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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 41

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 41 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4/5 Mitteilungs-'Blcitt des Jüdischen Volksrats Seite 41 Nach unteren früheren Erörterungen erübrigt lieh jeder Kommentar. Aehnliche Vertreter diefer wenig erfreulichen Gattung foll es auch in andern Ländern geben Semper idem] Ob Dr. Nußbaum wirklich glaubt, daß es einen Polen gibt, der in ihm einen polnischen Volksgenoffen erblickt? Merkwürdig ift, daß bei Nußbaum ebenfo wie bei dem Verfalter des ,Dziennikc-Artikels [ein Argument gegen die Gewährung der nationalen Rechte an die Juden im Vordergrund fleht: Die Befürchtung, daß damit eine Förderung deutfcher Kultur, eintrete. Man kann nicht leugnen, daß die Kultur der Juden in Polen, die naturgemäß eine Mifchkultur ilt, nicht unerhebliche Beftandteile deutfcher Kulturwerte aufweift; felbftverftändlich ift, daß die in den zu Polen neu hinzutretenden Teilen Deutschlands lebenden Juden dem deutschen Kulturkreis angehören. Aber daraus kann doch weder für die Forderung der Assimilation noch gegen die nationalen Rechte etwas hergeleitet werden. Polen wird feine Kultur nicht mit einer chinesischen Mauer gegen Deutschland umgeben, es wird den jetzt allenfalls noch verftändlichen Haß nicht in Permanenz erklären, es wird auf die Dauer keinen Kulturboykott gegen Deutschland durchführen. Die Kinderkrankheiten der Wiedergeburt des polnilchen Volkes werden schnell verschwinden. Die Ergebniffe national-kulturellen Wirkens müffen international fein, d. h. Gemeingut der getarnten Menschheit werden. Gerade auf dem Gebiete der Kultur berührt lieh der Nationalismus innig mit dem Internationalismus. Egoiftifche Absperrung einer Nationalkultur gegen fremde Kultureinflüffe ift unmöglich und wäre ein Unglück. Die Kultur der Juden ift durch ihre Behaftung mit Beftandteilen der deutschen Kultur nicht minderwertig geworden. Bei der Frage nach dem Schutzbedürfnis der Eigenart von Minoritäten kann es übrigens keineswegs darauf ankommen, ob die Eigenart wertvoll ift oder nicht, denn das zu entscheiden ift schon deshalb unmöglich, weil wir Menschen keinen Wertmelfer für das Typische im Volkstum haben; es kann auch nicht auf die Untersuchung ankommen, aus welchen Beftandteilen lieh die kulturelle Eigenart zufammenfetzt, sondern maßgebend ift die Tatfache des Beliebens einer [Eigenart. Diefe ift erhaltenswert, weil lie vorhanden ift. Wie fie lieh entwickelt, welchem Kulturkreis lie fich annähert, ob fie fich überhaupt einem andern Kulturkreis annähert, kann niemand prophezeien, das bleibt der betreffenden Minorität überlaffen, darin beliebt gerade ihre kulturelle Autonomie. Die Polen, die das Glück der Einigung und ungeahnten Auferftehung ihres Vaterlandes erlebt haben, werden, wenn die Zeit der Leidenschaften und des völkertrennenden Hasses verschwunden und vergessen fein wird, hoffentlich volles Verftändnis für diefe Ideengänge zeigen, und nicht nur in den Kreisen der Intelligenz, wo man uns jetzt schon durchaus begreift, sondern auch in den breiteren Massen. Schwerer wird es noch fein, untere jüdifchen Gegner auf den rechten Weg zu führen. Doch auch hier darf man die Hoffnung nicht aufgeben. Gerade jetzt kann man z B. in der die deutsche Judenfrage behandelnden Prelle beobachten, wie die mit fo mutiger Energie raftlos betriebene national-jüdifche Propaganda Früchte zu tragen beginnt. Trotz des heftigen Kampfes, den all jene mehr oder weniger Geheirpen Räte und fonftigen Notabein in den Tageszeitungen und Verfammlungsfälen gegen uns geführt haben, zeigt fich, wenn auch schüchtern und zaghaft, eine langsame Umftellung der Gedanken zu unterer Ideenwelt. Es muß da befonders des Aufsatzes gedacht werden, den Rechtsanwalt Dr. Haafe-Pofen in Nr. 7/8 (Jahrgang 1919) der „Neuen Jüdischen Monatshefte" veröffentlicht hat, und der die Ueberlchrift trägt; „Ausgleich, ein Wort der Verftändigung." Die Gedanken des Aufsatzes bieten m. E. in der Tat eine Verftändigungsmöglichkeit, vorausgefetzt, daß fie nicht graue Theorie bleiben, sondern in die Tat umgefetzt werden. Das wefentlichfte Zugeftändnis scheint mir das zu fein, daß Haafe die Stammesgemeinlchaft der Juden und damit also die Einheit des Judentums — mehr oder weniger ftarke Nüancierungen bei den Juden der verschiedenen Länder und Kulturkrdife find ja felbftverftändlich — anerkennt. Das ift ein erstaunlich klarer Bruch mit der vom Zentralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens und feiner ftumm gehorchenden ftudentilchen Leibgarde fo oft verkündeten Tliefe, daß die deutfehen Juden, ebenso die Juden anderer Länder lediglich eine Religionsgemeinschaft bilden, und daß der Zusammenhang zwilchen den Juden der verschiedenen Länder kein anderer ift, als der der in der Welt verftreuten Katholiken, Protestanten und Mohammedaner. Wieviel Dialektik, wieviel erbitterter Kampf mußte gerade in Deutschland aufgewendet werden, um dielen selbstverständlichen Gedanken wenigstens dem intelligenteren Teil unserer durch Parteifanatismus geblendeten jüdischen Gegner klar zu machen. Und Haafe bleibt ehrlicherweise bei der Feststellung der objektiven Stammesgemeinfchaft nicht ^flehen, er erkennt auch die subjektive Seite der jüdischen Gemeinschaft und betont, daß der im Deutschtum wurzelnde Jude, der kraft feines Blutes, feiner Tradition, feines Gefühls und feines Willens Jude fei, fein Deutschtum durchaus nicht schädige, ln diefer Synthese der jüdifchen Gemeinschaft liegt oder kann wenigstens alles liegen, was zum Begriff des wohlverstandenen jüdischen Nationalismus gehört. Das fühlt wohl auch Haafe heraus, wenn er sagt, der ganze Unterschied zwischen deutschen Zioniften und Nichtzioniften bestehe eigentlich nur in der Intensität der Empfindungen, mit denen der eine dem Deutlchtum, der andere dem Judentum zuneigt. Allgemein gesprochen ift dieser Satz keineswegs richtig; zwilchen Haafe und den Nationaljuden mag vielleicht nur noch diefer lntenfitätsunterfchied bestehen, der ja übrigens unter den einzelnen national gerichteten Juden ebenfalls vorhanden ist. Ich will Haafe nicht in den Geruch nationaljüdischer Gesinnung bringen, aber er ift uns mit feinem Aufsatz gefährlich nahe gerückt. Man darf jedoch nicht vergessen, daß Haafe in der weiten Welt des Zentralvereins vorläufig noch ein einzelner ift, vielleicht mit kleinem Anhang. Und dem allmächtigen Fuchs ift Haafe's gefährliche Gesinnung nicht entgangen. Er schüttelt ihn noch in demselben Heft, in dem Haafe's Aufsatz lieht, recht kräftig von feinen Rockfchößen ab. ln der Tat beliebt zwischen Fuchs und uns Nationaljuden ebenfo wie zwischen

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