Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 4/5 (Mai/Juni 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 48 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 48 Mitteilimgs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 4/5 Bevor durch diesen Bescheid die Eröffnung der jüdischen Schule in Posen zu Beginn des neuen Schuljahres gesichert erschien, hatte es der Vorstand der Synagogen- Gemeinde zu Posen für nötig befunden, seine Bedenken gegen dieses Schulwerk bei der Naczelna Rada Ludowa zum Ausdruck zu bringen. Im Hinblick auf diese Eingabe des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde sind gewisse Verzögerungen in der Hergabe der Schulräume entstanden. Der Protest der Gemeinde hat es auch bewirkt, dass der Fortbestand der Schule von der Behörde an die Bedingung der zukünftigen Zustimmung der Naczelna Rada Ludowa geknüpft ist.*) Immerhin ist die Schule eröffnet und zwar mit etwa 50 Kindern, die auf die beiden untersten Klassen verteilt sind. Die Eröffnung hat mit Beginn des Schuljahres am 1. Mai vormittags 9 Uhr in den Räumen Kl. Gerberstrasse 11 stattgefunden. Zu genannter Zeit waren dort die Schulkinder und eine grosse Anzahl von Eltern versammelt. Herr Lehrer Brzezinski eröffnete die kleine Feier mit einer Ansprache, in der er seiner Freude über die Gründung einer jüdischen Schule in Posen Ausdruck verlieh, und hervorhob, dass die Kamen Calvary, Galland und Kollenscher in der Geschichte der Schule unvergesslich bleiben werden. Er dankte den Leitern des jüdischen Volksrats für ihre Mühe umLAusdauer, den Eltern für das Vertrauen, das sie der Schule entgegenbringen. Darauf richtete Herr Gemeinderabbiner Dr. Freimann einige herzliche Worte an Eltern und Kinder und wies besonders auf das religiöse Moment hin, das für den Geist dieser Schule ' so wichtig und kostbar ist. Herr Brzezinski sprach darauf noch einmal zu den Kindern, indem er ihnen in Form eines Märchens .ihre Pflichten klar legte. Wir erblicken in der Eröffnung dieser Schule den Beginn eines umfassenden jüdischen Schulwesens für Stadt und Provinz Posen und betrachten deshalb den l. Mai als einen denkwürdigen Tag in der Geschichte des jüdischen Lebens im Posener Lande. Statt, wie zu erwarten stand, sich wenigstens vor der Macht der Tatsache zu beugen und eine nunmehr bestehende jüdische Einrichtung, die den höchsten und edelsten Zwecken des Judentums, der Verbreitung der Lehren, gilt, zu dulden, hat der Vorstand der Synagogeu-Gemeinde Posen es für zweckmässig erachtet, seinen Widerspruch den Behörden gegenüber nochmals in Erinnerung zu bringen.' Wir müssen dieses Verfahren umsomehr geissein, als die jüdische Schule in Posen sowohl wie das gesamte Schulwesen, dessen Gründung wir beabsichtigen, sich nur auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit aufbaut. Niemand soll gezwungen werden, seine Kinder in unsere Schule zu schicken; jedem sollen andere ^Lehranstalten offenstehen. Wenn, trotzdem diese Grundsätze vielfach öffentlich bekannt gegeben wurden, der Vorstand der Synagogen-Gemeinde die jüdische Schule zu unterdrücken bemüht ist, so handelt er gegen die anerkannten Grundsätze der Freiheit und Gerechtigkeit. — Die sämtlichen Schuleltern haben dem Vorstand darauf die gebührende Antwort erteilt. Sie haben von ihm, der doch auch ihre Interessen zu vertreten hat, die Rücknahme des Widerspruches verlangt. Der Vorstand wird sich diesem Verlangen der Gemeindemitglieder, die in ihren die Erziehung ihrer Kinder betreffenden Angelegenheiten von der Synagogengemeinde doch keinesfalls geschädigt werden dürfen, und über die sich der Vorstand auch nicht als ungeratener Ratgeber und unbestellter Vormund auf werfen darf, nicht entziehen können. Wie aber auch die Entscheidung des gegenwärtigen Vorstandes ausfallen wird — wir haben zu seinem durch »Liberalismus« geblendeten Verständnis für jüdische Angelegenheiten kein Vertrauen — der Bestand der jüdischen Schule ist gesichert. Die Verordnung des Oberpräsidenten, die konfessionelle Schulen anordnet, ist bestehendes Recht — auch für die Juden. Die Naczelna Rada Ludowa kann und will —: das wissen wir — von diesem Prinzip nicht abweichen. *) Die Zustimmung ist am 16. 5. 19 eingegangen. Neue Aufgaben. Auf seine erste Bezirkstagung kann der Posener Volksrat mit Befriedigungzurückblicken. Sie war ein imponierendes Vertrauensvotum der Juden unserer Provinz; sie war darüber hinaus ein klarer Beweis für die Notwendigkeit seiner Existenz. Darüber besteht wohl kaum noch eine Meinungsverschiedenheit, dass wir Posener Juden durch die umwälzenden Ereignisse der letzten Monate, unserer politischen Geltung beraubt, nur mehr Objekte der Gesetzgebung und recht passive Objekte der wirtschaftlichen Entwickelung geworden sind. Was auf Grund dieser Einsicht innerhalb des Volksrats an positiver Arbeit geleistet worden ist, verdient die dankbarste Anerkennung. Die Erwartung ist berechtigt, dass auch fernerhin der Volksrat gegen jede Rechtsverkürzung den Juden gegenüber Stellung nehmen und unsere berechtigten Ansprüche mit der gleichen Würde wie bisher vertreten wird. So wird der Volksrat nicht nur eine, sondern die Organisation zur Verteidigung der. Rechte der Juden im polnischen Staate werden. Hiermit erweitert sich für ihn der Ralulien seiner Aufgaben ganz erheblich im Hinblick auf die weit zahlreicheren Ostjuden in Kongress-Polen und Galizien. Sie werden nunmehr voraussichtlich auch in staatsrechtlichem Sinne unsere Volksgenossen und die Sorge um sie muss ums ein tiefes Herzensanliegen sein. Unsere östlichen Brüder sind bisher noch nicht von den wärmenden Strahlen der Gleichberech^' tigung, nicht einmal der papiernen, beschienen worden; ihre politischen Rechte waren unter der zaristischen Regierung und auch unter Oesterreich so eingeschränkt, dass wir in ihnen die wahren Träger des Golus in seiner erschütternden Wirklichkeit zu sehen haben. Es ist bekannt, dass ihr Wohnrecht auf bestimmte Rayons beschränkt war, dass sie nicht berechtigt waren, Land zu erwerben, dass der Zugang zu vielen Berufen ihnen versagt war, dass sie dadurch wirtschaftlich auf eine Stufe herabgedrückt wurden, die erheblich unter dem normalen Existenzminimum lag, sodass dadurch eine tiefe Verelendung der grossen Massen eintreten musste. Wir haben von der Zukunft auch nichts Besseres für die Ostjuden zu erwarten; denn die antisemitischen Ausschreitungen seitens der Polen sind bekannt, Sie lassen jede Befürchtung zu, wenn nicht sofort in die Verteidigung der Rechte der polnischen Juden eingetreten wird. Der vom Volksrat ausgearbeitete und der Entente-Kommission übergebene Entwurf einer autonomen Gesetzgebung' für die Juden Polens stellt im grossen und ganzen die Linie 4dar, auf der sich die Forderungen für die Ostjuden zu bewegen haben. Ob und inwieweit dem berechtigten Anspruch