlichen Wunsche, ihnen näher zu treten und ihnen zu helfen. Wir müssen ihnen die Wege zu einer zielsicheren Organisation zeigen, müssen ihnen Einsicht gewähren in die Glieder unserer zur Verteidigung unsere Rechte geschaffenen Organe und Verbände, müssen durch Austausch der Gedanken uns gegenseitig befruchten und müssen die Ueberzeugung in ihnen wecken, dass der organisierte Kampf ums Recht eine sittliche Pflicht der Gemeinschaft ist, und dass wir diesen Kampf brüderlich mit ihnen zusammen führen wollen. Eine unerlässliche Vorbedingung hierfür ist aber — darüber besteht wohl kein Zweifel — eine völlige berufliche und soziale Umschichtung. Ist eine solche schon bei uns, den westpolnischen Juden, dringend erforderlich, um wieviel mehr wird sie bei einer Massensiedelung dringliches Gebot, wo Millionen Juden, wie in Kongress-Polen und Galizien auf verhältnismässig engem Raum zusammenwohnen. Freizügigkeit, das Recht auf Landerwerb und die Besiedlung des Landes mit Juden, die Erziehung der Juden zu körperlicher Arbeit und zum Handwerk sind in erster Linie anzustreben. An vorhandene Ansätze wird hier zweckmässig angeknüpft werden können. Gelingt es, diesen Plan in grösserem Umfange zu verwirklichen, so werden dadurch nicht nur viele Vorurteile beseitigt; auch in den Juden selbst wird die Liebe zur Heimat und die Bodenständigkeit vertieft; sie werden allmählich als wertvolle Bürger ihres Staates anerkannt werden und sie werden selbst ein erhöhtes Bewusstsein ihrer Staatszugehörigkeit gewinnen. Trotzdem wird mit einer starken Abwanderung nach dem Westen zu rechnen sein. Da ergibt. sich wieder für uns westpolnische Juden die Aufgabe, die erste Welle der Auswanderer hier aufzufangen und durch eine sorgfältige Organisation den Strom in die geeigneten Kanäle zu leiten. Es muss in Posen eine Einwandererzentrale gegründet werden, durch welche die zuwandernden Ostjuden beraten,, in der ihnen die Ortschaften und Gegenden nachgewiesen werden, in welchen sie Niederlassungsmöglichkeiten finden. Hierfür werden in erster Linie die Städte und Gemeinden der Provinz Posen selbst in Frage kommen. Sie können durch den Zustrom aus dem Osten neue Belebung und Förderung erfahren, auch wenn sie ihn anfangs mit nicht ungemischter Freude empfangen dürften. Die Vorurteile werden schwinden, sobald die Zuwandernden sich als fleissige, brave Leute erweisen werden, die nicht der Gemeinde zur Last fallen, sondern unter günstigeren äusseren Verhältnissen ihr Brot finden wollen. Nicht minder wichtig wird die Begründung einer Auswanderer-Beratungsstelle sein. Es kann nicht, ausbleiben, dass grössere Massen nach den westlichen Ländern oder nach Palästina, dem Lande, das sie mit der Seele suchten, auswandern. Nichts wäre verhängnisvoller, als eine planlose Auswanderung, sie würde-das Elend nur vergrößern. Straffe und zielbewusste Organisation der Auswanderung nur kann den Heimatlosen eine sichere Heimstätte, den Bedrückten eine frohe Zukunft sichern. Nur eine Organisation, die in den aufnahmebereiten Einwanderungsländern ihre korrespondierenden Zweigstellen hat, kann den Juden, die auswandern müssen, wirkliche Hilfe bringen; nur sie kann ihnen Arbeits¬ und Erwerbsmöglichkeiten schaffen, nur sie kann ihnen Ansiedelungsgelegenheiten nach weisen. Gelingt es dem Volksrat, das Hilfswerk an unsern Brüdern im Osten sowohl durch wirksame Hilfe in ihrem Kampfe um ihr Recht im Innern des Landes, als auch durch treue Beratung bei ihrön Ansiedelungs- und Auswanderungsbestrebungen zu organisieren, so würde er damit zu der segensvollsten jüdischen Organisation sich aus wachsen können und den Dank aller Juden des Weltalls hierfür ernten. Alle aber, die an dieser grossen Aufgabe mitzuarbeiten berufen sein werden, mögen erfüllt sein von dem Geist des Dichterwortes : „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, ln keiner Not uns trennen und Gefahr; Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben; Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen!“■ Alfred Marcus, Pinne. Zur Ostjudenfrage. 11. Posen als Siedlungsland. Die Provinz Posen ist ein überwiegend agrarisches Land. Von ihrer Gesamtfläche von 28YY2 qkm werden 75 % landwirtschaftlich genutzt. Sie ist Ueberschussgebiet, besonders für Brotgetreide, Futtermittel, Kartoffeln und Zucker. Der Grossgrundbesitz, worunter Betriebe mit mehr als lOO ha Anbaufläche verstanden werden, nimmt noch heute fast die Hälfte der gesamten Wirtschaftsfläche ein. Seine Verringerung durch Schaffung von deutschem Bauernland war das Ziel der preussischen Ansiedlungspolitik. Bis Ende 1918 hat die Ansiedlungskommission 827 Güter erworben, davon etwa 2/3 aus deutscher Hand. Sie hat von der erworbenen Gesamtfläche von 466323 ha 403837 ha aufgeteilt und hieraus 21 784 Ansiedlungsstellen geschaffen, davon die grössere Hälfte mittlere Bauernwirtschaften von 1 o bis 20 ha. Die Auswahl der Ansiedler erfolgte lediglich nach dem von Bismarck bei der Begründung des Entwurfs des Ansiedlungsgesetzes hervorgehobenen Leitgedanken, die Verhältniszahl der polnischen und deutschen Bevölkerung zum Vorteil der Deutschen zu bessern. Dieser Grundsatz führte u. a. dazu, die Ansetzung von Ansiedlern aus Posen und Westpreussen dauernd einzuschränken. Man fürchtete wie der Bericht der Ansiedlungskommission besagt, „durch die Zulassung von Einheimischen zu der aussichtsvollen Ansiedlung den Verkauf