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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-05-01 · 4/5 (Mai/Juni 1919) · p. Seite 39

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
4/5 (Mai/Juni 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 39 (sequence 5)
Language
German
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Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 39 Nr. 4/5/ fifch^n Art. Wenn auch innerhalb des deutfchen KuVturkreifes von einer jüdischen Kultur als solcher pfcht gesprochen werden kann, fo ift es doch die jüdifche Note, die als volksfremd empfunden wird, jene Note, die eben unaustilgbar und im Blute des auch noch fo intensiv assimilierten Juden feft verankert ift. In Kunft und Literatur, in Politik und Journalistik, auch in den Lebensformen steht der Deutlche die jüdilche Note. Die Antisemiten, für die die Inferiorität des jüdischen Volkes feftfteht, sehen in dieser Note Minderwertigkeit, Kulturabstieg. Gerechtdenkende, denen der arrogante Kulturdünkel derer um Chamberlain fernliegt, sehen in der jüdischen Note nur—und das mit Recht—die Andersartigkeit. Richard Dehmel hat einmal getagt, daß Max Liebermann nur darum für die deutsche Kultur fo wichtig werden konnte, weil er ganz Raffe, jüdische Raffe dar stellt. Einerseits das Gefühl weiter — nicht der schlechtesten deutfchenKreife, in ihrer Art durch die kulturelle Betätigung der Juden verfälscht zu werden, anderseits der Wunfch nicht geringer nationaler* jüditcherKreife,diefes Gefühl taktvoll zu respektieren, ferner das Bestreben dieser letzteren Kreise, die eigene Art wieder mehr zur Entwickelung zu bringen und unter eigener Flagge in Erscheinung treten zu lassen, führten im Jahre 1912 zu der berühmten — leider allzulchnell in Vergessenheit geratenen — Kunftwartdebatte, in der das zu zu lösende Problem in wahrhaft klastischer Weife dahin formuliert wurde: „Die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchftmöglich entwickeln können, während ste steh gegenseitig mindeftmöglich'hemmen."Nieraus möge man erkennen, daß die Assimilation über Kulturkrach zur Dissimilation, zum nationalen Gedanken führt. Es bleibt eben dabei: Assimilation von Völkern und Volksteilen ift unmöglich. Und wäre ste möglich, wir würden ste trotzdem ablehnen und aufs schärfste bekämpfen. Das Streben nach der Asstmilation von Volksindividuen deutet nicht nur auf einen intellektuellen, sondern auch auf einen moralischen Defekt. Die Erhaltung eines Volkstypus bedarf keiner Begründung. Sein Dafein ift der Grund feiner Daseinsberechtigung. Dieselbe Rolle, die der Einzelmenfch im Kreise feiner Familie spielt, spielt der Volkstypus im Kreise der Völker. Ebenso wie die Vernichtung des Einzelindividuums Mord ift, ift die Vernichtung des nationalen Gesamtindividuums ein Verbrechen. Es ift umfomehr ein Verbrechen, als die bisherige Cntwickelung der Juden in Westeuropa zeigt, daß das Affimilationsattentat nicht einmal zum Tode, sondern zu dauerndem Siechtum des betroffenen Volksindividuums führt, zu einem Siechtum, unter dem auch die Umgebung aufs schwerste leidet. Cs kommt hinzu, daß gerade die Juden in Polen, wo ste doch eine kompakte Maffe bilden, kulturell gesund geblieben find und; steh infolge der Kontinuität der Entwickelung eine stark ausgeprägte Eigenkultur bewahrt haben. Zivilifatorifches Manko läßt steh leicht und schnell ausgleichen. Reiche Kulturfehätze find zur Hebung gelangt, noch reichere werden ans Tageslicht* kommen, wenn die ersehnte Freiheit ihnen geschenkt ift. Nicht ohne GJund sagt So mbart einmal, daß das jüdische Volk eine der wertvollsten Arten dar stelle. daß eine gewaltige Lücke in der Menschenwelt entstände, wenn die jüdische Art verschwände. Und da feilten die Juden die Hand bieten zur Förderung der Assimilation! Ebensowenig wie Deutschland das Recht hatte, die Polen zwangsweife zu germanisieren, ebensowenig haben die Polen das Recht, von den Juden Aufgabe ihrer Eigenkultur zu verlangen. Gerade jetzt in der Geburtsftunde einer neuen Völkerethik ift der Kampf gegen den Schutz der nationalen Minderheiten, ift das Prinzip des Kulturzwangs, ein blamabler Grundsatz. Und wir begrüßen es mit Genugtunng, daß Wilfon der in Paris tagenden Konferenz der jüdischen Nationalräte erklären ließ, er billige die nationalen Wünsche der Oftjuden und werde für ihre Verwirklichung eintreten. Wo Tollte auch die Grenze der staatlich erzwungenen Einheitskultur fein! Die Religion ift bei den Juden fo eng verquickt mit allen Kulturerscheinungen, daß die zu erzwingende Einheitskultur schließlich sogar die Aufgabe der Religion oder einzelne/ religiöser Grundsätze notwendig erscheinen lasten könnte. Der Staat, der Kulturzwang übt, ist nicht weit ab von dem terroristischen Gebot: Guius regio, eins religio. Daß die Juden zu dem preußischen Kulturzwang gegenüber den Polen mitgeholfen hätten, ift in dieser allge^ meinen Fassung eine Unwahrheit, würde auch eine Revanche der Polen niemals rechtfertigen. Weite jüdische Kreise haben gegen Ausnahmebehandlung der Polen immer wieder protestiert. Insbesondere find es die national gerichteten Juden gewesen, die der gewaltsamen Germanifierungspolitik in der Oftmark stets verständnislos gegenübergeftanden haben und warmes Mitgefühl für die Unterdrückten empfanden. Uns Nationaljuden war es eben von jeher eine Selbstverständlichkeit, daß das Volk den Primat hat vor dem Staat, daß der Staat nicht feine Macht dazu mißbrauchen darf, steh die in ihm vorhandenen Volksindividuen mit mehr oder weniger Zwang fo zuzuarbeiten, daß er mit möglichst wenig Aufwand an Regierungskunst geleitet und alles über einen Kamm geschoren werden kann. Wir haben nie daran gezweifelt, daß die Völker in einem Staate auf Berücksichtigung ihrer Eigenart und deren Erhaltung ein natürliches und unantastbares Recht haben, daß jnur Regierungen, die komplizierteren Situationen nicht gewachsen find, dieses Recht als staatsfeindlich anfehen können. Und Worte dankbarer Anerkennung für unsere Stellungnahme stehen merkwürdigerweise zu leien — im ,Dziennik Poznanski' vom 3. November 1909. Mögen die Polen, die in der Assimilation der Juden eine Löfeng, [und sogar eine gute und gerechte Löfeng, der Judenfrage erblicken, dessen eingedenk fein, daß der Zwang zur Fremdkultur, die Unterdrückung der angestammten Kultur nicht nur zwecklos ist, sondern Staatsfeinde erzieht. Niemals hätten die Polen in Deutschland diese Erbitterung gegen alles Deutsche im Herzen getragen, wenn ste ihre freie Entwickelungsmöglichkeit gehabt hätten. Die Freiheit der Völker [und Volkssplitter muß die entsühnende Frucht dieses verbrecherischen Weltkrieges fein, ste muß der versöhnende Lohn der Menschheit für die unerhörten Leiden der Kriegszeit fein. Nur die Freiheit wird die Menschheit zufrieden stellen, nur ste wird in ihr die Liebe zum Staatsganzen wecken, und ste mit wahrer Hin-

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