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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 45

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 45 (sequence 11)
Language
German
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Seite 45 Nr. 4/5 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats vor der Nationalversammlung, den WaKlen zur Preussischen Landesversammlung, den Stadtverordnetenwahlen, durch unsere Stellungnahme zu den wichtigen Wirtschafts- und Schulfragen bewiesen, durch Rundschreiben, die Sie alle kennen, und die das Ergebnis eingehendster Beratungen und sorgfältigster Erwägungen waren. Wir können mit Freuden konstatieren, dass unseren Anregungen, Ratschlägen und Weisungen niemals widersprochen worden ist, dass vielmehr unsere Direktiven tatsächlich befolgt worden sind. Wir haben von den Synagogengemeinden, an die wir unsere Rundschreiben geschickt haben, gefordert, dass sie den Inhalt der Schreiben bekanntgeben, z. B. durch Aushang in den Synagogen oder durch den Gemeindeboten, denn sonst wäre der Zweck unserer Bekanntmachung verfehlt. Wir haben immer gebeten, dass uns die Herren aus der Provinz über die Stimmung ihrer Heimat unterrichten und in allen Fragen unsere Ratschläge einholen; wir wiederholen diese Bitte für die Zukunft. Neben der Zusammenfassung der Juden unseres Landes haben wir immer grössten Wert darauf gelegt, unsere Tätigkeit in Zusammenhang mit den gesamten jüdischen Interessen zu bringen, sie der Einheitspolitik des jüdischen Volkes anzupassen. Darum sind wir stets bemüht, mit den Stellen des Auslandes in Verbindung zu bleiben, von denen aus einheitlich jüdische Gesamtpolitik getrieben wird. In der Uebereinstimmung mit diesen Stellen haben wir bisher zu unserer Freude einen wichtigen Beweis für die Richtigkeit unserer Politik erblicken können. Mit den Nationalräten des Ostens und den Organisationen in Basel, Warschau, Kopenhagen und Stockholm sind wir in ständiger Fühlung und durch sie über alles unterrichtet, was im jüdischen Leben der Welt vorgeht. Diese Verbindung ist notwendig und nützlich und für die interne Politik von sehr grosser Bedeutung. So viel von unserer organisatorischen und innerjüdischen Arbeit. Das nächste Ziel unserer Organisation liegt jedoch in der nach aussen gerichteten Arbeit, in der Herbeiführung eines guten oder wenigstens erträglichen Verhältnisse zu Deutschen und Polen. Wir müssen im Lande in einem politischen Verbände, wirtschaftlich mit beiden, kulturell neben Urnen leben. Da müssen geregelte Beziehungen bestehen. Sie zu schaffen, hat unser Volksrat übernommen. Die Politik, die wir darin treiben, bringt uns mit beiden Stellen in Berührung, mit Deutschen und Polen. Heber die Grundlage unserer Stellung habe ich Ihnen bereits Aufschluss gegeben. 'Wir lassen die Friedenskonferenz entscheiden und mischen uns in die Machtfragen nicht ein. Im Kampfe selbst, der zwischen Deutschen und Polen geführt wird, sind wir neutral. Wir können dies sehr gut durchführen, denn man weiss von uns, dass wir als Juden niemals Anspruch auf das streitige Objekt des Kampfes erhoben. Wir haben aber auch in vergangenen Jahrzehnten unsererseits nicht mitgewirkt,, um die Atmosphäre von Hass und Erbitterung zu schaffen, durch die jetzt der Kampf verschärft wird. Man weiss, dass wir als Juden niemals hakatistisch gewesen sind, dass wir stets die nationalen Rechte sogar der Minderheit — geschweige denn der Mehrheit — anerkannt und die Unterdrückungsmassnahmen gemissbilligt haben, wie wir selbstverständlich im, polnischen Staate eifrige Verfechter auch der deutschen nationalen Minderheit sein würden. Daraus ergeben sich unsere, Beziehungen zu den kämpfenden Parteien. Die Deutschen sind im Deutschen Volksrat organisiert, er ist etwas später entständen als wir; Als wir nach dem g. November in dem Vorzimmer des Soldatenrats standen, da trafen wir mit einigen deutschen Herren zusammen; wir haben sie erst darauf hingewiesen, dass sie sich auch eine Organisation geben müssten. Ob auf unsere Anregung die Tat zurückzuführen ist, das wissen wir nicht. ,Unser Volksrat ist jedenfalls der ältere, an uns haben die deutschen Herren gesehen, wie man sich organisieren muss. Wir haben mit dem deutschen Volksrat gute Beziehungen unterhalten. Es gab einige Fragen, in denen wir gemeinschaftlich beraten haben, um einheitlich vorzugehen. So haben ■ unsere Bürgerwehren gemeinsam für die Sicherheit in der Stadt bei den Wahlen zur deutschen National- und zur preussischen Landesversammlung gesorgt. In andern Fällen ergab sich ein gemeinsames Nebeneinanderarbeiten von selbst. Wir sind dann bei der Stadtverordneten-Wahl auseinander geraten und zwar aus dem Grunde, weil hierbei die deutsche Politik hakatistisch und antisemitisch betrieben wurde. Hätte es der Deutsche Volksrat den deutschen Parteien überlassen, ihrerseits vorzugehen, so hätten wir voraussichtlich auch unseren Wählern die gleiche Parole gegeben. Nachdem aber eine deutsche Einheitsliste auf gestellt war, konnten wir uns zu dieser Liste nicht verstehen. Die deutsche Einheitsliste bedeutet den geschlossenen Kampf gegen das Polentum, bedeutet den hakatistischen Block. Wir mussten erkennen, dass wir keinen Anspruch auf Neutralität mehr erheben dürften, wenn wir uns diesem Block anschlossen. Wir konnten aber auch unseren Juden nicht zumuten, Antisemiten zu wählen. So gingen unseren Tendenzen auseinander; wir haben den richtigen Weg gewählt und gefunden; dass wir Recht hatten, das hat man am Ergebnis der Wahl ja gesehen. Wir haben uns in diesem Falle vom Deutschen Volksrat getrennt. Das schliesst nicht aus, dass wir in Zukunft wieder manches gemeinschaftlich tun können. Zu der deutschen Regierung in Berlin haben wir Beziehungen. Die deutsche Regierung hat, so oft sie in Posen in die Verhältnisse eingegriffen hat, uns zugezogen. Als am 30. und 31. Dezember die Minister Ernst und Göhre usw. in Posen zu Verhandlungen weilten, ist der Jüdische Volksrat zugezogen worden. Wir haben uns an den Konferenzen beteiligt und haben unseren Standpunkt klar und deutlich zum Ausdruck gebracht. Wir haben .unseren Wunsch um nationale Autonomie betont und insbesondere die jüdische Schule verlangt. Bei mehrfachen Verhandlungen über Waffenstillstand usw. sind wir von deutscher Seite hinzugezogen worden. In den letzten Tagen haben wir wieder ein Zeichen des Vertrauens von der deutschen Regierung erhalten. In Berlin tagen die Vorberatungen für die Friedenskonferenz. Wir sind am 6. April durch ein Telegramm eingeladen worden, Vertreter nach Berlin zu entsenden, um als jüdische Sachverständige unsere Ansichten über die Lage und die Forderungen der Juden in der Provinz Posen dort mitzuteilen. Wir bemühen uns gegenwärtig, die Erlaubnis zur Reise zu erhalten. Unmittelbar nach Eingang der Erlaubnis werden 2 Herren von uns sich auf die Reise nach Berlin machen.*) Sie sehen daraus, dass wir mit den Deutschen im Einvernehmen stehen. Sie können daraus erkennen, wie wenig es auf Wahrheit beruht, wenn andere jüdische Kreise glauben, uns bekämpfen zu können, indem sie erklären, wir verletzten die Interessen des Deutschtums. Wir sind dazu da, jüdische Interessen wahrzunehmen, aber wir werden uns nie dazu hergeben, deutsche Interessen zu schädigen. Nun zu der anderen kämpfenden Partei, zu den Polen. Mit den Polen haben wir frühzeitig zu verhandeln angelangen, natürlich, ohne uns in unserer Stellung irgend etwas *) Die Reiseerlaubnis ist von der Nazelna Rada Ludowa verweigert worden.

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