Mannheim
Compact Memory

Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 44 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9569929-9582844-9582742--046-9582750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 44 Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats Nr. 4/5 .stände und Nationalitäten zu einer denkwürdigen Sitzung im Stadtverordnetensitzungssaale stattgefunden hat, durfte ich unsere Forderungen nach dieser Richtung hin formulieren. Diese Grundsätze sind die Grundlage unserer Tätigkeit geworden, sie sind es unverrückt bis zur Gegenwart geblieben und werden voraussichtlich auch die Richtschnur für unsere weitere Arbeit in aller Zukunft bilden müssen. Auf dieser Grundlage haben wir den Versuch unternehmen müssen, die Juden zu sammeln. Denn die Sammlung der Judenschaft erschien uns nicht nur notwendig, um gemeinschaftliche Erfolge nach aussen zu erzielen, sondern auch als Selbstzweck. Es geht nicht an, dass die Judenschaft in Parteigruppen zersplittert dasteht. Sie kann nur vorwärts kommen, politisch, religiös, kulturell und wirtschaftlich nur wirken, wenn sie geschlossen vorgeht und wenn der innere Kampf der Parteien aufhört oder wenigstens vor den gemeinschaftlichen Gegnern verstummt. Deshalb wollen wir eine geschlossene Front schaffen. Unsere Hauptarbeit geht daraufhin, die Judenschaft zusammenzufassen, ein einigendes Band um die Gesamtjudenschaft zu schliessen. Die Kreise, von denen unsere Gründung ausging, waren zunächst die alten nationalen Richtungen, die Zionisten und die Gesetzestreuen. Ihr Zusammenschluss ist kein Zufall. Die Zionisten haben immer anerkannt, dass das kostbarste Gut des jüdischen Volkes seine Religion ist, sie haben deshalb die Einheit zwischen religiösem und nationalem Judentum stets betont. Die Gesetzestreuen haben immer das jüdische Volk als den Träger der jüdischen Gotteslehre anerkannt und sie haben das Gottesvolk mit uns zu stützen und zu stärken versucht und verstanden. Deshalb war die Einigkeit zwischen diesen beiden Gruppen ohne weiteres gegeben. Es hat kaum einer Anregung bedurft, so fanden sie sich zusammen, sind zusammengeblieben. Sie haben den ersten, festen Block gebildet, auf dem der Volksrat ruht, und die erste Arbeit gemeinschaftlich geschaffen. Auch darüber hinaus haben sich sehr schnell weitere Kreise uns angeschlossen, Kreise, die zu dem Anschluss an uns durch die langen Kriegsjahre vorbereitet waren. Der Krieg hat vielen Juden zum ersten Male den Blick auf das Ostjudentum eröffnet. Wer es nicht schon früher gewusst hat, musste jetzt erkennen, wie drüben Millionen Juden leiden, auf die alle Grundsätze, die unsere Assimilanten anwenden, nicht passen. Es gibt dort Juden, die zwar staatsrechtlich russische oder polnische Staatsbürger wären, sich aber in nationaler Beziehung durchaus nicht als Russen oder Polen fühlen und nichts anderes sein wollen, als nur Juden. Und das hat die Erkenntnis mit sich gebracht, dass es doch Juden gibt, die nichts weiter als Juden sind und dass man dieser jüdischen Volksmasse Rechnung tragen müsse. Diese Ostjuden wollen rein jüdisch behandelt werden, wie sie nur Juden sein wollen. Es musste von dieser Erkenntnis aus sich die weitere Einsicht Bahn brechen, dass es schliesslich möglich ist, dass auch in mehr westlichen Landen Juden existieren, die sagen: „Wir wollen nichts anderes sein als Juden, wir wollen auch in nationaler und kultureller Beziehung nur Juden sein." Und diesen Kreisen, die so weit vorgeschritten waren, dass sie wenigstens die Möglichkeit eines nationalen Judentums einsahen, musste die weitere Erkenntnis kommen, dass wir hier in Posen in einer besonders bedrängten Lage stehen, dass wir nicht wissen, wann der Tag kommt, an dem wir mit den Ostjuden eine staatliche Einheit bilden werden. Sie mussten anerkennen, dass, wie auch immer die Verhältnisse sich gestalten werden, es mit der alten Art nationale Minderheiten zu behandeln, nicht mehr weiter geht, dass der zukünftige Staat hierin — sei es der preussische oder der polnische oder ein besonderer posenscher, — dass jeder Staat, der der Nachfolger des altpreussischen werden sollte, dessen alte Art nicht wird annehmen können. Auch die Juden, die ein nationales und kulturelles Eigenleben führen wollen, dürfen nicht zwangsweise einer anderen Nationalität zugeordnet und unterdrückt werden. Wenn alle Nationen selbständig über ihr Schicksal zu bestimmen haben, wenn allen nationalen Minderheiten dm Selbstbestimmung in der Form der nationalen Autonomie einzuräumen sein wird, so müssen auch diejenigen, die bisher nicht Nationaljuden waren, aber für die Zukunft sorgen wollen, zur Erkenntnis gelangen, dass unsere Politik die richtige ist, die diejenigen Juden zusammenschliesst, die nicht deutsche und nicht polnische Interessen, sondern jüdische Interessen mit den Forderungen nationaler Rechte hier im Lande vertreten. Dass es nationale Forderungen und Rechte gibt, dass die jüdische Nationalität besteht, wer möchte das jetzt wohl noch bestreiten! Das jüdische Volk lebt in seinen 15 Millionen Menschen, es reckt sich mächtiger und kraftvoller denn je empor, sein nationales Recht auf Palästina, sein Selbstbestimmungsrecht in allen Ländern wird von den Edelsten und Mächtigsten der Welt anerkannt. Ich kann Ihnen mitteilen, dass der Kreis derer, die diesen Gedankengang mit uns gemacht haben, kein geringer ist; auf Ziffern werde ich noch zurückkommen. Diejenigen, die mit uns gegangen sind, haben sich damit keine Treulosigkeit gegen das deutsche Volk zuschulden kommen lassen. Meine Herren, wir alle wissen, wie wir zum deutschen Volke stehen. Wir wissen, dass wir mit dem deutschen Volke Sprache und Kultur, Sitte und Gesetz, Wirtschaft und Ordnung teilen. Gerade jetzt, wo das deutsche Volk am Boden liegt, empfinden wir, wie nahe wir ihm verbunden sind. Das alles aber macht uns nicht unser Volk vergessen, mit dem wir durch unsere Väter verbunden sind, mit dem wir vor Gott und Menschen eine Einheit bilden, das auserwählte Volk. Auf Grund unsere Politik haben wir es nunmehr soweit gebracht, dass wir die stärkste jüdische Partei in unserem Lande hier sind, über die mächtigste und die kraftvollste Organisation verfügen. 52 Synagogen-Gemeinden haben sich uns angeschlossen. Wir begrüssen heute ihre Vertreter und auch die Vertreter der wenigen Gemeinden, die sich uns noch nicht angeschlossen haben, und von denen wir hoffen, dass der heutige Tag sie uns näherbringen wird. Wir können mit Freude darauf hinweisen, dass wir gerade in diesen letzteren Gemeinden viele Einzelmitglieder haben, dass uns eine grosse Anzahl von Vertrauensleuten in der Provinz unterstützen. lieber die Grösse unserer Anhängerschaft in der Stadt Posen gibt die Stadtverordnetenwahl die beste Auskunft. Mehr als drei Vierteile der Posener Judenschaft gehört zu uns. So fühlen wir uns berechtigt, uns vor aller Öffentlichkeit als die Vertretung der Juden auszugeben. Sorgen Sie dafür, dass diese Legitimation noch grösser wird. Wir haben unsere Mitglieder nicht durch agitatorische Tätigkeit gewonnen; sie sind zu uns gekommen, weil sie mit den Grundsätzen unserer Politik einverstanden sind. Wir haben die Freude, dass unsere Mitglieder uns nicht nur lose angeschlossen sind, sondern dass sie auch die Parolen befolgen, die wir herausgegeben haben. Wir haben uns im Laufe der Arbeitszeit in allen wich^ tigen Fragen an unsere Vertrauensleute gewandt und haben persönlich und schriftlich zu den wichtigsten Fragen der Politik Stellung genommen. Dies haben wir durch Parolen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.