Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 4/5 (Mai/Juni 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 42 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 42 Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats Nr. 4/5 Fuchs und Haafe keineswegs nur ein Intenfitätsunterfchied in den Empfindungen nach der einen oder anderen Seite hin, fondern eine unüberbrückbare Kluft. Denn Fuchs leugnet die Einheit des Judentums. Er empfindet, wie er Tagt, den französischen und englischen Juden gegenüber nicht viel anders als gegenüber den franzöfifchen und englilchen Chriften. Fuchs und die um ihn find eben die typifchen und unverfälschten Vertreter derer, die lieh für wafchechte Deutfche jüdischen Glaubens halten; und alle diejenigen von ihnen — das wird wohl die überwiegende Zahl fein — die dazu noch das typisch Jüdische aus ihrem religiösem Empfinden verloren haben, find lediglich Juden kraft Gintragung, ihr Judentum ift ein rein formelles. Zu diesen beiden Kategorien, zu denen wir oben vom logischen und ethischen Standpunkte ausführlich Stellung genommen haben, befindet sich Haafe im Gegensätze. Ich bin überzeugt, daß die Anfchauungen Haafe s eine erdrückende Mehrheit im Zentralverein für fich finden, daß weiteste Kreife, die nicht den Mut besitzen, mit dem Zentralverein zu brechen, es geradezu als Erlösung auffaffen würden, wenn die von Haafe dargelegten Ideen offizielle Geltung im Zentralverein erhielten. Möge die Arbeit Haafe s für feine Ideen nicht auf den eben besprochenen Aufsatz beschränkt bleiben. Gerade jetzt muß der Gedanke der Einheit des Judentums auch in der deutschen Judenheit feft verankert werden, damit das deutsche Judentum nicht abseits fteht bei der größten Aufgabe, die jetzt uns Juden gehellt ift: Die Neuerrichtung eines jü^ difchen Palästina. Wie läppisch klingt die zuweilen geäußerte Befürchtung, daß [die Schaffung eines jü" difchen Gemeinwesens in Palästina die politische Stellung der Diasporajuden erschüttern könnte. ln Palästina kann in absehbarer Zeit nur ein kleiner Teil der Judenheit Unterkommen, Millionen von Juden müssen, ob fie wollen oder nicht, im Galuth verbleiben. Mit freudigem Stolz werden fie auf die Kulturpioniere in Palästina blicken, die in erster Linie berufen find, der Welt zu zeigen, daß wir Juden an Körper und Geilt trotz all der Qualen uns gesund erhalten und der Welt noch mancherlei an Kulturgütern zu schenken haben, daß es eine Lüge ift, wenn man uns nur negativ-zersetzende, nicht produktive Fähigkeiten zutraut. Palästina wird das geistige Zentrum der Gefamtjudenheit ^werden. Die politische Stellung der Diasporajuden wird durch die Neuerrichtung PaläIJinas nicht im geringsten berührt und darf dadurch nicht berührt werden. Dieter Satz ift der unverrückbare Pol bei der Regelung des Paläftinaproblems und der Beziehungen der Diasporajuden zu Palästina- Daran können auch ein paar abweichende ultraradikale Redensarten nichts ändern. Jede Abweichung von dem Satze würde ja dem Zionismus den Resonanzboden entziehen, den er in der Judenheit der gesamten Welt hat und haben muß. Der HaafeTche Ideengang hat — das darf um der Wahrheit willen nicht verschwiegen werden—einen wunden Punkt, der allerdings nicht in den von ihm entwickelten Ideen selbst liegt: Dem Willen folgt nicht die Tat. Und doch gibt es gerade hier im Pofener Lande die reichlichfte Gelegenheit zur Verwirklichung jener Ausgleichsideen. Nicht mit Unrecht weift Haafe darauf hin, daß ganze Fragenkomplexe, z. B. das Problem der Volksgemeinde, leicht durch eine Verständigung gelöst werden könnten, wenn man fie ihres grundsätzlichen Gharakters entkleidete, der nur zu unfruchtbaren Debatten führe. Diese Gedanken find nun aber gerade hier in Pofen nicht neu. Unermüdlich hat der Jüdische Volksrat darauf hingewiefen, daß in ihm jeder feinen Platz findet, der die geleistete Arbeit billigt und die noch vor uns stehende, weitverzweigte und mühevolle Arbeit unterstützen will; von niemand verlangen wir das ausgesprochene Bekenntnis zum Nationaljudentum. Aber wo ift Dr. Haafe und fein Anhang geblieben? Wer die jüdische Gemeinschaft auffaßt wie Dr. Haafe und wer die bisher geleistete Arbeit des Jüdischen Volksrats auch nur in großen Umrissen kennt, kann doch nicht etwa immer noch auf dem Standpunkte ftehen, daß die spezifischen Interessen der jüdischen Gesamtheit — daß es solche Inter elfen gibt, wird wohl auch von unseren naivsten Gegnern nicht in Zweifel gezogen werden — von Nichtjuden wahrgenommen werden können oder gar müssen. Trotzdem läßt es die unter dem Vorfitz von Herrn Dr. Haafe stehende Ortsgruppe Pofen des Zentralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht nur bei der paffiven Refiftenz gegenüber dem Jüdischen Volksrat bewenden. Nein, der Jüdische Volksrat wird — wenn auch ohne Erfolg — auf Schritt und Tritt bekämpft. Wie wäre es foult möglich, daß unsere Gegner in einer öffentlichen politischen Wahlversammlung des Deutschen Volksrats die offizielle Erklärung verlesen laßen, daß fie zwilchen fich und den Nationaljuden einen dicken Trennungsstrich ziehen, und das — weil die Deutschnationalen versprachen, ihren Antisemitismus zeitweilig im Interesse der Einheit zurückzu stellen. Es wird lange Zeit nicht soviel Gummi herbeigeschafft werden können, um diesen Strich wegzuradieren. Soll ich noch an den Flugblattkampf gegen den Kandidaten des Jüdischen Volksrats für die Pofener Stadtverordnetenversammlung erinnern? Soll ich daran erinnern, daß ein im Annoncenteil der Zeitungen erschienener Wahlaufruf, der besagte, daß der Kandidat des Jüdischen Volksrats die Juden ins Ghetto zurückführen wolle, ohne den geringsten öffentlichen Protest un- , ferer Gegner hingenommen wurde? Wenn man mit Dr. Haafe der Meinung ift, daß der Unterfchied zwischen Zioniften und Nichtzioniften lediglich ein Unterfchied in der Intensität der Empfindungen nach der einen oder anderen Seite hin ift, dann versündigt man fich, wenn man dieses Treiben auch nur durch bloßes Gefchehenlaffen und Schweigen billigt; das ift bestimmt nicht der Weg zur Versöhnung und Verständigung. Es gibt hier nur eine bereits als ftabi 1 erwiefene Brücke zur Einigung: den Jüdifchen Volksrat Er ift die Bafis, auf der die Juden fchaft des Posener. Landes fich in ihrem u r w ü ch fi g-n atürli che n Sinn, ohne viel zu theoretifieren, zusammengefunden hat, er bleibt die Bafis, zu der fich auch noch der kleine Red der Outfider finden wird. Dr. Paul Chone.